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Die Aufmerksamkeitsökonomie und die NEET-Jugend

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Es reicht nicht, jungen Menschen einfach zu sagen: „Legt eure Handys weg.“ Wir müssen ihnen eine Zukunft aufzeigen, in der es sich lohnt, das Handy wegzulegen.

In der modernen Wirtschaft konkurrieren nicht mehr nur Arbeit, Kapital und Wissen; auch die menschliche Aufmerksamkeit ist zu einer handelbaren Ressource geworden. Soziale Medien, Kurzvideo-Apps, Online-Spiele, Kryptowährungsmärkte, Glücksspielkultur und das Versprechen von schnellem Reichtum – sie alle buhlen um dieselbe knappe Ressource: die Zeit und Aufmerksamkeit junger Menschen. Daher ist das Konzept der „Aufmerksamkeitsökonomie“ nicht nur ein technologisches Problem. Es berührt auch Bildung, Beschäftigung, psychische Gesundheit, soziale Ungleichheit und Humankapital.

Dieses Thema ist besonders relevant in Gesellschaften mit niedrigen Bildungs- und Beschäftigungsquoten unter jungen Menschen. Es gibt ein Konzept zur Beschreibung junger Menschen, die weder in Ausbildung noch in Beschäftigung sind oder eine berufliche Weiterbildung absolvieren: NEET (Youth not in employment, education or training) (https://www.oecd.org/en/data/indicators/youth-not-in-employment-education-or-training-neet.html). Laut Eurostat-Daten fielen im Jahr 2024 etwa 11 % der 15- bis 29-Jährigen in der Europäischen Union in die NEET-Kategorie (weder in Ausbildung noch in Beschäftigung) (https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Statistics_on_young_people_neither_in_employment_nor_in_education_or_training). In der Türkei ist die Situation deutlich prekärer. Nachrichtenberichte, die auf Jugenddaten des Türkischen Statistischen Instituts (TÜİK) basieren, zeigen, dass 23,3 % der jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren weder in Ausbildung sind noch einer Beschäftigung nachgehen (https://www.hurriyetdailynews.com/amp/nearly-one-in-four-young-people-in-turkiye-neither-studying-nor-employed-data-shows-222131). Diese Zahlen sind mehr als nur Wirtschaftsstatistiken; sie spiegeln das Potenzial der Gesellschaft für zukünftige Produktion, Lernen und Erneuerung wider.

Für junge Menschen erfordert die Entwicklung langfristiger Fähigkeiten Zeit, Disziplin, Übung und Geduld. Eine Sprache zu lernen, einen Beruf zu ergreifen, akademisches Wissen zu vertiefen, Software zu entwickeln, einen Handwerksberuf zu erlernen, wissenschaftliches Denken zu entwickeln oder sich auf ein gesellschaftlich nützliches Gebiet zu spezialisieren, geschieht nicht über Nacht. Die Aufmerksamkeitsökonomie bietet den Menschen jedoch ständig schnellere, einfachere und verlockendere Belohnungen. Kurze Videos, sofortige Likes, schnell konsumierte Inhalte und spekulative Gewinngeschichten ersetzen langfristige Anstrengungen durch kurzfristige Dopaminzyklen.

Das Gefährlichste an diesem Kreislauf ist nicht die verschwendete Zeit. Viel wichtiger ist, dass er die Erwartungshaltung junger Menschen verändert. Während die Vorstellung von Erfolg durch Anstrengung, Bildung, Berufserfahrung und gesellschaftliches Engagement an Bedeutung verliert, gewinnt der Traum vom „sofortigen Ruhm“, vom „viralen Erfolg“, vom „Reichwerden mit Kryptowährungen“, vom „großen Geldverdienen an der Börse“, vom „Phänomen“ oder vom „schnellen Aufstieg“ an Bedeutung. Natürlich gibt es Menschen, die in diesen Bereichen erfolgreich sind. Doch das sind oft Ausnahmefälle.

Die Aufmerksamkeitsökonomie macht diese Ausnahmen sichtbar, während die Verluste und die verschwendete Zeit der Mehrheit unsichtbar bleiben. Hier gilt das Prinzip „Der Gewinner bekommt alles“. Einige wenige erlangen große Bekanntheit, hohes Einkommen oder beträchtliche Gewinne, während ein viel größeres Publikum Stunden, Aufmerksamkeit und Lernenergie in Anspruch nimmt. Dies ist besonders verheerend für gefährdete junge Menschen. Wer seine Ausbildung abgebrochen hat, keinen Einstieg in den Arbeitsmarkt findet, keine berufliche Richtung gefunden hat oder dessen Zukunftsaussichten sich verschlechtert haben, neigt eher zu spekulativen Unternehmungen als zu geduldigem Kompetenzaufbau. Denn langfristige Wege erscheinen ihnen oft verschlossen, anstrengend oder sinnlos, während kurzfristige Versprechen greifbarer wirken.

Das Problem allein mit moralischer Panik anzugehen, ist nicht zielführend. Verallgemeinerungen wie „Junge Leute sind faul“, „Alles nur wegen der Smartphones“ oder „Das war nicht immer so“ verdecken die strukturelle Dimension des Problems. Denn es handelt sich nicht nur um Willensschwäche. Auf der einen Seite stehen hohe Jugendarbeitslosigkeit, eine Diskrepanz zwischen Ausbildung und Beruf, Unsicherheit und Stagnation der sozialen Mobilität; auf der anderen Seite existieren algorithmische Systeme der mächtigsten Unternehmen der Welt, die darauf abzielen, die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen und zu halten. Junge Menschen geraten oft zwischen diesen beiden Zwängen.

Auch die OECD-Studien zum Leben von Kindern im digitalen Zeitalter unterstreichen diese Komplexität. Die Nutzung sozialer Medien wirkt sich nicht auf alle Kinder und Jugendlichen gleich aus. Art und Umfang der Inhalte, die Art der Nutzung, bestehende Risiken im realen Leben sowie das soziale Umfeld können entscheidende Faktoren sein. Es wird jedoch betont, dass die Nutzung sozialer Medien, insbesondere bei gefährdeten Jugendlichen, mit suchtähnlichem Verhalten und Stress einhergehen kann. Daher geht es nicht nur um die reine Bildschirmzeit, sondern auch darum, welche psychologischen und sozialen Lücken der Bildschirm füllt (https://www.oecd.org/en/publications/how-s-life-for-children-in-the-digital-age_0854b900-en/full-report/introduction-and-main-findings_67c79516.html).

Es ist kein Zufall, dass viele Länder heute versuchen, die Nutzung sozialer Medien durch Kinder und Jugendliche einzuschränken oder die Suchtpotenziale dieser Plattformen zu regulieren. In der Europäischen Union werden neue Regelungen gegen manipulative und süchtig machende digitale Inhalte diskutiert, und in einigen Ländern, insbesondere in Australien, werden Altersbeschränkungen für den Zugang von Kindern zu sozialen Medien erwogen. Diese Entwicklungen zeigen, dass die Aufmerksamkeitsökonomie kein einfaches Problem mehr ist, das sich allein durch Erziehung lösen lässt (https://www.reuters.com/world/eu-targets-social-media-protect-children-von-der-leyen-says-2026-05-12/).

Verbote und Einschränkungen reichen jedoch nicht aus. Es geht darum, jungen Menschen wieder eine sinnvolle Zukunftsperspektive zu eröffnen. Wenn ein junger Mensch nicht daran glaubt, sich durch Bildung, einen Beruf, Wissenschaft, Kunst, Handwerk oder soziales Engagement eine Zukunft aufbauen zu können, lässt er sich nicht einfach von Bildschirmen ablenken. Bleibt diese Ablenkung jedoch ohne sinnvolles Ziel, wiederholt sich der Kreislauf. Die wirksamste Antwort auf die Aufmerksamkeitsökonomie ist daher nicht nur eine digitale Auszeit, sondern eine auf Kompetenzen basierende Wirtschaft, ethische Arbeitsbedingungen und sozial gerechte Politik.

Der Zugang junger Menschen zu hochwertiger Bildung, Berufsberatung, Praktika und Arbeitsplätzen, akademischer Freiheit, Räumen für kulturelle Produktion sowie einem sicheren sozialen Umfeld muss gefördert werden. Jugendliche, die weder in Ausbildung noch in Beschäftigung sind, sollten nicht nur als statistische Kategorie betrachtet werden, sondern als potenzielle Wissenschaftler, Lehrer, Ärzte, Techniker, Künstler, Unternehmer und Bürger, die der Gesellschaft drohen, verloren zu gehen.

Das Humankapital einer Gesellschaft verschwindet nicht über Nacht. Zuerst wird die Aufmerksamkeit abgelenkt, dann schwindet die Lernmotivation, dann wird die Kompetenzentwicklung unterbrochen, dann verringern sich die Zukunftsaussichten. Schließlich schmilzt wertvolles Humankapital wie Schnee in der Sonne. Um diesen Prozess zu stoppen, reicht es nicht, jungen Menschen einfach zu sagen: „Legt euer Handy weg.“ Ihnen muss eine Zukunft aufgezeigt werden, für die es sich lohnt, das Handy wegzulegen.

Islamische Gelehrte und Physiker diskutieren dieselbe Frage

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Die Frage nach Schicksal und freiem Willen, die islamische Gelehrte seit über tausend Jahren beschäftigt, zählt heute zu den größten Herausforderungen der modernen Physik.

Ein Video auf BBC Reel erinnert uns daran, dass die moderne Physik eine uralte Frage wieder in den Vordergrund rückt: Existiert freier Wille wirklich, oder sind menschliche Entscheidungen, wie andere Ereignisse im Universum, Teil einer vorbestimmten Ursache-Wirkungs-Kette? Das Video hinterfragt das Verhältnis zwischen Naturgesetzen, Kausalität und menschlichem Verhalten und merkt an, dass manche Physiker den freien Willen als Illusion betrachten. Obwohl diese Frage auf den ersten Blick der modernen Wissenschaft zuzuordnen scheint, handelt es sich tatsächlich um eine Neubetrachtung der Frage nach Schicksal, Determinismus und menschlicher Verantwortung, die in der islamischen Geistesgeschichte seit Jahrhunderten diskutiert wird. Das BBC-Video beschreibt diese Debatte als „Physik, die auf die Abwesenheit von freiem Willen hinweist“ (https://www.bbc.com/reel/video/p086tg3k/watch).  

