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Das Gehirn kennt kein akademisches Alter.

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Das Gehirn kennt kein akademisches Alter.

Das Gehirn verändert sich ein Leben lang; die Frage ist, wie offen wir für diese Entwicklung bleiben.

Ab welchem Alter gelten wir als Erwachsene? Mit 18 Jahren laut Gesetz. Mit 25, wenn man einer gängigen Annahme über die Gehirnentwicklung Glauben schenkt. Mit 30 oder 40, wenn man gesellschaftliche Erwartungen hat. In der akademischen Welt gibt es einen deutlich detaillierteren Kalender: Bachelorstudent, Masterstudent, Postdoktorand, Assistenzprofessor, außerordentlicher Professor, Professor…

Doch dem Gehirn scheinen all diese Kategorien egal zu sein. In der Studie von Mousley und Kollegen wurden Diffusions-MRT-Daten von 4.216 Personen im Alter von 0 bis 90 Jahren analysiert. Anstatt nur die Größe bestimmter Hirnregionen zu betrachten, analysierten die Forscher, wie die strukturellen Verbindungen des Gehirns zu einem Netzwerk organisiert sind. Vier entscheidende Wendepunkte in diesem Organisationsprozess wurden identifiziert: 9, 32, 66 und 83 Jahre. Der markanteste Übergang findet nicht mit 18, sondern um das 32. Lebensjahr statt (https://www.nature.com/articles/s41467-025-65974-8).

Zwischen etwa 9 und 32 Jahren zeigt das strukturelle Netzwerk des Gehirns ein Muster zunehmender Integration und Effizienz sowie von Verschiebungen in der Spezialisierung. Ab dem 32. Lebensjahr kehren sich einige dieser Entwicklungspfade um. Von diesem Zeitpunkt an bis etwa zum 66. Lebensjahr beginnt eine relativ lange Phase, in der sich die Architektur des Gehirnnetzwerks allmählich und deutlich verändert. Eine weitere Veränderung ist im Alter von 66 Jahren zu beobachten, und um das 83. Lebensjahr herum zeigt sich ein völlig anderes Muster.

Das bedeutet nicht, dass wir bis zu unserem 32. Geburtstag Jugendliche sind oder dass sich im Gehirn jedes Einzelnen mit 32, 66 oder 83 Jahren plötzlich etwas verändert. Die Studie stellt jedoch unsere Vorstellung infrage, wonach die menschliche Entwicklung ein Prozess sei, der irgendwann im frühen Erwachsenenalter endet.

Weitere Studien stützen diese Ergebnisse. Im Jahr 2025 werteten Sun und Kollegen funktionelle MRT-Daten von 33.250 Personen aus 132 verschiedenen Zentren aus, die einen Zeitraum von der pränatalen Phase bis zum 80. Lebensjahr umfassten. Sie fanden heraus, dass sich die funktionellen Verbindungen des Gehirns im Laufe des Lebens nichtlinear verändern. Verschiedene Netzwerke folgen unterschiedlichen Entwicklungsverläufen; erkennbare allgemeine Wendepunkte erstreckten sich bis ins dritte und vierte Lebensjahrzehnt (https://www.nature.com/articles/s41593-025-01907-4).

Eine umfassendere Initiative, „Brain Charts for the Human Lifespan“, wertete 123.984 MRT-Scans von über 101.000 Personen aus, deren Lebensspanne von der Mitte der Schwangerschaft bis zum 100. Lebensjahr reichte. Dabei zeigte sich, dass graue und weiße Substanz sowie andere Hirnmerkmale deutlich unterschiedliche Entwicklungsverläufe aufweisen. Es konnte kein eindeutiger Zeitpunkt identifiziert werden, an dem die Entwicklung als abgeschlossen gelten kann (https://www.nature.com/articles/s41586-022-04554-y).

Dasselbe gilt für die Betrachtung kognitiver Fähigkeiten. Joshua Hartshorne und Laura Germine untersuchten die kognitive Leistungsfähigkeit von 48.537 Personen und machten eine überraschende und bahnbrechende Entdeckung für diejenigen, die annehmen, dass intellektuelle Höchstleistungen in einem einzigen Alter erreicht werden: Unterschiedliche Fähigkeiten erreichen ihren Höhepunkt in unterschiedlichen Lebensaltern. Manche erreichen ihn gegen Ende der Adoleszenz, andere in ihren Zwanzigern oder Dreißigern und wieder andere erst in ihren Vierzigern oder später. In nahezu jeder Phase des Erwachsenenalters kann unsere Leistung bei einer kognitiven Aufgabe abnehmen, bei einer anderen stabil bleiben und bei einer dritten sich verbessern (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25770099/).

Daher gibt es möglicherweise keinen intellektuellen „Höhepunkt“. Dies könnte weitreichende Konsequenzen haben, die über die Neurowissenschaften hinausgehen.

Wir regulieren die Gesellschaft, als wäre das Alter ein verlässlicher Indikator für den Entwicklungsstand. Wir erkennen die Volljährigkeit mit 18 Jahren an. Wir erwarten, dass Menschen mit etwa 30 Jahren ihr Berufs- und Privatleben etabliert haben. Und mit etwa 65 Jahren sprechen wir über den Ruhestand. Diese Grenzen mögen administrativ sinnvoll sein. Doch die Biologie muss sich nicht administrativen Zweckmäßigkeiten unterordnen.

Die akademische Welt verwechselt möglicherweise chronologisches Alter mit Leistungsfähigkeit.

