Der Satz „Nie wieder“ ist nur dann sinnvoll, wenn er sich nicht nur auf ein Volk, sondern auf alle Völker bezieht.
Obwohl die Zerstörung, die Hungersnot, die Vertreibung und das Massensterben in Palästina nicht mehr so im Vordergrund der internationalen Nachrichten stehen wie früher, dauern sie an. Diese Woche möchten wir uns speziell mit der israelischen Seite des Konflikts befassen, genauer gesagt mit der Position des israelischen Staates im Verhältnis zum Völkerrecht, zu den Menschenrechtsnormen und zu universellen moralischen Prinzipien.
Wie Professor Moshe Maoz in seinem Artikel „Von einer Demokratie zum Paria-Staat: Israels moralischer Niedergang“ darlegt, hat sich Israels internationales Ansehen in den letzten Jahren dramatisch verändert. Einst als „fehlerhafte Demokratie unter einer Sicherheitsbedrohung“ betrachtet, wird Israel trotz aller Kritik zunehmend als „ausgeschlossener/Paria-Staat“ wahrgenommen. Diese Wandlung ist nicht auf ein einzelnes Ereignis zurückzuführen; dies ist eine Folge der bisherigen Politik in Gaza und im Westjordanland, ziviler Opfer, humanitärer Katastrophen und der Wahrnehmung systematischer Verstöße gegen völkerrechtliche Normen (https://ihcr.institute/writing/a-democracy-turned-pariah-state-israels-moral-unraveling/).
Diese Isolation ist nicht nur eine politische Reaktion von außen. Auch innerhalb Israels selbst mehren sich die Stimmen der Moral. Israelische Menschenrechtsorganisationen wie B’Tselem (https://www.btselem.org/press_releases/20250728_our_genocide) und Physicians for Human Rights-Israel (https://www.amnesty.org/en/latest/news/2025/07/israel-opt-israeli-organizations-conclude-israel-committing-genocide-against-palestinians-in-gaza-in-another-milestone-for-accountability-efforts/) haben Berichte veröffentlicht, in denen sie die Ereignisse im Gazastreifen als Völkermord bezeichnen; insbesondere haben sie die Angriffe auf die Zivilgesellschaft, das Gesundheitssystem, die Lebensbedingungen und die grundlegende humanitäre Infrastruktur als schwere Verbrechen gegen das Völkerrecht eingestuft. Die vom Internationalen Strafgerichtshof ausgestellten Haftbefehle gegen Benjamin Netanjahu und Joav Gallant wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zeigen, dass dieser Prozess nun von einer rein moralischen zu einer juristischen Frage geworden ist (https://www.icc-cpi.int/news/situation-state-palestine-icc-pre-trial-chamber-i-rejects-state-israels-challenges).
Selbstverständlich waren die Angriffe der Hamas auf Zivilisten am 7. Oktober 2023 inakzeptabel und sind in keiner Weise zu rechtfertigen. Kein Angriff kann jedoch die Kollektivbestrafung einer Bevölkerung, die Zerstörung von Städten, den Tod von Kindern durch Hunger und Bombardierungen, den Zusammenbruch des Gesundheitssystems und die Aussetzung des humanitären Völkerrechts rechtfertigen. Die Tatsache, dass die von Südafrika gegen Israel angestrengte Völkermordklage vor dem Internationalen Gerichtshof noch anhängig ist und der Gerichtshof das Verfahren weiterhin auf seiner Tagesordnung hält, zeigt, dass die Frage in der Weltöffentlichkeit nicht als vorübergehende politische Debatte, sondern als historisches, rechtliches und humanitäres Problem wahrgenommen wird (https://www.icj-cij.org/case/192).
Diese Situation ist besonders bemerkenswert angesichts der historischen Bedeutung des Prinzips „Nie wieder“. Juden sind ein Volk, das seit Generationen das Trauma und die Erinnerung an den nationalsozialistischen Völkermord trägt. Diese Erinnerung ist eine universelle moralische Mahnung nicht nur für Juden, sondern für die gesamte Menschheit: Kein Volk, kein Staat, keine Ideologie darf ein anderes Volk im Namen der Sicherheit oder der Rache entmenschlichen. Die Politik der israelischen Regierung widerspricht diesem universellen Prinzip und vermittelt den Eindruck eines moralischen Verfalls.
Trotzdem lehnen viele jüdische Einzelpersonen, Akademiker, Menschenrechtsaktivisten und Gemeinden weltweit diese Politik mit dem Slogan „Not in Our Name“ ab (https://www.jewishvoiceforpeace.org/resource/not-in-my-name-divest/). Diese Stimmen sind von unschätzbarem Wert, denn Kritik an der Politik der israelischen Regierung ist kein Antisemitismus. Im Gegenteil: Die Verteidigung des Prinzips „Nie wieder“, eines der wichtigsten moralischen Vermächtnisse der jüdischen Geschichte, das auch für die Palästinenser gilt, ist ein Eintreten für universelle menschliche Werte. Die zunehmenden Einwände einiger jüdischer Gemeinden in der Diaspora gegen Israels Gaza-Politik sollten daher aufmerksam beobachtet werden (https://www.aljazeera.com/news/2026/6/13/not-in-my-name-the-jewish-diaspora-fighting-the-consensus-on-israel).
Diese Einwände reichen jedoch noch nicht aus, um die israelische Politik grundlegend zu verändern. Während der israelische Staat weiterhin internationale Reaktionen, Menschenrechtsberichte, Gerichtsverfahren und Waffenstillstandsaufrufe weitgehend ignoriert, fügt er dem palästinensischen Volk nicht nur unermessliches Leid zu, sondern hinterlässt auch ein düsteres historisches Erbe für die eigene Gesellschaft und zukünftige Generationen. Jedes heute begangene Verbrechen, jedes unterdrückte Gewissen, jeder ignorierte Kindstod werden ein unauslöschliches Mahnmal für die Nachwelt bleiben.
Die Lösung liegt darin, dass die israelische Gesellschaft und die sie unterstützenden internationalen Akteure diese moralische Blindheit so schnell wie möglich überwinden. Sicherheit kann nur durch Recht, Frieden nur durch Gerechtigkeit und Erinnerung nur durch ein universelles Gewissen Bedeutung erlangen. Israel muss diese Politik, die es in immer tiefere Isolation und Ausgrenzung treibt, aufgeben, die Grundrechte der Palästinenser anerkennen, das Völkerrecht achten und Verantwortung übernehmen.