In der modernen Philosophie bezeichnet „Determinismus“ grob gesagt die Vorstellung, dass sich die Zukunft zwangsläufig auf dieselbe Weise entwickeln wird, wenn der Zustand der Vergangenheit und die Naturgesetze gleich bleiben. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy definiert Determinismus als das Entstehen derselben Zukunft unter denselben Bedingungen der Vergangenheit und der Naturgesetze. Trifft dieser Ansatz zu, wird die Frage, ob Menschen „anders handeln“ können, zu einem ernsthaften Problem. Denn die Entscheidungen eines Menschen scheinen letztlich von Gehirnprozessen, biologischen Strukturen, Umwelteinflüssen und physikalischen Gesetzen abzuhängen (https://plato.stanford.edu/entries/freewill/).  

Diese Debatte ist nicht nur theoretischer Natur. Die Frage des freien Willens ist unmittelbar mit der moralischen Verantwortung verknüpft. Wenn Menschen tatsächlich nicht frei wählen können, wie können wir dann von Gut und Böse, von Verbrechen und Tugend, von Mut und Verrat, von Unterstützung oder Widerstand gegen Unterdrückung sprechen? Daher gilt das Verhältnis zwischen freiem Willen, moralischer Verantwortung und Determinismus als eines der umstrittensten Gebiete der philosophischen Literatur. Einige Philosophen argumentieren, dass selbst bei der Gültigkeit des Determinismus die moralische Verantwortung nicht gänzlich verschwindet. Dieser Ansatz ist als „Kompatibilismus“ bekannt (https://plato.stanford.edu/entries/compatibilism/).  

Im islamischen Denken wurde dieselbe Frage mit unterschiedlichen Konzepten gestellt: Ist der Mensch in seinem Handeln wirklich frei oder ist er vollständig an Gottes Willen gebunden? Diese Frage wurde in verschiedenen Traditionen der Kalam-Geschichte, wie dem Jabriyya-, dem Qadariyyah-/Mu’tazilitischen, dem Ash’aritischen, dem Maturiditischen und dem schiitischen Kalam, auf unterschiedliche Weise beantwortet.

Der Ansatz des Jabriyya betont, dass der Mensch in seinem Handeln nicht wirklich frei ist. Nach dieser Auffassung ist der Mensch nicht der unabhängige Akteur seiner eigenen Handlungen; letztlich geschehen diese unter dem absoluten Willen und der Macht Gottes. In dieser Hinsicht besteht eine auffällige Ähnlichkeit zwischen dem strikten Determinismus der modernen Physik und dem Jabriyya. Der eine betrachtet das Universum nach den Naturgesetzen, der andere nach dem göttlichen Willen; doch beide stellen die Frage, ob der Mensch einen „völlig freien Ausgangspunkt“ hat.

Am anderen Ende des Spektrums, gegenüber den Jabriyya, befinden sich die Qadariyya und die Mu’taziliten. Britannica definiert die Qadariyya als Verfechter der Lehre vom freien Willen im Islam und merkt an, dass dieser Name auch für die Mu’taziliten verwendet wird, die argumentieren, dass Menschen durch ihren freien Willen zwischen Gut und Böse wählen können. Das zentrale Anliegen der Mu’taziliten ist Gottes Gerechtigkeit: Wenn Menschen für Taten bestraft werden, die sie nicht selbst gewählt haben, wie ist das mit göttlicher Gerechtigkeit vereinbar? Daher betonen die Mu’taziliten den freien Willen, um die moralische Verantwortung des Menschen zu schützen (https://www.britannica.com/topic/Qadariyyah).

Die Ahl as-Sunna-Tradition hingegen strebt im Allgemeinen ein Gleichgewicht zwischen den beiden Extremen an. Im asch’aritischen Ansatz ist Gott der Schöpfer der Handlung; der Mensch „erwirbt“ die Handlung, das heißt, er übernimmt und besitzt sie durch seinen Willen. Dieser Ansatz, der darauf abzielt, die absolute Macht Gottes zu wahren, lehnt die menschliche Verantwortung nicht gänzlich ab. Im Laufe der Geschichte vertraten jedoch einige Kommentatoren die Ansicht, dass die aschʿaritische Tradition dem menschlichen freien Willen nur einen begrenzten Spielraum einräumt.

Die maturidische Tradition hingegen zeichnet sich dadurch aus, dass sie dem menschlichen freien Willen einen deutlich größeren Spielraum zugesteht. Britannica merkt an, dass der Maturidismus zwar Gottes absolute Macht betont, dem Menschen aber gleichzeitig ein Mindestmaß an Freiheit einräumt, um ihn gerecht zu belohnen oder zu bestrafen. In diesem Ansatz bedeutet Gottes Wissen keinen Zwang. Gott weiß zwar, wie die Menschen sich entscheiden werden; Wissen und Zwang sind jedoch nicht dasselbe (https://www.britannica.com/topic/Maturidiyah).

Eine ähnliche Formulierung des Mittelwegs wurde in der schiitischen Theologie entwickelt: „Weder Zwang noch völlige Straflosigkeit; ein Mittelweg zwischen beidem.“ Dieser Ansatz betrachtet den Menschen weder als absolut von Gott unabhängigen Akteur noch reduziert er ihn zu einem völlig passiven Wesen. In dieser Hinsicht besteht eine gemeinsame Sensibilität in den Hauptströmungen des islamischen Denkens: Bei der Bewahrung von Gottes Wissen und Macht wird darauf geachtet, dass die moralische Verantwortung des Menschen nicht aufgegeben wird.

Die moderne Physikdebatte stößt hier auf einen interessanten Berührungspunkt mit der islamischen Theologie. Die Physik fragt: „Wenn jedes Ereignis eine physikalische Ursache hat, wie frei ist dann die menschliche Entscheidungsfindung?“ Die Theologie hingegen fragt: „Wenn alles in Gottes Wissen und Willen liegt, wie verantwortlich ist dann der Mensch?“ Die einen argumentieren mit den Naturgesetzen, die anderen mit göttlichem Wissen und Willen. Doch im Kern beider liegt dieselbe Spannung: Wie lassen sich Determinismus und Verantwortung miteinander vereinbaren?

Natürlich hat die moderne Physik die Unmöglichkeit des freien Willens nicht endgültig bewiesen. Aktuelle Diskussionen, etwa über die Chaostheorie, die Quantenunsicherheit und das Entstehen von Bewusstsein in komplexen Systemen, erschweren ein starres und simplistisches Verständnis des Determinismus. So betont beispielsweise eine kürzlich auf Space.com veröffentlichte Analyse, dass die Physik den freien Willen zwar ernsthaft infrage stellt, Themen wie Chaos, Quantenmechanik und Emergenz die Frage jedoch nicht abschließend klären. Im Gegenteil, sie machen es noch komplexer (https://www.space.com/science/particle-physics/does-physics-say-that-free-will-doesnt-exist).

An diesem Punkt können islamische Gelehrte und Physiker viel voneinander lernen. Physiker können von dem feinen Gleichgewicht profitieren, das die islamische Theologie seit Jahrhunderten zwischen Schicksal, göttlichem Wissen, menschlichem freien Willen und moralischer Verantwortung anzustreben versucht. Islamische Denker wiederum können von den neuen Horizonten profitieren, die die moderne Physik in Bezug auf Kausalität, Unsicherheit, Komplexität und Bewusstsein eröffnet. Eine solche Begegnung bedeutet nicht, die Wissenschaft auf die Religion zu reduzieren oder die Religion zur Rechtfertigung der Physik zu machen. Vielmehr bedeutet sie, dass die großen Fragen der Menschheit in verschiedenen Sprachen und innerhalb verschiedener intellektueller Traditionen neu auftauchen.

Diese Diskussion ist von besonderer Bedeutung für die akademische Freiheit. Denn die Frage nach freiem Willen und Schicksal ist nicht bloß ein theoretisches Problem; sie ist auch wichtig für das Verständnis menschlicher Verantwortung in Zeiten der Unterdrückung. Autoritäre Regime treiben Menschen oft zum Gefühl: „Ich hatte keine andere Wahl.“ Bürokraten, Akademiker, Richter, Journalisten oder Ärzte erklären ihr Schweigen mitunter mit den Umständen, mitunter mit Angst, mitunter mit dem Schicksal. Phrasen wie „So war das damals eben“, „Das haben alle so gemacht“ und „Ich konnte nichts tun“ gleichen dem säkularen Determinismus der Moderne.

Doch sowohl unsere moralische Intuition als auch die Hauptströmung des islamischen Denkens lehren uns Folgendes: Der Mensch steht nicht völlig außerhalb der Umstände, aber er ist auch nicht völlig von ihnen gefangen. Familie, Gesellschaft, Angst, Eigeninteresse, Biologie, Politik und Druck beeinflussen menschliche Entscheidungen. Doch unter Einfluss zu stehen bedeutet nicht, dass die Verantwortung gänzlich verschwindet. Manchmal, selbst wenn es nur in einem begrenzten Rahmen geschieht, manchmal unter großen Opfern, manchmal in Einsamkeit, ist der Mensch gezwungen, eine Wahl zu treffen. In diesem Bereich der Wahlmöglichkeiten entfaltet sich die moralische Identität.

In diesem repressiven Umfeld sehen wir, wie manche Akademiker schweigen, andere sich mit den Machthabern verbünden, manche Ungerechtigkeit legitimieren und wieder andere für die Wahrheit einstehen und dafür einen hohen Preis zahlen. Um diesen Unterschied zu verstehen, bedarf es weder eines simplen Fatalismus noch der Vorstellung, der Mensch sei ein absolut freies Wesen, unabhängig von allen Umständen.

Letztendlich diskutieren moderne Physik und islamische Theologie dieselbe Frage in unterschiedlichen Sprachen: Hat der Mensch wirklich die Wahl? Die Antwort darauf ist nicht einfach. Doch so viel lässt sich sagen: Der Wille ist möglicherweise nicht unbegrenzt; Menschen treffen Entscheidungen unter dem Einfluss vieler sichtbarer und unsichtbarer Faktoren. Begrenzter Wille bedeutet aber nicht Verantwortungslosigkeit. Menschen sind Wesen, die sich innerhalb der ihnen gegebenen begrenzten Möglichkeiten auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Gewissen ausrichten können. Der Wert eines Menschen liegt in den Entscheidungen, die er innerhalb dieses begrenzten Rahmens trifft.

