Die im Juni 2025 veröffentlichte umfassende Studie mit dem Titel „Das Anti-Autokratie-Handbuch: Ein Leitfaden für Wissenschaftler zum Umgang mit dem demokratischen Rückschritt“ analysiert systematisch die Auswirkungen des Demokratierückgangs auf die Wissenschaft. Dieser Text sollte unbedingt beachtet und auf der Tagesordnung bleiben: https://zenodo.org/records/15696097
Obwohl das Handbuch direkt aus der Perspektive der Entwicklungen in den USA verfasst ist, ist der darin präsentierte konzeptionelle Rahmen für Länder mit autoritären Zügen, wie etwa die Türkei, äußerst vertraut und aufschlussreich. Die wichtigste Erkenntnis des Berichts ist, dass Demokratie nicht allein aus Wahlen besteht; der eigentliche Zusammenbruch beginnt mit ungeschriebenen Normen, noch vor den geschriebenen Artikeln der Verfassung. Wenn demokratische Gepflogenheiten erodieren, schwächt sich das Prinzip der gegenseitigen Legitimität ab, und die Machthabenden beginnen, ihre Rivalen als außerhalb des Systems stehend zu betrachten – der Prozess des Rückschritts beschleunigt sich. In diesem Prozess wirken Populismus, Polarisierung und Postfaktizität zusammen. Regierungen, die vorgeben, im Namen des „Volkes“ zu sprechen, spalten die Gesellschaft, vernebeln die Informationslage und schwächen die Rechenschaftspflicht. Die Wissenschaft, die für kritisches Denken und evidenzbasierte Wahrheit steht, gerät ebenfalls ins Visier.
Das Handbuch verdeutlicht, warum die Wissenschaft zu den ersten Zielen im Prozess des Autoritarismus zählt. Ideologische Etikettierung von Forschungsbereichen, Kürzungen der Fördermittel, Beeinträchtigung internationaler Kooperationen, Erwartungen an „Loyalität“, juristische Ermittlungen und Verleumdungskampagnen sind allesamt Bestandteile dieses Prozesses. Die Parallelen werden deutlicher, wenn man die Exmatrikulationen, Passentzüge, Disziplinarverfahren und die Aushöhlung der universitären Autonomie betrachtet, die in der Türkei im letzten Jahrzehnt zu beobachten waren.
Ein weiteres im Bericht hervorgehobenes Konzept ist „Bestrafung als Prozess“. Ziel ist oft nicht die Verurteilung, sondern die Untersuchung selbst. Rufschädigung, öffentliche Anfeindungen, anhaltende Unsicherheit und juristischer Druck wirken an sich schon abschreckend. Die gefährlichste Folge dieses Klimas ist die Selbstzensur. Der Text definiert Selbstzensur als einen Eckpfeiler der Verhaltensarchitektur des Autoritarismus. Indem Menschen sich entscheiden, nicht zu sprechen, nicht zu schreiben, ihre Forschungsgebiete zu wechseln oder zu schweigen, wird die Repression zwar unsichtbarer, aber gleichzeitig hartnäckiger.
Die im Handbuch verwendete Metapher der „Serengeti-Strategie“ ist besonders eindrücklich. Autoritäre Repression richtet sich oft nicht gegen die gesamte Gruppe, sondern gegen einzelne Wissenschaftler, die sich scheinbar von ihr abgrenzen. Ziel ist es, andere zu isolieren, einzuschüchtern und den Solidaritätsreflex zu brechen. Die akademische Freiheit schrumpft so schrittweise. Dass bestimmte Disziplinen in der Türkei, insbesondere Menschenrechte, Gender Studies, Migrationsforschung und Minderheitenstudien, einer stärkeren Repression ausgesetzt sind, kann als Ausdruck dieser Strategie interpretiert werden.
Ein wichtiger Beitrag des Textes besteht darin, dass er Vorschläge unterbreitet, wie Wissenschaftler je nach Risikograd handeln können. Der diesen Vorschlägen zugrunde liegende Gedanke lautet: Niemand ist völlig allein, und Solidarität ist unabhängig vom Risikograd möglich. Manchmal können Medienverlautbarungen, manchmal die Archivierung von Daten, manchmal das Entwickeln kleiner, aber bewusster Einwände und manchmal das anonyme Erzählen der Geschichte Formen des Widerstands sein. Widerstand ist nicht immer ein lauter Protest; manchmal ist allein das Festhalten an der Wahrheit ein politischer Akt.
Der Bericht erinnert uns auch daran, dass Autoritarismus nicht von Dauer ist. Unter Bezugnahme auf Studien zu Massenbewegungen zwischen 1900 und 2006 stellt er fest, dass die meisten davon, an denen sich 3,5 % der Bevölkerung beteiligten, erfolgreich waren. Diese Erkenntnis verwandelt Hoffnung von romantischem Trost in eine strategische Möglichkeit. Solidarität ist auch eine Frage der Quantität; Sichtbarkeit und kollektiver Mut schaffen Schwellenwerte.
Aus der Perspektive akademischer Solidarität sollte dieses Handbuch nicht nur als Analyse, sondern auch als Aufruf zum Handeln verstanden werden. Die Verteidigung der Wissenschaft ist kein institutioneller Reflex, sondern ein ethisches Gebot. Die Erfahrungen von Akademikern im Exil, unter Druck oder zur Selbstzensur gezwungen sind, sind nicht bloß Einzelfälle; sie sind frühe Warnzeichen für einen Rückschritt in der Demokratie. Wenn der Raum für die Wahrheit schrumpft, sind die Universitäten die Ersten, die verstummen. Wenn Universitäten schweigen, meldet sich der Rest der Gesellschaft erst viel später zu Wort.
Die Verteidigung der Wissenschaft bedeutet nicht nur den Schutz einer Berufsgruppe. Es geht um den Schutz der öffentlichen Vernunft, des kritischen Denkens und der demokratischen Zukunftsperspektiven. Schweigen ist ansteckend, Solidarität aber auch. Da sich der Autoritarismus schrittweise ausbreitet, muss der Widerstand entsprechend aufgebaut werden.