Wir verwenden den Ausdruck „Forschende am Anfang ihrer Karriere“ und gehen davon aus, dass die intellektuelle Entwicklung auf den Karrierebeginn ausgerichtet ist. Förderprogramme setzen Einschränkungen wie ein bestimmtes Alter oder eine Postdoktorandenphase voraus. Akademische Lebensläufe werden stillschweigend verglichen und anhand einer erwarteten Entwicklung bewertet: Promotion in diesem Alter, Unabhängigkeit in jenem, Professur in einem weiteren. Wer mit 45 in die Forschung einsteigt, gilt als „spät“. Wer mit 70 seine beste Arbeit abliefert, wird fast als Ausnahme betrachtet. Doch das Gehirn ist kein Mechanismus, der einer akademischen Zeituhr unterliegt.

Altern ist nicht nur ein Prozess des Abbaus. Das Gehirn altert zwar, unterliegt jedoch zweifellos strukturellen und funktionellen Veränderungen. Großflächige funktionelle Netzwerke werden im Durchschnitt mit zunehmendem Alter weniger differenziert und spezialisiert. Doch es geht nicht nur um Verlust. Ältere Gehirne können Netzwerke auf andere Weise aktivieren, Veränderungen kompensieren und weiterhin auf Erfahrungen reagieren.

Ein gutes Beispiel hierfür liefert die Musik.

In einer randomisierten Studie mit 134 Erwachsenen im Alter von 64 bis 76 Jahren, die zuvor noch nie Klavier gespielt hatten, zeigte sich nach sechs Monaten Klavierunterricht eine Zunahme der kortikalen Dicke in den auditorischen Hirnregionen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die Musik hörte. Das alternde Gehirn verliert also nicht auf struktureller Ebene die Fähigkeit, auf neue und anspruchsvolle Fertigkeiten zu reagieren (https://nyaspubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/nyas.14762).

Ähnliche Beobachtungen lassen sich auch auf körperliche Aktivität übertragen. Forschungen deuten darauf hin, dass Bewegung die funktionelle Vernetzung des Gehirns bei älteren Erwachsenen verändern kann und dabei erfahrungsbasierte strukturelle und funktionelle Plastizität (Flexibilität) offenbart, insbesondere in Bereichen, die für das Gedächtnis wichtig sind (https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0047637421000658).

Dies legt nahe, dass das Alter einen komplexen Einfluss hat. Verarbeitungsgeschwindigkeit, gespeichertes Wissen, Gedächtnis, Denkvermögen, Wortschatz, Mustererkennung und emotionale Regulationsfähigkeiten verändern sich nicht gleichzeitig. Hirnvolumen, Integrität der weißen Substanz und funktionelle Vernetzung folgen keinem einheitlichen Zeitverlauf. Auch das biologische Altern variiert stark zwischen den Individuen.

Vielleicht sollte unsere akademische Kultur diese Komplexität widerspiegeln.

Ein 28-jähriger Forscher zeichnet sich durch Schnelligkeit, Flexibilität und die Bereitschaft aus, überholte Annahmen zu hinterfragen. Ein 58-jähriger Forscher hingegen verfügt möglicherweise über jahrzehntelang gesammelte Muster, Kontextinformationen und die Fähigkeit, die relevanten Fragen zu erkennen. Keines dieser Profile ist den anderen per se überlegen. Vor allem aber ist keines statisch.

Dies kann auch unser Verständnis von Mentoring verändern.

Oft stellen wir uns Mentoring als eine hierarchische Struktur vor: Erfahrene Wissenschaftler betreuen Nachwuchswissenschaftler. Doch wenn die kognitive Entwicklung des Menschen im Laufe des Lebens vielschichtig verläuft, sollte Mentoring ebenfalls vielschichtig sein. Junge Forscher können die intellektuellen Netzwerke ihrer erfahrenen Kollegen verändern, genauso wie erfahrene Forscher ihre eigenen prägen. Ein Labor, ein Fachbereich oder eine Universität kann nicht als Hierarchie abgeschlossener und unvollständiger Kompetenzen betrachtet werden, sondern als Netzwerk von Menschen an verschiedenen Punkten ihrer Entwicklungspfade.

Aus der erwähnten Forschung lässt sich auch eine persönlichere Schlussfolgerung ziehen.

Das akademische Leben erzeugt seine eigene Zeitangst.

Zu spät für eine Promotion.

Zu spät für einen Fachwechsel.

Zu spät, um Statistik zu lernen.

Zu spät, um mit dem Schreiben anzufangen.

Zu spät, um in die Forschung zurückzukehren.

Zu alt, um eine neue Methode zu lernen. Die Forschung rechtfertigt nicht die Illusion, dass alles in jedem Alter gleich einfach ist. Dennoch liefert sie uns einen triftigen Grund, dem Ausdruck „zu spät“ skeptisch gegenüberzutreten. Das menschliche Gehirn erreicht nicht einfach eine endgültige Form und bildet sich dann zurück; es restrukturiert sich ständig. Unterschiedliche Fähigkeiten entwickeln sich auf unterschiedliche Weise. Erfahrung bleibt wichtig. Selbst im hohen Alter behält das Gehirn die Fähigkeit, messbare Veränderungen durchzumachen.

Es gibt einen ständigen Wandel.

Das Gehirn kann mit 32 Jahren eine neue topologische Phase erreichen, mit etwa 66 Jahren eine weitere und vielleicht noch eine weitere mit etwa 83 Jahren… Diese Zahlen sollten nicht einfach zu neuen Mustern werden, die die alten ersetzen. Ihr wahrer Wert liegt darin, uns daran zu erinnern, wie künstlich die Muster sind, die wir schaffen.

Eine akademische Karriere sollte kein Wettlauf um „Abschluss“ sein; sie sollte ein Lebensprozess sein, in dem wir unsere Fähigkeit bewahren, uns zu verändern.