Von Fabriken ohne Arbeitskräfte zu Robotersoldaten: Welchen Wert werden menschliche Arbeit und menschliches Leben noch haben?

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Die wichtigste Frage der Zukunft lautet nicht: „Was können Roboter?“ Die eigentliche Frage ist: Was wird die Menschheit Robotern erlauben?

Einst waren Roboter einer der größten Träume der Menschheit. Sie sollten uns die schwere Arbeit abnehmen, unermüdlich in Fabriken arbeiten, gefährliche Aufgaben übernehmen und uns mehr Freizeit, Wohlstand und Sicherheit ermöglichen. Heute ist dieser Traum teilweise Wirklichkeit geworden. Künstliche Intelligenz schreibt, zeichnet, programmiert und analysiert; Roboter produzieren Güter in Fabriken. Autonome Systeme spielen sogar auf dem Schlachtfeld eine immer wichtigere Rolle. Doch hinter dieser Entwicklung verbirgt sich eine immer dringlichere Frage: Wenn Maschinen produzieren, Algorithmen Entscheidungen treffen und Roboter kämpfen, welchen Platz wird die Menschheit dann wirtschaftlich, sozial und moralisch einnehmen?

Diese Frage ist längst kein Thema mehr für Science-Fiction. „Lichtlose Fabriken“ oder „Dunkelfabriken“ bezeichnen unbemannte oder nahezu unbemannte Produktionsanlagen, die ohne menschliches Eingreifen und sogar ohne Licht auskommen. Laut Siemens handelt es sich dabei um Anlagen mit einem Automatisierungsgrad, der einen Betrieb mit nahezu null menschlicher Intervention vor Ort ermöglicht – selbst bei Dunkelheit (https://www.siemens.com/en-us/technology/lights-out-factory).

Dieses Bild ist technologisch beeindruckend und zugleich symbolträchtig. Die Fabrik produziert weiter, die Maschinen laufen, die Waren sind auf dem Markt, doch der Arbeiter ist nicht mehr da.

Künstliche Intelligenz und Robotisierung werden oft im Zusammenhang mit Effizienz, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit beschrieben. Kann eine Maschine dieselbe Arbeit schneller, günstiger und genauer erledigen, möchte das Unternehmen den Arbeiter durch die Maschine ersetzen. Wenn ein Konkurrent so vorgeht, sind andere gezwungen, nachzuziehen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten.

Eine im März 2026 veröffentlichte Studie mit dem Titel „Die KI-Entlassungsfalle“ (https://arxiv.org/pdf/2603.20617) argumentiert, dass dieser Prozess eine gefährlichere wirtschaftliche Falle darstellen könnte, als zunächst scheint. Die zentrale These des Artikels lautet: Selbst wenn Unternehmen individuell rational handeln, können sie in einen Automatisierungswettlauf geraten, der dem gesamten System schadet. Denn Arbeitskräfte sind nicht nur Produktionsfaktoren, sondern auch Konsumenten. Sinken die Einkommen der Arbeitnehmer, schwächt sich auch die Kundschaft der Unternehmen ab.

Anders ausgedrückt: Unternehmen können Arbeitskräfte kurzfristig durch künstliche Intelligenz und Roboter ersetzen, um Kosten zu senken. Tun dies jedoch alle Unternehmen, sinkt die Kaufkraft der Gesellschaft. Menschen, die arbeitslos werden oder deren Einkommen sinkt, konsumieren weniger. Dadurch schwächen die Unternehmen ihre eigene Kundschaft.

Die Aktualisierung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) für 2025 zeigt, dass die größte Präsenz generativer KI insbesondere in Büro- und Verwaltungsberufen zu beobachten ist und dass diese Präsenz auch in digitalisierten Fach- und Technikberufen zunimmt (https://www.ilo.org/publications/generative-ai-and-jobs-2025-update). Daher betrifft das Thema nicht mehr nur Fabrikarbeiter, sondern auch Angestellte, Hochschulabsolventen, Akademiker, Übersetzer, Juristen, Lehrer und sogar Ärzte.

In einem solchen Szenario ist es nicht verwunderlich, dass die Reichen immer reicher werden. Denn Roboter, Systeme der künstlichen Intelligenz, Dateninfrastrukturen und Plattformen befinden sich größtenteils in den Händen von Kapitaleignern. Wenn die Arbeitseinkommen sinken, während die Kapitaleinkommen steigen, verschärft sich die Einkommensungleichheit weiter. Dies ist nicht nur eine wirtschaftliche Ungerechtigkeit, sondern birgt auch die Gefahr eines Zusammenbruchs der Demokratie. Denn wo wirtschaftliche Macht konzentriert ist, konzentriert sich auch politischer Einfluss.

Daher ist die Debatte um die Robotisierung untrennbar mit der Debatte um den Wohlfahrtsstaat verbunden. Wenn ein immer größerer Teil der Gesellschaft von regulären, unbefristeten und sicheren Arbeitsplätzen ausgeschlossen wird, wie sollen dann die klassischen Sozialversicherungssysteme überleben? Wie sollen arbeitsbasierte Versicherungssysteme funktionieren, wenn die Arbeit selbst fragmentiert ist?

Der Artikel „Die KI-Entlassungsfalle“ warnt eindringlich davor. Laut den Autoren kann ein bedingungsloses Grundeinkommen zwar die Kaufkraft der Menschen stärken, den grundlegenden Anreiz für Unternehmen jedoch nicht beseitigen, Arbeitskräfte durch künstliche Intelligenz zu ersetzen. Das Grundeinkommen kann also als sozialer Puffer dienen, den Automatisierungswettlauf jedoch nicht stoppen.

Der Artikel diskutiert daher die Idee einer „Pigou-Automatisierungssteuer“ als gezielteres Instrument, das die sozialen Kosten der Automatisierung auf die Unternehmen abwälzt. Wie dieser Vorschlag in der Praxis umgesetzt werden könnte, ist natürlich diskutabel. Welche Technologie steigert die Produktivität und welche führt zu übermäßiger Automatisierung und verursacht soziale Kosten? Wird jedes Unternehmen, das Roboter einsetzt, besteuert? Werden kleine Unternehmen und Technologiekonzerne gleich behandelt? Das sind keine einfachen Fragen.

Doch die Debatte selbst ist wichtig. Denn es geht nicht darum, Technologie aufzuhalten, sondern darum, ihre sozialen Folgen demokratisch zu gestalten. Welche Jobs wir automatisieren, in welchen Bereichen wir menschliche Arbeit schützen und wer von der gesteigerten Produktivität profitiert – all das sind politische Entscheidungen.

Andererseits ging man davon aus, dass Tätigkeiten wie wissenschaftliches Denken, kritisches Analysieren, Schreiben, Lehren und Interpretieren nicht ohne Weiteres automatisiert werden könnten. Heute wird diese Annahme ins Wanken gerückt. Systeme der künstlichen Intelligenz können Literatur durchsuchen, Texte zusammenfassen, statistischen Code schreiben, Bewertungen ähnlich wie in Fachzeitschriften erstellen und Kursmaterialien vorbereiten.

Wenn Universitäten und Forschungseinrichtungen künstliche Intelligenz nicht zur Stärkung der akademischen Freiheit, des kritischen Denkens und der wissenschaftlichen Qualität einsetzen, sondern um Kosten zu senken, Kurse zu standardisieren, Personal abzubauen und den Produktivitätsdruck zu erhöhen, wird auch die Wissenschaft unter der sozialen Krise der Robotisierung leiden.

Die dunkelste Dimension der Robotisierung zeigt sich auf dem Schlachtfeld. Wenn Technologie, die menschliche Arbeit in der Fabrik ersetzt, beginnt, über Menschenleben auf dem Schlachtfeld zu entscheiden, geht es nicht mehr nur um Wirtschaft, sondern um Menschenrechte.

Autonome Waffensysteme werden als Systeme diskutiert, die ohne menschliches Eingreifen spezifische Ziele auswählen und angreifen können. Auf UN-Ebene stehen „letale autonome Waffensysteme“ seit Jahren auf der Tagesordnung. Das UN-Büro für Abrüstung berichtet, dass Generalsekretär António Guterres solche Systeme als „politisch inakzeptabel“ und „moralisch verwerflich“ einstuft und deren Verbot nach internationalem Recht fordert (https://disarmament.unoda.org/en/our-work/emerging-challenges/lethal-autonomous-weapon-systems).

Krieg zählt bereits zu den größten moralischen Krisen der Menschheitsgeschichte. Wenn die Entscheidung, zu töten, zunehmend Maschinen überlassen wird, könnte die Hemmschwelle für einen Krieg sinken. Denn Staaten, deren Soldaten einem geringeren Todesrisiko ausgesetzt sind, könnten eher zu militärischen Interventionen greifen. Robotersoldaten könnten, indem sie den Krieg „sauberer“ erscheinen lassen, ihn tatsächlich verbreiten.

Laut einem Reuters-Bericht vom März 2026 betonten internationale Gespräche in Genf die dringende Notwendigkeit von Fortschritten bei den Regeln für letale autonome Waffensysteme. Es wurde festgestellt, dass 128 Staaten einen unverbindlichen Text erwogen, jedoch noch keine verbindlichen globalen Standards existierten. Diese Verzögerung ist bedeutsam, da sich die Technologie schneller entwickelt als das Recht (https://www.reuters.com/world/progress-rules-lethal-autonomous-weapons-urgently-needed-says-chair-geneva-talks-2026-03-03).

Werden künstliche Intelligenz und Robotisierung lediglich als Instrumente zur Kostensenkung, zum Personalabbau, zur Gewinnmaximierung und zur militärischen Überlegenheit betrachtet, könnte dies zu einer ungleicheren, unsichereren und gefährlicheren Welt führen. Verknüpft man Technologie jedoch mit demokratischer Kontrolle, sozialer Gerechtigkeit, ethischen Grenzen und Menschenrechten, kann sie zu einem Werkzeug werden, das das menschliche Leben erleichtert, statt menschliche Arbeit zu zerstören.

