Start Alle Kategorien-de Aktuell Aus der Türkei migrierte Ärztinnen und Ärzte diskutierten auf dem 4. Ärztekongress über berufliche Zukunft und Solidarität

Aus der Türkei migrierte Ärztinnen und Ärzte diskutierten auf dem 4. Ärztekongress über berufliche Zukunft und Solidarität

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Aus der Türkei migrierte Ärztinnen und Ärzte diskutierten auf dem 4. Ärztekongress über berufliche Zukunft und Solidarität

Der 4. Ärztekongress, organisiert von der Medical Academy and Care e.V. (MAC, https://medical-academy-care.de/), fand am 26. und 27. Juli 2025 in Frankfurt statt und wurde von über 200 aus der Türkei migrierten Ärztinnen und Ärzten besucht. Die Veranstaltung unter dem Motto „Medizin kennt keine Grenzen – Brücken bauen und Zukunft gemeinsam gestalten“ beleuchtete zahlreiche Aspekte des beruflichen Werdegangs von eingewanderten Ärztinnen und Ärzten in Deutschland.

Der zweitägige Kongress behandelte in acht Modulen Dutzende von Themen. Der erste Tag konzentrierte sich auf die klinischen Erfahrungen der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland, das Verfahren zur Facharztausbildung, die Approbationsphasen, akademische Karrieremöglichkeiten, freiberufliche Tätigkeiten und alternative Beschäftigungsmöglichkeiten. Der zweite Tag konzentrierte sich auf die Rolle künstlicher Intelligenz in der Medizin, grundlegende Informationen zum Versicherungssystem, berufliche Integrationsprozesse und ethische Verantwortung.

Auf dem Kongress begannen Prof. Zekeriya Aktürk, Vorstandsmitglied von Academic Solidarity e.V., und die Forschungsgruppe „Academic Writing“ mit der Datenerhebung für eine Studie, die Migrationsprozesse unter Teilnehmenden mit quantitativen und qualitativen Methoden untersucht. Die Gruppe hatte ihre migrationsbezogenen Forschungsergebnisse bereits in verschiedenen wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht (https://ijmshr.com/uploads/pdf/archivepdf/2024/IJMSHR_398.pdf, https://www.amazon.de/-/en/Zekeriya-Akt%C3%BCrk-ebook/dp/B0D8GM89R2, https://opus.bibliothek.uni-augsburg.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/111889/file/111889.pdf).

Die Teilnehmer hatten zudem die Möglichkeit, sich beim Frühstück und Abendessen auszutauschen. Die technische Infrastruktur und das kulturelle Angebot des Kongresshotels machten die Veranstaltung zu einer Plattform nicht nur für wissenschaftliche, sondern auch für soziale Solidarität. Am Abend wurde ein Konzert unter der Leitung von Ersin Kilic dargeboten. Herr Kilic, der als Musik- und Deutschlehrer tätig ist, engagiert sich seit etwa sechs Jahren ehrenamtlich in der Sprachförderung, insbesondere in der Vorbereitung immigrierter Ärztinnen und Ärzte auf die Fachsprachprüfung. Für diese Veranstaltung stellte er eigens eine Band zusammen, die ausschließlich aus immigrierten, ehrenamtlich engagierten Musikliebhabern bestand – darunter drei Ärzte. Auch seine 13-jährige Tochter Beyzanur war Teil der Gruppe; sie spielte sowohl die Bağlama (ein traditionelles türkisches Saiteninstrument) als auch die Bendir (eine Rahmentrommel) (https://www.instagram.com/guel.zar).

Die Migration von Ärzten aus der Türkei nach Deutschland ist nicht mehr individuell, sondern massenhaft.

In den letzten Jahren hat die Migration von Ärzten aus der Türkei nach Deutschland Rekordwerte erreicht. Allein die Telegram-Gruppe „Ärzte in Deutschland“ (Almanya’da Doktorluk) zählt aktuell 11.844 Mitglieder. Diese Zahl zeigt, dass Migration keine individuelle Entscheidung mehr ist, sondern eine strukturelle Flucht.

Die Wirtschaftskrise in der Türkei, der zunehmende Druck auf das Gesundheitssystem und der durch die politische Polarisierung verursachte Burnout zählen zu den Hauptgründen für diese Migration. Nach Angaben der Türkischen Ärztekammer beantragten allein im Jahr 2023 2.685 Ärzte ein Führungszeugnis für eine Tätigkeit im Ausland – im Jahr 2012 waren es nur 59 (https://www.ttb.org.tr/haber_goster.php?Guid=86cb0d7a-822c-11ee-bc4d-13da0eb35bac).

Die „Lasst sie gehen“-Mentalität und die zahlenmäßige Realität des Zusammenbruchs

Präsident Recep Tayyip Erdoğans Aussage, die die Abwanderung von Ärzten im Jahr 2022 herunterspielte und mit den Worten „Wenn sie gehen, lasst sie gehen“ bekräftigte, wird von vielen Ärzten als Wendepunkt angesehen. Laut Daten des türkischen Statistikinstituts erreichte der Rückgang des jährlichen Realeinkommens von Ärzten im Jahr 2022 30 %. In einem Umfeld, in dem die Inflation selbst nach offiziellen Angaben 60 % erreicht, befinden sich Ärzte in einer Zwickmühle zwischen finanzieller Not und beruflicher Unzufriedenheit (https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/secimden-sonra-yurtdisina-gitmek-icin-iyi-hal-belgesi-alan-doktor-sayisinda-rekor-2086732).

Inkompetenz, zunehmende Gewalt und politischer Druck machen die Ausübung der Medizin in der Türkei zudem unhaltbar. Viele Ärzte aus diesem Umfeld ziehen nach Deutschland, um dort nicht nur ein besseres Leben, sondern auch ein angeseheneres und ethisch fundierteres Berufsleben zu finden.

Die Bedeutung des Kongresses: Wissensaustausch, Moral und Solidarität

Der Kongress in Frankfurt war nicht nur für den Wissenstransfer von entscheidender Bedeutung, sondern auch für die Betreuung neuer Ärzte, die Vernetzung und die Stärkung der kollektiven Moral. Die bereitgestellten Informationen sind eine wichtige Orientierungshilfe, insbesondere für Ärzte, die sich in der Facharztausbildung oder Approbation befinden. Solche vom MAC organisierten Veranstaltungen tragen nicht nur zur Integration eingewanderter Ärzte in das deutsche Gesundheitssystem bei, sondern schaffen auch eine Art professionellen Widerstandsraum gegen den gesellschaftspolitischen Zusammenbruch, den die Türkei erlebt.