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Die Allgemeinmedizin als zentrale Disziplin im Gesundheitssystem

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Die Allgemeinmedizin als zentrale Disziplin im Gesundheitssystem

„Der Allgemeinarzt sieht das große Ganze.“

Ein von Academic Solidarity organisiertes Seminar für Allgemeinmediziner befasste sich mit dem Thema „Grundlagen der Allgemeinmedizin: Definitionen und der WONCA-Baum“. Das Seminar fand am 31. August 2026 statt und wurde von Prof. Dr. Zekeriya Aktürk geleitet. Es deckte ein breites Themenspektrum ab, von der historischen Entwicklung der Allgemeinmedizin bis zu ihrer aktuellen Definition, von den von WONCA Europe definierten Kernkompetenzen bis hin zur zentralen Rolle der Allgemeinmedizin im Gesundheitssystem.

Ein zentraler Punkt des Vortrags war die Notwendigkeit für die Allgemeinmedizin, sich und ihren Platz im Gesundheitssystem – anders als viele andere medizinische Disziplinen – stetig neu zu definieren. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die Allgemeinmedizin eine generalistische Disziplin ist, die sich nicht über ein bestimmtes Organ, eine Krankheit oder ein technisches Verfahren definiert, sondern über die gesamten Gesundheitsprobleme, die Lebensbedingungen und die Beziehung des Einzelnen zum Gesundheitssystem.

Laut der Definition von WONCA Europe aus dem Jahr 2023 ist die Allgemeinmedizin eine akademische und wissenschaftliche Disziplin mit eigenen Ausbildungsinhalten, Forschungsschwerpunkten, einer eigenen Evidenzbasis und einer eigenen klinischen Praxis. Sie ist zudem ein klinisches Fachgebiet mit Fokus auf die Primärversorgung.

Das Seminar hob hervor, dass die intellektuellen Wurzeln der Allgemeinmedizin weit über die der modernen Medizin hinausreichen. Im 5. Jahrhundert v. Chr. betonten Hippokrates und die Schule von Kos den Patienten, den Krankheitsverlauf und die Prognose, nicht die Krankheit selbst. Die Schule von Knidos (heute Datça) derselben Zeit legte hingegen mehr Wert auf die Klassifizierung von Krankheiten anhand ihrer Symptome und der betroffenen Organsysteme.

Diese beiden Ansätze können als historische Vorläufer der generalistischen, organbezogenen Unterscheidung in der modernen Medizin betrachtet werden:

Kos: „Welche Person ist krank und wie entwickelt sich ihre Krankheit?“

Knidos: „Welche Krankheit hat diese Person?“

Kos und die Region Knidos/Datça, die sich an den Grenzen der heutigen Türkei befinden, besitzen daher nicht nur im Hinblick auf die Geschichte der antiken Medizin eine besondere Bedeutung, sondern auch als symbolische Geografie zweier unterschiedlicher medizinischer Denkweisen.

Die Allgemeinmedizin hat im Laufe der Geschichte Höhen und Tiefen erlebt. Die Spezialisierung, die sich insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschleunigte, ließ die Bedeutung der Allgemeinmedizin vorübergehend in den Hintergrund treten, während die Fragmentierung des Gesundheitssystems und die Koordinationsprobleme ab den 1960er Jahren den erneuten Bedarf an Allgemeinmedizin deutlich machten. Der Vortrag hob hervor, dass die Berichte von Millis, Willard und Folsom aus dem Jahr 1966 wichtige Meilensteine in dieser Umstrukturierung darstellten.

Ein bemerkenswertes historisches Beispiel aus der Türkei wurde ebenfalls hervorgehoben: Obwohl er während der Putschzeit Staatssekretär im Gesundheitsministerium war, präsentierte das unter der Leitung von Prof. Dr. Nusret Fişek und seinen Kollegen erarbeitete Gesetz Nr. 224 zur Vergesellschaftung der Gesundheitsdienste bereits 1961 eine fortschrittliche Vision. Es vereinte bevölkerungsbezogene Dienstleistungen, regionale Verantwortung, die Integration von Prävention und Behandlung, Teamarbeit, Kontinuität und gegebenenfalls Überweisung.