Die Robotisierung ist unvermeidlich, doch welche Art von Robotisierung uns erwarten wird, ist ungewiss. Diese Entscheidung ist ebenso moralisch wie politisch wie technisch. Die Menschheit steht vor zwei Wegen: Der erste Weg umfasst die Produktion durch Roboter, Entscheidungen durch künstliche Intelligenz, eine zunehmende Kapitalkonzentration, den Rückgang der Mittelschicht, wachsende Unsicherheit und den Einsatz von Maschinen auf Schlachtfeldern. Der zweite Weg sieht vor, dass Technologie das menschliche Leben verbessert, anstatt menschliche Arbeit zu entwerten, Gewinne mit der Gesellschaft geteilt werden, der Sozialstaat gestärkt, Wissenschaft und Bildung ihren humanen Charakter bewahren und Entscheidungen über Leben und Tod im Krieg nicht Algorithmen überlassen werden.

Die wichtigste Frage der Zukunft lautet daher nicht: „Was können Roboter tun?“ Die eigentliche Frage ist: Was wird die Menschheit Robotern erlauben?

Die westliche Zivilisation könnte bald nicht mehr in den Spiegel blicken

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Die Jeffrey-Epstein-Akten sind nicht bloß die düstere Biografie eines Perversen. Sie öffnen ein Fenster in das Klima des Verfalls, in dem die westlichen Eliten leben. Diese Akten haben noch nicht alle Beziehungen, Vermittlungsketten und Vertuschungsmechanismen vollständig offengelegt. Doch eines ist bereits bekannt: Das System, das der Welt Recht, Transparenz und Menschenrechte predigt, sträubt sich vehement dagegen, die Machtstrukturen in seinem Zentrum zu kontrollieren. Der Fall Epstein ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme, sondern ein Symptom (https://www.justice.gov/opa/pr/department-justice-publishes-35-million-responsive-pages-compliance-epstein-files).

Dasselbe Symptom sehen wir in weitaus zerstörerischerem Ausmaß in der Außenpolitik. Während Zehntausende Menschen in Gaza sterben, ist die Sprache des Völkerrechts weitgehend selektiv. Während die Gewalt der Siedler im Westjordanland eskaliert und die Todesfälle im Gazastreifen auch nach dem Waffenstillstand anhalten, ist der Diskurs der „regelbasierten Ordnung“ nicht zu einem Prinzip geworden, sondern zu einem Instrument geopolitischer Privilegien. Internationale Institutionen haben sich geäußert, Gerichte haben Urteile gefällt, Berichte wurden veröffentlicht… Doch der politische Wille, insbesondere in westlichen Hauptstädten, fehlt, diese Normen für alle gleichermaßen anzuwenden.

https://www.icj-cij.org/case/192/provisional-measures

https://www.ochaopt.org/content/humanitarian-situation-report-10-april-2026

https://www.reuters.com/world/middle-east/unicef-says-israeli-fire-kills-two-gaza-water-truck-drivers-2026-04-18

https://www.reuters.com/world/middle-east/average-47-women-girls-killed-daily-during-gaza-war-un-says-2026-04-17

https://www.icc-cpi.int/news/situation-state-palestine-icc-pre-trial-chamber-i-rejects-state-israels-challenges

Mücahit Bilicis neuester Artikel befasst sich mit diesem Wandel. Er beschreibt es mit einer drastischen Metapher: Mit dem Zerfall des alten Imperiums entsteht ein neues techno-militärisches Regime (https://serbestiyet.com/featured/eski-imparatorluk-yeni-imparatorluk-235011/). Diese Diagnose mag übertrieben erscheinen; die darin enthaltene Richtung sollte jedoch unbedingt ernst genommen werden. Denn die Krise des Westens ist heute nicht nur eine Krise der Heuchelei. Tiefer greifend ist eine politische Selbstgefälligkeit, die Heuchelei nicht einmal mehr für notwendig hält. Wie Bruno Maçães betont, geht es nicht nur um Doppelmoral; manchmal geht es um die völlige Aufhebung jeglicher Standards. Analysen, die in POMEPS veröffentlicht wurden, zeigen, dass Heuchelei in der liberalen internationalen Ordnung keine Ausnahme ist, sondern häufig die gängige Praxis. Gaza hat dies jedoch unsichtbar gemacht (https://time.com/6553708/gaza-end-of-western-hypocrisy-essay/).

Was wir heute erleben, ist daher nicht allein ein israelisch-palästinensischer Konflikt. Die Frage ist vielmehr: Welche moralische Sprache nutzt die westliche Zivilisation, um sich selbst zu legitimieren, und warum hat diese Sprache an Glaubwürdigkeit verloren? Die Debatten um Pankaj Mishra (https://www.bostonreview.net/articles/gaza-and-the-end-of-history/) und die Schriften von Omar El Akkad (https://www.theguardian.com/world/2025/feb/24/omar-el-akkad-gaza-west-interview) legen nahe, dass Gaza für Millionen Menschen einen historischen Wendepunkt darstellt und das wahre Gesicht des westlichen Liberalismus offenbart. Man sagt nicht mehr einfach: „Der Westen hat wieder einmal widersprüchlich gehandelt“, sondern gelangt zu einem schärferen Schluss: Vielleicht liegt das Problem gar nicht in der Widersprüchlichkeit, sondern im System selbst.

Der Wandel der öffentlichen Meinung in den USA bestätigt dies. Laut Daten des Pew Research Center vom April 2026 haben 60 % der Amerikaner eine negative Meinung zu Israel. Der Anteil derer, die Netanyahu misstrauen, liegt in etwa auf demselben Niveau (https://www.pewresearch.org/short-reads/2026/04/07/negative-views-of-israel-netanyahu-continue-to-rise-among-americans-especially-young-people/). Wie der Guardian berichtet, gerät der traditionelle Konsens in Washington ins Wanken; tatsächlich gibt es im Senat einen Rekordwert an Widerstand gegen Waffenlieferungen an Israel (https://www.theguardian.com/us-news/2026/apr/17/slump-in-voters-support-for-israel-shakes-us-consensus-over-military-aid). Anders ausgedrückt: Die Kluft zwischen Gesellschaft und Machtapparat wächst. Es scheint nicht mehr so, als ob alles, was Staaten tun, auf der Zustimmung ihrer Bevölkerung beruht. Dies wirft eine neue Frage auf: Entfremden sich westliche Eliten zunehmend von der moralischen Intuition ihrer Bevölkerung?

In diesem Zusammenhang gewinnen die Epstein-Akten wieder an Bedeutung. Denn es geht nicht unbedingt darum, zu beweisen, dass alles von einer geheimen, zentral gesteuerten Organisation geplant wird. Es geht vielmehr um die Existenz eines Systems, in dem Macht, Geld, Geheimdienste, Politik, Medien und Erpressung aufeinandertreffen. In einem solchen System fallen einige Individuen, einige Akten werden geöffnet, einige Skandale kommen ans Licht; doch die Logik dieser Struktur lässt sich nicht ohne Weiteres ändern. Was sexuelle Verbrechensnetzwerke im Inland und Kriegsverbrechen sowie Kollektivstrafen im Ausland ermöglicht, ist dieselbe Kultur der Straflosigkeit der Eliten.

Der eigentliche Bruch vollzieht sich hier: Lange Zeit stützte sich der Westen auf ein Narrativ universeller Werte, das er der Welt präsentierte. Anstatt dieses Narrativ zu bewahren, übt er nun eine Machtausübung, die dessen Aufgabe in Frage stellt. Die heutige Reaktion auf den Westen ist daher nicht nur auf die israelische Politik, sondern auch auf die Aushöhlung eines umfassenderen zivilisatorischen Anspruchs. Setzt sich dieser Trend fort, wird der größte Verlust des Westens nicht militärischer oder wirtschaftlicher Natur sein. Sein größter Verlust wird der Verlust der moralischen Sprache sein, die ihn legitimiert.

Die Epstein-Akten sind die private Seite dieses Verfalls; die Gaza-, Libanon- und Iran-Linie ist seine öffentliche Seite. Die eine offenbart die Dunkelheit, die in Schlafzimmern, Villen und geschlossenen Kreisen herrscht; die andere die Straflosigkeit, die vor den Augen der Weltöffentlichkeit begangen wird. Was beides verbindet, sind keine Verschwörungstheorien; es ist das Privileg der Machthabenden, das Gesetz zu ihrem eigenen Vorteil außer Kraft zu setzen. Die Erkenntnis, dass unsere Wahrnehmungen der westlichen Welt nicht eine Anhäufung von Werten, sondern lediglich eine Illusion sind, könnte die westliche Zivilisation unfähig machen, in den Spiegel zu schauen.

Akademische Unabhängigkeit, politische Macht und der Preis der Kooperation

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Welche ethische Verantwortung tragen Wissenschaftler und Akademiker in politisch sensiblen Umfeldern?

Im Laufe der Geschichte standen Gelehrte, religiöse Führer und Intellektuelle immer wieder vor einem Dilemma: entweder mit der politischen Macht zu kooperieren und Einfluss zu behalten oder unabhängig zu bleiben und Ausgrenzung, Verfolgung oder Exil zu riskieren. Diese Spannung ist nicht neu. Sie tritt immer wieder in verschiedenen Ländern, Epochen und politischen Systemen auf – von der frühen islamischen Geschichte bis hin zu modernen autoritären Regimen.

Eine aktuelle historische Studie über Sufi-Führer in der frühen Republik Türkei (1925–1950) liefert ein besonders aufschlussreiches Beispiel. Entgegen der weit verbreiteten Annahme, religiöse Führer seien systematisch verfolgt worden, zeigt die Studie eine differenziertere Realität. Viele Sufi-Führer wurden nicht beseitigt; vielmehr wurden diejenigen, die sich mit dem Staat verbündeten, in die neue politische und institutionelle Ordnung integriert. Sie wurden Abgeordnete, Pädagogen, Beamte, Imame und Kulturschaffende. Nur eine relativ kleine Minderheit wurde inhaftiert, verbannt oder hingerichtet. Mit anderen Worten: Der Staat betrieb selektive Repression und selektive Integration statt flächendeckender Verfolgung (https://www.cambridge.org/core/journals/new-perspectives-on-turkey/article/sufi-leaders-in-the-early-turkish-republic-profession-privilege-and-persecution-19251950/0AE3FDB4C227E6448670BEF84C638514).

Dieses Muster ist nicht auf die frühe republikanische Türkei beschränkt. Es spiegelt eine umfassendere politische Logik wider: Staaten neigen dazu, unabhängige intellektuelle Autorität zu unterdrücken und gleichzeitig diejenigen zu belohnen, die der Macht Legitimität verleihen.

Heute lassen sich ähnliche Dynamiken weltweit beobachten. In der Türkei wurden beispielsweise verschiedene religiöse und intellektuelle Gruppen deutlich unterschiedlich behandelt. Während einige Bewegungen und Wissenschaftler mit Inhaftierung, Ermittlungen oder Marginalisierung konfrontiert wurden (wie die Hizmet-Bewegung, Alparslan Kuytul und das Netzwerk um Adnan Oktar sowie die Unterzeichner der „Akademiker für den Frieden“, entlassene kurdische Wissenschaftler und Intellektuelle und unabhängige Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft wie Osman Kavala und Selahattin Demirtaş), wurden andere in staatliche Institutionen integriert, geschützt oder sogar befördert (beispielsweise Mitglieder der Menzil-Gemeinschaft oder regierungsnahe religiöse Gelehrte wie Hayrettin Karaman). Diese Divergenz legt nahe, dass die politische Ausrichtung und nicht allein die ideologische Identität oft darüber entscheidet, ob Intellektuelle oder religiöse Persönlichkeiten als Partner oder Bedrohung wahrgenommen werden.

Dieses Phänomen beschränkt sich nicht nur auf die Türkei. Unabhängige Gelehrte waren im Laufe der Geschichte immer wieder Repressionen ausgesetzt.

In der islamischen Geistesgeschichte weigerte sich Imam Abu Hanifa, den Abbasiden zu dienen, und wurde daraufhin inhaftiert. Ahmad ibn Hanbal erlitt während der Mihna Inhaftierung und Auspeitschung. Malik ibn Anas wurde für die Veröffentlichung von Rechtsgutachten bestraft, die als politisch unliebsam galten. Said Nursi verbrachte Jahre im Exil und im Gefängnis. Diese Persönlichkeiten wurden zu Symbolen intellektueller Unabhängigkeit, doch sie hatte ihren Preis.

Die westliche Geistesgeschichte liefert ähnliche Beispiele. Galilei wurde von der Inquisition angeklagt. Giordano Bruno wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Während der Sowjetzeit sahen sich oppositionelle Intellektuelle wie Andrei Sacharow und Alexander Solschenizyn mit Exil und Gefängnis konfrontiert. Im nationalsozialistischen Deutschland wurden Akademiker, die Widerstand leisteten, entlassen, ins Exil gezwungen oder verfolgt, während diejenigen, die sich dem Regime anschlossen, oft beruflich aufstiegen.

Diese Beispiele verdeutlichen eine wiederkehrende strukturelle Spannung: Politische Autoritäten suchen oft Legitimität bei Intellektuellen, während unabhängige Intellektuelle die Narrative, auf denen Macht beruht, infrage stellen können.

Dies wirft eine unbequeme, aber notwendige Frage auf: Welche ethische Verantwortung tragen Wissenschaftler und Akademiker in politisch sensiblen Umfeldern?

Ein Ansatz ist die pragmatische Kooperation. Wissenschaftler arbeiten möglicherweise innerhalb von Institutionen, in der Überzeugung, dass der Einfluss von innen wirksamer ist als der von außen. Diese Strategie ermöglicht fortgesetzte Forschung, Lehre und öffentliches Engagement. Sie birgt jedoch das Risiko der Selbstzensur und eines schleichenden Verlusts der Unabhängigkeit.

Ein zweiter Ansatz ist die strikte Unabhängigkeit. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die diese Haltung einnehmen, priorisieren intellektuelle Integrität und kritische Auseinandersetzung, selbst auf die Gefahr hin, persönlich gefährdet zu werden. Dieser Ansatz wahrt zwar die akademische Glaubwürdigkeit, führt jedoch häufig zu Marginalisierung, beruflichen Konsequenzen oder Exil.

Ein dritter Ansatz, vielleicht der schwierigste, aber potenziell konstruktivste, ist die kritische Auseinandersetzung. Diese beinhaltet die Aufrechterhaltung institutioneller Kooperation bei gleichzeitiger Wahrung der intellektuellen Unabhängigkeit – die Unterstützung von Maßnahmen, wenn diese gerechtfertigt sind, die Kritik daran, wenn nötig, und die Weigerung, sich zu Instrumenten politischer Legitimation machen zu lassen.

Akademische Solidarität gewinnt in diesem Kontext besondere Bedeutung. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Repressionen ausgesetzt sind, tun dies oft nicht aufgrund methodischer Fehler oder akademischer Schwächen, sondern weil ihre Unabhängigkeit dominante politische Narrative infrage stellt. Diese Wissenschaftler*innen zu unterstützen ist nicht bloß ein Akt beruflicher Höflichkeit – es ist eine Verteidigung der akademischen Freiheit selbst.

Die Geschichte lehrt uns, dass intellektuelle Unabhängigkeit selten angenehm ist. Sie geht oft mit Unsicherheit, beruflichem Risiko und persönlichen Opfern einher. Doch die Geschichte zeigt auch, dass Gesellschaften am meisten von Gelehrten profitieren, die ihre intellektuelle Integrität bewahren, selbst unter Druck.

Die Spannung zwischen Kooperation und Unabhängigkeit wird wohl fortbestehen. Politische Systeme ändern sich, doch das Dilemma bleibt bestehen. Für Akademiker und Intellektuelle ist die zentrale Frage nicht, ob diese Spannung existiert, sondern wie man verantwortungsvoll mit ihr umgeht.

Und letztlich erinnert sich die Geschichte an diejenigen, die ihre Unabhängigkeit bewahrt haben, selbst unter hohen Kosten.

Zunehmende Kriege und Exil machen akademische Solidarität noch wichtiger

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Die Welt wird täglich instabiler, fragiler und unberechenbarer. Kriege, autoritäre Prozesse, politische Repression und Wirtschaftskrisen haben tiefgreifende Auswirkungen nicht nur auf Gesellschaften, sondern auch auf Universitäten und die akademische Freiheit.

Die erzwungene Emigration von Wissenschaftlern bedeutet nicht nur einen Karriererückschlag, sondern auch einen Verlust wissenschaftlichen Wissens, Bildungskapazitäten und intellektueller Leistung für ein Land. Dieser Verlust vollzieht sich jedoch oft im Stillen. Die entstehenden Lücken in Universitätsgebäuden, Forschungslaboren und Hörsälen sind oft nicht sofort erkennbar.

Zahlreiche Wissenschaftler in verschiedenen Teilen der Welt sind heute gezwungen, ihre Länder aufgrund von Krieg, politischer Repression oder Sicherheitsbedenken zu verlassen. Von der Ukraine bis Gaza, vom Sudan bis Afghanistan, von der Türkei bis Russland und nun auch bis zum Iran versuchen Wissenschaftler in vielen Regionen, sich inmitten von Unsicherheit ein neues Leben aufzubauen.

Exil und Migration bedeuten nicht immer einen Neuanfang. Im Gegenteil: Es bedeutet oft den Beginn eines langen Kampfes, geprägt von akademischer Isolation, befristeten Verträgen, Sprachbarrieren und finanziellen Schwierigkeiten. Deshalb ist akademische Solidarität so wichtig. Die Unterstützung benachteiligter Wissenschaftlerinnen, die Schaffung von Stipendienmöglichkeiten, die Erleichterung ihres Zugangs zu akademischen Netzwerken und die Begleitung bei ihrer Eingewöhnung in neue akademische Umgebungen sind nicht nur individuelle Hilfe, sondern auch ein Beitrag zum Schutz des wissenschaftlichen Outputs. Jede geförderte Wissenschaftlerin trägt zur Kontinuität des wissenschaftlichen Denkens bei.

Während der Unterstützungsbedarf steigt, erschwert die weltweit zunehmende Fremdenfeindlichkeit den Prozess zusätzlich. In vielen Ländern sehen sich Wissenschaftlerinnen nicht nur mit den Härten des Exils konfrontiert, sondern auch mit Fremdenfeindlichkeit, bürokratischen Hürden und akademischer Unsicherheit. Daher ist akademische Solidarität heute wichtiger denn je.

Initiativen wie Academic Solidarity leisten mehr als nur die Unterstützung einzelner Wissenschaftlerinnen. Mit Ihrer Unterstützung wächst Academic Solidarity und trägt auch zum Schutz der akademischen Freiheit, zur Fortsetzung des wissenschaftlichen Outputs und zur Stärkung demokratischer Gesellschaften bei.

Die Betreuung von Wissenschaftlern, die Vergabe von Stipendien oder die Erschließung akademischer Netzwerke mögen wie kleine Schritte erscheinen. Doch genau diese Schritte ermöglichen es isolierten Akademikern, wieder zu lehren, zu forschen und neue Hoffnung zu schöpfen.

Angesichts der zunehmenden Unsicherheit in der Welt wird akademische Solidarität mehr als nur eine Option; sie ist eine Verpflichtung. Obwohl die Zahl der Menschen, die wir materiell und moralisch unterstützen, jährlich steigt, ist dies angesichts des immensen Bedarfs nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Daher laden wir Sie ein, Academic Solidarity sowie ähnliche gemeinnützige Initiativen zu unterstützen. Wenn Akademiker den Halt verlieren und sich von der Gesellschaft entfremden, gehen nicht nur Einzelpersonen, sondern auch wertvolles Wissen verloren.

Vagusnervstimulation könnte bei Alzheimer Vorteile bieten

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Die Alzheimer-Krankheit hat sich zu einem der bedeutendsten Gesundheitsprobleme in alternden Bevölkerungen entwickelt. Sie beginnt mit Gedächtnisverlust und führt allmählich zur Unfähigkeit, den Alltag selbstständig zu bewältigen. Diese Krankheit hat tiefgreifende Auswirkungen nicht nur auf die Betroffenen selbst, sondern auch auf deren Familien und das Gesundheitssystem. Weltweit leben derzeit etwa 55–60 Millionen Menschen mit Demenz, wobei die Alzheimer-Krankheit den Großteil dieser Fälle ausmacht. Angesichts der steigenden Lebenserwartung wird sich diese Zahl in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich verdoppeln. Daher gilt Alzheimer nicht nur als medizinisches Problem, sondern auch als globales Problem der öffentlichen Gesundheit mit sozialen und wirtschaftlichen Dimensionen (https://www.who.int/health-topics/dementia).