Der Umfang der modernen Allgemeinmedizin wurde anhand des WONCA-Baums bewertet. In diesem Rahmen wurden die grundlegenden Merkmale der Allgemeinmedizin, wie sie sich in der täglichen Praxis widerspiegeln, detailliert erörtert:

  1. Gesundheit und Krankheit multidimensional betrachten
  2. Erste Anlaufstelle im Gesundheitssystem sein
  3. Gesundheitsleistungen koordinieren und sich bei Bedarf für den Patienten einsetzen
  4. Gesundheit und Wohlbefinden verbessern
  5. Akute und chronische Erkrankungen gemeinsam behandeln
  6. Frühzeitig mit noch nicht differenzierten Erkrankungen arbeiten
  7. Ein einzigartiger Entscheidungsprozess, der Prävalenz und Inzidenz in der Primärversorgung berücksichtigt
  8. Verantwortung für die Gesundheit der Gemeinschaft und der Umwelt zusätzlich zum Individuum übernehmen
  9. Durch regelmäßige Kontakte eine besondere Arzt-Patienten-Beziehung aufbauen
  10. Kontinuierliche, langfristige Versorgung gewährleisten
  11. Den Patienten zur aktiven Mitgestaltung seiner Gesundheit befähigen (Patientenermächtigung)
  12. Einen personenzentrierten Ansatz verfolgen, der den Menschen, seine Familie und sein Lebensumfeld in den Mittelpunkt stellt, nicht die Krankheit.

(Wonca-Europe 2023; https://www.woncaeurope.org/resources/view/the-european-definition-of-general-practice-family-medicine-wonca-europe-2023-edition)

Diese Merkmale zeigen, dass Allgemeinmedizin nicht „Medizin ist, die von allem etwas weiß“, sondern im Gegenteil ein eigenständiges Fachgebiet mit eigenen klinischen Denkweisen darstellt. Eines der zentralen Themen des Seminars war die Kontinuität und Koordination der Versorgung. In Ländern, in denen die Allgemeinmedizin im Mittelpunkt des Gesundheitssystems steht, endet die Verantwortung des Hausarztes nicht mit der Überweisung eines Patienten an einen Facharzt. Bereits der Millis-Bericht von 1966 stellte fest, dass die Verantwortung des Hausarztes für den Patienten auch nach einer Überweisung fortbesteht.

Deutschland ist ein aktuelles Beispiel dafür. Ein Hausarzt ist nicht nur für die akute Erkrankung des Patienten, sondern auch für dessen allgemeine Gesundheit verantwortlich. Nach einer Überweisung an einen Facharzt wird vom Hausarzt eine Rückmeldung erwartet. Der Zweck einer Überweisung besteht nicht nur in der bloßen Weiterleitung eines Patienten; der Hausarzt kann gegebenenfalls den Umfang der Konsultation festlegen, indem er vornehmlich Zweitmeinungen anderer Fachärzte einholt oder Antworten auf spezifische Fragen einholt. Die Befunde werden anschließend vom Hausarzt erneut geprüft, um einen ganzheitlichen Behandlungsplan für den Patienten zu erstellen. Auch das Koordinationskonzept der WONCA beschreibt diese Funktion.

Eine der Kernaussagen des Seminars war, dass eine fundierte theoretische und praktische Ausbildung von Hausärzten für das Funktionieren des Gesundheitssystems unerlässlich ist. Die Allgemeinmedizin ist keine Alternative zu anderen Fachrichtungen, sondern eine gleichwertige medizinische Fachrichtung. Daher sollten Qualität, Umfang und Dauer der Facharztausbildung denen anderer Fachrichtungen entsprechen. Da Ärzte mit unzureichender medizinischer Ausstattung am Eingang des Gesundheitssystems nicht nur ein Qualitätsproblem in der Primärversorgung darstellen, sondern durch unnötige Überweisungen, Untersuchungen und Krankenhauseinweisungen das gesamte System lahmlegen können, gewinnt diese Situation angesichts der Ärzteverteilung noch an Bedeutung.

Am Ende des Seminars wurde die 2026 von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) veröffentlichte Studie „Hausärztliche Primärversorgung – Garant für unser Gesundheitssystem“ diskutiert. Die DEGAM sieht die Allgemeinmedizin als eine der grundlegenden Garantien für ein kosteneffizientes Gesundheitssystem (DEGAM 2026 https://link.springer.com/article/10.1007/s44266-026-00563-6).

Die zentrale Aussage des Seminars lässt sich wie folgt zusammenfassen: Organzentrierte Fachrichtungen sind unverzichtbare Bestandteile der Medizin. Der Hausarzt hingegen begleitet den Patienten durch das gesamte Gesundheitssystem, verknüpft verschiedene Informationen, schützt die Gesundheit präventiv, trifft auch in unsicheren Situationen Entscheidungen und zieht bei Bedarf andere Fachärzte hinzu. „Der Allgemeinarzt sieht das große Ganze.“