Viele Jahre lang zielten Medikamente zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit primär darauf ab, die Symptome zu lindern. Wirkstoffe wie Donepezil, Rivastigmin, Galantamin und Memantin können bei einigen Patienten vorübergehende kognitive Verbesserungen bewirken. In den letzten Jahren wurden neue Medikamente entwickelt, die auf die Ablagerung von Amyloidproteinen abzielen und vielversprechende Ergebnisse erzielen. Diese Behandlungen sind derzeit jedoch nur begrenzt wirksam, und es gibt keinen Ansatz, der die Krankheit vollständig aufhalten kann (https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12637128/). Daher konzentriert sich die Wissenschaft auf neue biologische Mechanismen, die das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit verhindern oder verlangsamen könnten. Ein Forschungsgebiet ist der Vagusnerv und seine Auswirkungen auf die Gehirngesundheit.

Der Vagusnerv ist einer der längsten Nerven, die vom Gehirn ausgehen und mit vielen Organen wie Herz, Lunge und Verdauungssystem verbunden sind. Als wichtiger Bestandteil des parasympathischen Nervensystems spielt der Vagusnerv eine entscheidende Rolle bei den Ruhe-, Regenerations- und Heilungsprozessen des Körpers. Viele Prozesse, wie Stressabbau, Herzfrequenzregulation, Kontrolle des Immunsystems und Entzündungshemmung, werden mit dem Vagusnerv in Verbindung gebracht. Jüngste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass dieser Nerv auch mit Gedächtnis, Lernen und kognitiven Funktionen zusammenhängen könnte.

Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Vagusnervstimulation ein vielversprechender Ansatz gegen Alzheimer und altersbedingten Gedächtnisverlust sein könnte. Studien zeigen, dass der Vagusnerv mit Hirnregionen verbunden ist, die insbesondere mit dem Gedächtnis in Zusammenhang stehen, etwa mit dem Hippocampus und dem Lernnetzwerk. Daher könnte die Vagusnervstimulation die Gedächtnisbildung unterstützen und die kognitive Leistungsfähigkeit verbessern. Experimentelle Studien legen nahe, dass die Vagusnervstimulation das Lernen erleichtern und die Verbindungen zwischen Nervenzellen stärken kann (https://theconversation.com/vagus-nerve-stimulation-shows-promise-as-a-way-to-counter-alzheimers-disease-and-age-related-memory-loss-269465).

Einer der Mechanismen, die bei Alzheimer eine wichtige Rolle spielen, ist die Hirnentzündung. Der Vagusnerv wirkt entzündungshemmend und reguliert das Immunsystem. Daher wird angenommen, dass die Vagusnervstimulation Hirnzellen schützen kann, indem sie die bei Alzheimer auftrittende chronische Entzündung reduziert. Dies könnte ein wichtiger Schutzmechanismus nicht nur bei Alzheimer, sondern auch bei altersbedingtem kognitivem Abbau sein. Forschung zeigt, dass die Stimulation des Vagusnervs die Plastizität des Gehirns erhöhen kann. Das bedeutet, dass die Fähigkeit des Gehirns, neue Verbindungen zu bilden, gestärkt wird. Dies kann erhebliche Vorteile beim Lernen, im Gedächtnis und in der kognitiven Flexibilität mit sich bringen (https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11486617/).

Ein bemerkenswerter Aspekt des Vagusnervs ist, dass er nicht nur durch medizinische Geräte, sondern auch durch natürliche, alltagstaugliche Methoden stimuliert werden kann. Die Erzeugung von Lauten ist eine davon. Singen, Summen oder rhythmische Geräusche können den Vagusnerv stimulieren. Die durch die Stimmbänder und die Rachenmuskulatur erzeugten Vibrationen aktivieren das parasympathische Nervensystem und wirken beruhigend. Dies kann sich nicht nur auf die Stimmung, sondern auch indirekt auf kognitive Funktionen auswirken (https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0031938425001738).

Auch Yoga und Meditation werden mit dem Vagusnerv in Verbindung gebracht. Langsame, tiefe Atmung, verlängertes Ausatmen und rhythmische Lauterzeugung können die Aktivität des Vagusnervs steigern. Physiologische Veränderungen, die insbesondere während Meditation und Atemübungen auftreten, wie eine Verlangsamung des Herzschlags und eine Reduktion von Stresshormonen, werden durch die Aktivierung des Vagusnervs erklärt (https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3099099/).

Das Lesen des Korans, Dhikr oder ähnliche rhythmische Gebetsformen sind in diesem Zusammenhang ebenfalls interessant. Die rhythmische Lauterzeugung, das längere Lesen und die regelmäßige Atmung während der Koranrezitation weisen physiologische Eigenschaften auf, die den Vagusnerv stimulieren können. Studien zeigen, dass das Hören und Lesen des Korans Stress und Angstzustände reduzieren, den Herzrhythmus regulieren und die Aktivität des Parasympathikus steigern können. Diese Erkenntnisse legen nahe, dass Gebet und rhythmische Lauterzeugung neurophysiologische Wirkungen haben können (https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10704108/).

Langsame und tiefe Atemübungen gelten ebenfalls als wichtige Methode zur Aktivierung des Vagusnervs. Insbesondere langsames Ein- und langes Ausatmen aktivieren das parasympathische Nervensystem und führen so zur Entspannung. Darüber hinaus deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass alltägliche Aktivitäten wie Gurgeln, Gesicht waschen mit kaltem Wasser, soziale Interaktion, langsames Sprechen und Gebet die Vagusaktivität ebenfalls steigern können (https://health.clevelandclinic.org/vagus-nerve-reset).

Obwohl es noch keine Heilung für Alzheimer gibt, eröffnet die Forschung zum Vagusnerv und seiner natürlichen Stimulation ein vielversprechendes Forschungsfeld. Die Erkenntnis, dass selbst scheinbar einfache Aktivitäten wie Singen, Beten, Meditieren oder Atemübungen positive Auswirkungen auf die Gehirngesundheit haben können, schlägt eine bemerkenswerte Brücke zwischen moderner Neurowissenschaft und uralten menschlichen Praktiken (https://www.vogue.com/article/vagus-nerve-stimulation).

Möglicherweise wird die Prävention von Alzheimer und die Erhaltung der kognitiven Gesundheit in Zukunft nicht nur von Medikamenten abhängen, sondern auch von täglichen Gewohnheiten, die Atmung, Klang, Rhythmus und innere Ruhe fördern.

Der Aufstieg Chinas im Bildungssektor

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Ein persönlicher Erfahrungsbericht eines amerikanischen Studenten im Business Insider ist eine kurze, aber eindrucksvolle Zusammenfassung eines umfassenderen geopolitischen Wandels. Der Autor stellt fest, dass die Hochschulbildung in China deutlich günstiger ist als in den USA, Studierende direkter auf das Berufsleben vorbereitet und die Sichtbarkeit auf den Campussen, insbesondere für afrikanische Studierende, erhöht hat. Diese Beobachtung allein ist kein Beweis, bietet aber einen guten Ausgangspunkt, um zu verstehen, wie China sich zu einem neuen Anziehungspunkt im Bildungsbereich entwickelt hat (https://www.businessinsider.com/american-studied-china-universities-cheaper-2026-3).

Chinas Aufstieg im Bildungssektor beschränkt sich nicht allein auf die Gewinnung ausländischer Studierender. Entscheidend sind die umfangreichen, staatlich geförderten Forschungskapazitäten, die Produktionsstärke in Ingenieurwesen und Naturwissenschaften sowie die Fähigkeit, diese im Einklang mit der Außenpolitik einzusetzen. Laut offiziellen chinesischen Daten wird die Bruttoeinschreibungsquote im Hochschulwesen des Landes im Jahr 2024 bei 60,8 Prozent liegen. Im selben Jahr wird die Gesamtzahl der Studierenden an regulären und beruflichen Hochschulen 38,9 Millionen betragen. Dies zeigt, dass China nicht mehr nur „ein Land mit einer großen Zahl von Studierenden“ ist; es hat sich zu einem System entwickelt, das die Ära der Massenhochschulbildung institutionalisiert hat (https://www.stats.gov.cn/english/PressRelease/202512/t20251231_1962224.html).

Auch hinsichtlich der Qualität ist das Bild beeindruckend. Im Times Higher Education Asien-Ranking 2025 belegte China die ersten beiden Plätze und ist mit fünf Universitäten unter den Top 10 vertreten (https://www.timeshighereducation.com/world-university-rankings/2025/regional-ranking). Auch im Nature Index 2025 führten chinesische Hochschulen die Liste an. Die Chinesische Akademie der Wissenschaften belegte den ersten Platz, gefolgt von Institutionen wie der USTC, der Zhejiang-Universität und der Peking-Universität (https://www.nature.com/nature-index/research-leaders/2025/institution/all/all/countries-China). Laut Georgetown CSET werden chinesische Universitäten bis 2025 voraussichtlich jährlich über 77.000 Doktoranden in den MINT-Fächern hervorbringen; im Vergleich dazu liegt die Zahl in den USA weiterhin bei rund 40.000. Dieser Unterschied zeigt, dass der Wettbewerb zwischen Universitäten nicht mehr allein durch Prestige-Rankings bestimmt wird, sondern auch durch die Ausbildung von Forschern und Fachkräften in der Spitzentechnologie (https://cset.georgetown.edu/publication/china-is-fast-outpacing-u-s-stem-phd-growth/).

Um Chinas Aufstieg richtig zu verstehen, muss jedoch ein Paradoxon berücksichtigt werden. Laut OECD-Daten ist der Anteil internationaler Studierender im chinesischen Hochschulwesen im Jahr 2023 weiterhin niedrig: nur 0,3 %. Das bedeutet, dass China noch kein klassisches Zentrum für internationale Studierende ist, wie die USA, Großbritannien oder Australien. Dieselben Daten zeigen aber auch: Chinas Stärke liegt derzeit weniger im hohen Anteil ausländischer Studierender als vielmehr in der Größe seines inländischen Bildungssystems, seinen Kostenvorteilen, seiner Forschungseffizienz und seiner Fähigkeit, gezielten Einfluss in bestimmten Regionen auszuüben. Anders ausgedrückt: Anstatt eine Campus-Ökonomie aufzubauen, die alle einlädt, entwickelt China eine Bildungsdiplomatie, die in strategischen Bereichen wirksam ist (https://gpseducation.oecd.org/CountryProfile?primaryCountry=CHN&topic=EO&treshold=5).

Einer der wichtigsten Bereiche dieser Strategie ist Afrika. Laut der UNESCO studierten 2019 rund 70.000 afrikanische Studierende in China. Der Aktionsplan Peking des FOCAC für 2024 formuliert das Ziel, die wissenschaftliche und bildungspolitische Zusammenarbeit zwischen China und Afrika zu vertiefen, regionale Berufsbildungszentren einzurichten und Bildungsplattformen zu stärken. Laut Angaben des chinesischen Bildungsministeriums erhielten Ende 2025 etwa 9 % der internationalen Studierenden in China ein Stipendium der chinesischen Regierung, und rund 60 % dieser Stipendiaten waren Postgraduierte. Dies deutet darauf hin, dass Peking nicht nur auf die Zahl der Studierenden setzt, sondern auch versucht, die Eliten von morgen, insbesondere auf Master- und Doktorandenebene, für sich zu gewinnen (https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000389878).

Aus US-amerikanischer Sicht ist die Lage komplexer. Die USA bleiben das weltweit beliebteste Zielland für internationale Studierende (https://www.iie.org/news/open-doors-2025-press-release/). Laut den Daten von Open Doors 2025 studierten im Studienjahr 2024/25 1.177.766 internationale Studierende in den USA. Gleichzeitig wuchs jedoch die Unsicherheit. Internen Korrespondenzen zufolge, die Reuters vorliegen, setzte die Trump-Regierung im Mai 2025 die Vergabe neuer Termine für Studenten- und Austauschvisa vorübergehend aus (https://www.reuters.com/world/us/trump-administration-halts-scheduling-new-student-visa-appointments-2025-05-27/). Im August 2025 veröffentlichte das Heimatschutzministerium (DHS) daraufhin einen Regelungsentwurf, der die bisherige Regelung zur Aufenthaltsdauer bei Studentenvisa abschaffen und auf ein befristetes Aufenthaltsmodell umstellen würde. NAFSA meldete für den Herbst 2025 einen Rückgang der Einschreibungen internationaler Studierender um 17 %, was zu einem wirtschaftlichen Verlust von 1,1 Milliarden US-Dollar und rund 23.000 Arbeitsplätzen führen wird (https://www.reuters.com/world/us/trump-administration-halts-scheduling-new-student-visa-appointments-2025-05-27/). Kurz gesagt: Das US-System ist nach wie vor sehr stark, aber es erscheint nicht mehr so berechenbar wie früher.

Chinas Aufstieg wird daher eher durch das Vakuum, das durch die Unsicherheit in den USA entstanden ist, beschleunigt, als durch einen möglichen Niedergang der USA. Für Studierende hängt die Wahl der Hochschule nicht allein von der Qualität des Abschlusses ab; Visasicherheit, die Wahrscheinlichkeit eines Verbleibs nach dem Studium, die Lebenshaltungskosten, die Wohnsituation, das politische Klima und das Gefühl der Zugehörigkeit sind genauso wichtig wie der akademische Ruf. Der Artikel im Business Insider hebt Chinas günstige Studentenwohnheime, niedrige Lebensmittelpreise und die direktere Berufsvorbereitung hervor. Dieses Modell mag nicht für jeden attraktiv sein; doch es kann äußerst attraktiv sein, insbesondere für Studierende, die sich nicht verschulden möchten, eine Ausbildung in technischen Bereichen anstreben und in der Nähe asiatisch-afrikanischer Wirtschaftsnetzwerke bleiben wollen.

Europa hingegen kann in diesem Wettlauf sowohl Konkurrent als auch Zwischengewinner sein. Die Europäische Union hat sich ausdrücklich zum Ziel gesetzt, bis 2025 das weltweit attraktivste Ziel für Forschende und Innovatoren zu werden (https://research-and-innovation.ec.europa.eu/news/all-research-and-innovation-news/choose-europe-science-eu-comes-together-attract-top-research-talent-2025-05-23_en). Die EU-Hochschulstrategie zielt zudem darauf ab, dass Europa wettbewerbsfähigere und international ausgerichtete Universitäten etabliert. Andererseits ist Europa bereits jetzt ein bedeutender Anziehungspunkt: Laut EU-Daten entfallen 58,7 % der gesamten Hochschulmobilität außerhalb der EU auf Frankreich, Deutschland und Spanien. In Deutschland studierten im Wintersemester 2024/25 rund 402.000 internationale Studierende und Doktoranden (https://www.daad.de/en/press-releases/erneut-hohe-zahl-an-internationalen-studierenden-in-deutschland/). Die Verschärfung der US-amerikanischen Politik und der Aufstieg Chinas schwächen Europa daher nicht automatisch; im Gegenteil, sie eröffnen ihm neue Möglichkeiten. Um diese Möglichkeiten effektiv zu nutzen, muss Europa jedoch in Bezug auf Visa, Wohnraum, akademische Karrieresicherheit und Forschungsförderung entschlossener agieren.

Die Welt kann in naher Zukunft damit rechnen, dass Bildung zu einem noch stärker geopolitischen Feld wird. Universitäten sind nicht nur Institutionen der Wissensproduktion, sondern auch Zentren für Einfluss, Technologie, Normen und Humankapital. China hat dies frühzeitig erkannt und begonnen, sein Wirtschaftsnetzwerk durch Bildung zu stärken. Insbesondere in Afrika entsteht durch Stipendien, technische Ausbildungen, Postgraduiertenprogramme und Karrierenetzwerke mit Verbindungen nach China ein neuer Einflussbereich. Wenn die USA ihre Grenzen verschärfen und Europa zögerlich agiert, könnte die internationale Bildungslandschaft der 2030er-Jahre deutlich anders aussehen als heute. Die Frage wird dann nicht mehr einfach lauten: „Wo befinden sich die besten Universitäten?“, sondern: „In welchen Ländern werden die zukünftigen globalen Eliten ausgebildet und von welcher Weltanschauung geprägt?“ Chinas Aufstieg im Bildungsbereich ist daher ein stilles Zeichen einer neuen Weltordnung.

Zombie-Artikel: Zurückgezogene Forschung lebt weiter

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Die Wissenschaft muss nicht nur neues Wissen generieren, sondern auch dessen Zuverlässigkeit gewährleisten. Alle Akteure der akademischen Welt tragen die Verantwortung, Zombie-Artikel zu beseitigen und die Entstehung neuer zu verhindern.

Wissenschaftliches Publizieren galt lange als selbstkorrigierendes System. Üblicherweise wurden fehlerhafte Ergebnisse im Laufe der Zeit kritisiert, durch neue Studien korrigiert, und das wissenschaftliche Wissen wurde so nach und nach robuster. Jüngste Erkenntnisse zeigen jedoch, dass dieses Ideal ernsthaft infrage gestellt wird. Insbesondere der rasante Anstieg der zurückgezogenen wissenschaftlichen Artikel hat ein Vertrauens- und Qualitätsproblem in der Wissenschaft geschaffen.

Laut Retraction Watch (https://retractionwatch.com), einer unabhängigen Plattform, die wissenschaftliche Publikationen systematisch überwacht, hat die Zahl der zurückgezogenen Artikel in den letzten Jahren dramatisch zugenommen. Untersuchungen zeigen, dass im Jahr 2023 mehr als zehntausend wissenschaftliche Artikel zurückgezogen wurden (https://www.nature.com/articles/d41586-023-03974-8). Diese Zahl stellt einen Rekord in der Geschichte des wissenschaftlichen Publizierens dar. Darüber hinaus lässt sich der Anstieg der zurückgezogenen Artikel nicht allein durch die gestiegene Publikationszahl erklären; auch die Rücknahmerate selbst steigt (https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10485848/).

Diese Entwicklungen verdeutlichen ein Phänomen, das mittlerweile einige Forscher als „Retraction Crisis“ bezeichnen. Die Rücknahme eines wissenschaftlichen Artikels bedeutet, dass dieser nicht mehr als verlässlich gilt und nicht mehr als Referenz in der wissenschaftlichen Literatur verwendet werden sollte. Diese Entscheidung wird üblicherweise in folgenden Fällen getroffen:

  • Datenfälschung oder -manipulation
  • Plagiat
  • Verstöße gegen ethische Grundsätze
  • Betrügerisches Peer-Review-Verfahren
  • Schwere methodische Fehler

Leider beschränken sich zurückgezogene Artikel nicht auf Studien, die in kleineren oder weniger einflussreichen Zeitschriften veröffentlicht wurden. Auch die renommiertesten wissenschaftlichen Zeitschriften der Welt sind gelegentlich von solchen Fällen betroffen. Beispielsweise wurde ein kürzlich in The Lancet veröffentlichter Fallbericht, der lange Zeit Gegenstand hitziger Debatten war, erneut geprüft. Laut Retraction Watch bestehen ernsthafte Zweifel an der Zuverlässigkeit einer Studie über einen Säugling, der durch Muttermilch eine Opioidvergiftung erlitt (https://retractionwatch.com/2026/02/04/lancet-flags-long-scrutinized-report-of-infant-poisoned-by-opioids-in-breast-milk/).

Einer der bekanntesten Fälle in der Wissenschaftsgeschichte ist die Arbeit von Andrew Wakefield aus dem Jahr 1998, in der er behauptete, die Masern-Mumps-Röteln-Impfung stehe in Zusammenhang mit Autismus. Die Studie wurde später aufgrund ethischer Verstöße und Datenmanipulation zurückgezogen, diente jedoch jahrelang als zentrales Argument der Impfgegnerbewegung.

Zurückziehungen von Publikationen beschränken sich nicht auf Nachwuchsforscher oder kleine Labore. Daten von Retraction Watch zeigen, dass auch Studien einiger Nobelpreisträger zurückgezogen wurden. Dies deutet darauf hin, dass Probleme im Wissenschaftssystem nicht allein durch individuelle ethische Verstöße erklärt werden können. Strukturelle Faktoren wie akademischer Wettbewerb, Publikationsdruck und Forschungsförderung beeinflussen wissenschaftliche Produktionsprozesse maßgeblich.

Eines der interessantesten Probleme besteht darin, dass die Auswirkungen zurückgezogener Artikel nicht einfach verschwinden. Selbst nach der Zurückziehung kann ein Artikel weiterhin in der wissenschaftlichen Literatur zitiert werden (https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371%2Fjournal.pone.0277814). Manche zurückgezogenen Studien wurden sogar nach der Rückziehungsentscheidung Hunderte oder Tausende Male zitiert. Anders ausgedrückt: Sie existieren als „Zombie-Artikel“ weiter.

Schätzungsweise werden weltweit heute rund 50 Millionen wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Zehntausende dieser Studien wurden zurückgezogen (https://www.nature.com/articles/d41586-025-00455-y). Der Prozentsatz mag auf den ersten Blick gering erscheinen. Angesichts der kumulativen Natur wissenschaftlicher Erkenntnisse kann diese Zahl jedoch erhebliche Auswirkungen haben. Die Zurückziehung eines Artikels bedeutet nicht nur, dass die betreffende Studie fehlerhaft war. Auch auf diesen Artikel basierende Forschung, Metaanalysen und klinische Anwendungen können indirekt betroffen sein.

Wenn man die Ursache des Problems betrachtet, denkt man zunächst an den Publikationsdruck (veröffentlichen oder untergehen). Die Tatsache, dass akademische Karrieren maßgeblich von der Anzahl der Veröffentlichungen abhängen, verleitet manche Forschende dazu, schnell viele Artikel zu verfassen. Das Aufkommen sogenannter „Papierfabriken“ in den letzten Jahren hat dieses Problem noch verschärft. Diese Unternehmen können gegen Gebühr gefälschte oder qualitativ minderwertige Artikel erstellen und diese bei wissenschaftlichen Zeitschriften einreichen. In einigen Fällen sind auch gefälschte Peer-Review-Verfahren oder organisierte Zitationsnetzwerke beteiligt (https://www.theguardian.com/science/2024/feb/03/the-situation-has-become-appalling-fake-scientific-papers-push-research-credibility-to-crisis-point). Andererseits trägt auch die Fokussierung mancher kommerzieller Verlage auf die Steigerung des Publikationsvolumens statt auf die Qualität zu diesem Problem bei.

Zurückgezogene Artikel sind nicht nur ein akademisches Problem. Fehlerhafte wissenschaftliche Studien haben direkte Auswirkungen auf die Gesundheitspolitik, die klinische Praxis und das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft. Wissenschaftliches Vertrauen ist daher nicht nur für die akademische Welt, sondern auch für die gesamte Gesellschaft ein wichtiges Anliegen.

Für ein gesünderes akademisches Umfeld ist eine Überarbeitung der Forschungsevaluierungssysteme unerlässlich. Mehr Transparenz bei Forschungsdaten und Analyseprozessen, der Ausbau offener Datenpraktiken sowie eine effektivere Überwachung wissenschaftlicher Publikationen sind wichtige Schritte in diese Richtung. Zudem sollten zurückgezogene Artikel in Datenbanken deutlich gekennzeichnet und die Forschenden darüber informiert werden.

Die Wissenschaft steht heute nicht nur vor der Aufgabe, neues Wissen zu generieren, sondern auch vor der Verantwortung, dessen Zuverlässigkeit zu gewährleisten. Die Beseitigung von „Zombie-Artikeln“ und die Verhinderung der Entstehung neuer solcher Artikel stellen eine erhebliche Verantwortung für alle Akteure der akademischen Welt dar.

Die Akademie kann es sich nicht leisten, im Krieg gegen den Iran zu schweigen.

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Rechtfertigt die Tatsache, dass ein Staat repressiv ist, dass andere Staaten Krieg gegen ihn führen?

Als Wissenschaftler dürfen wir diese Situation nicht allein aus der Perspektive geopolitischer Konkurrenz betrachten. So wie wir Russlands Angriff auf die Ukraine verurteilt und uns gegen die Massenvernichtung und die schweren Menschenrechtsverletzungen in Gaza ausgesprochen haben, müssen wir den Angriff auf den Iran, der unter dem Vorwand einer „nuklearen Bedrohung“ erfolgte, mit denselben ethischen Maßstäben bewerten. Andernfalls bricht der Anspruch der Wissenschaft auf Universalität zusammen, und Prinzipien weichen der Loyalität gegenüber der eigenen Partei. Ein intellektueller Diskurs, der schweigt, wenn der Angreifer wechselt, folgt in Wirklichkeit der Macht statt dem Recht.

Einige der internationalen Reaktionen auf diesen Krieg lauten wie folgt: UN-Generalsekretär António Guterres erklärte, dass der Einsatz von Gewalt durch die USA und Israel gegen den Iran sowie die darauffolgenden Vergeltungsmaßnahmen den internationalen Frieden und die Sicherheit schwächen. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, betonte ebenfalls, dass Bomben und Raketen kein Mittel zur Konfliktlösung seien und dass Zivilisten einmal mehr den Preis dafür zahlten (https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/global-reaction-israeli-us-attacks-iran-2026-02-28/).

Die rechtliche Dimension des Krieges ist ebenso wichtig wie seine ethische. Laut einer Rechtsanalyse von Reuters sind die von der Trump-Regierung mit der Begründung einer „unmittelbaren Bedrohung“ geführten Angriffe nicht haltbar. Rechtsexperten erklären, dass diese Angriffe sowohl nach internationalem als auch nach US-amerikanischem Recht umstritten sind (https://www.reuters.com/world/middle-east/are-us-attacks-iran-legal-2026-03-04/). Eine weitere Einschätzung von Reuters stellt fest, dass die Angriffe die Grenzen der verfassungsmäßigen Befugnisse des US-Präsidenten ausreizen (https://www.reuters.com/sustainability/sustainable-switch-are-attacks-iran-legal-2026-03-06/).

Bemerkenswert ist, dass Kriege, wie so oft, zunächst die Sprache verfälschen: Ausdrücke wie „Präventivschlag“, „Regimewechsel“ und „Zerstörung zur Stabilisierung“ zielen darauf ab, Macht zu legitimieren, die über das Gesetz hinausgeht. Daher sollte es Aufgabe der Wissenschaft sein, die Sprache der Wahrheit weiterhin gegen eine Politik zu verteidigen, die Begriffe ihrer Bedeutung beraubt.

Spanien bildet in dieser Hinsicht eine bemerkenswerte Ausnahme in Europa. Ministerpräsident Pedro Sánchez erklärte „Nein zum Krieg“ und kündigte an, sein Land werde sich an dieser Katastrophe nicht mitschuldig machen. Sánchez rief zu einer sofortigen Deeskalation der Spannungen und zur uneingeschränkten Achtung des Völkerrechts auf. Laut El País erklärte Sánchez, Gewalt sei keine Lösung und der blindere Gehorsam als Führung zu betrachten sei pure Naivität. Während in Europa eine zurückhaltendere Rhetorik angeschlagen wird, zeigt Spaniens offene Haltung, dass eine prinzipiengeleitete Außenpolitik weiterhin möglich ist (https://english.elpais.com/international/2026-03-04/pedro-sanchez-on-the-us-and-israeli-attack-on-iran-no-to-war-we-will-not-support-this-disaster.html).

Spanien steht mit seiner Ablehnung des Krieges nicht allein da. Der norwegische Außenminister Espen Barth Eide erklärte, der Angriff verstoße gegen das Völkerrecht. Auch der irische Präsident rief zur Diplomatie auf und bezeichnete die Normalisierung willkürlicher Besetzungen souveräner Staaten als Weg in die Zerstörung (https://president.ie/en/media-library/news-releases/statement-by-president-connolly-following-strikes-on-iran). Der omanische Außenminister erklärte, die von seinem Land vermittelten Verhandlungen seien erneut sabotiert worden, und sandte damit eine Botschaft an Washington: „Dies ist nicht euer Krieg.“ Der chinesische Außenminister Wang Yi bezeichnete die Angriffe der USA und Israels als „inakzeptabel“ und forderte einen sofortigen Waffenstillstand. Auch Brasilien erklärte, die Angriffe untergrüben den Verhandlungsprozess, und der Dialog sei der einzige Weg zum Frieden (https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/global-reaction-israeli-us-attacks-iran-2026-02-28/).

Im Gegensatz dazu wirkt die gemeinsame Haltung der Europäischen Union deutlich vorsichtiger und uneinheitlicher. Zwar fordern die meisten EU-Länder „größtmögliche Zurückhaltung“ und die Achtung des Völkerrechts, verurteilen aber gleichzeitig die Angriffe des Iran aufs Schärfste (https://www.reuters.com/world/middle-east/eu-nations-call-maximum-restraint-respect-international-law-iran-conflict-2026-03-01/). Diese ausgewogene Krisenrhetorik offenbart, dass Staaten oft nicht von Prinzipien, sondern von Allianzen und Kostenkalkulationen sprechen. Daher gewinnt die Stimme von Universitäten, Forschern und Intellektuellen an Bedeutung. Wo Staaten schweigen oder zögern, muss die Wissenschaft angesichts des menschlichen Lebens eine moralische Sprache entwickeln, die nicht von Nationalität abhängt.

Die Auswirkungen des Krieges auf die Wissenschaft sind sowohl direkt als auch indirekt. Der Anstieg der Energiepreise wird den Druck auf Transport- und Logistikkosten, die Sicherheit wissenschaftlicher Konferenzen, die internationale Studierendenmobilität, Stipendienprogramme und die Finanzierung der Forschungsinfrastruktur erhöhen. Die Störungen in der Straße von Hormus und ihre wirtschaftlichen Folgen sind für Wissenschaftler nicht bloß Wirtschaftsdaten, sondern ein Zeichen dafür, wie Krieg das wissensproduzierende Ökosystem lähmt. Universitäten bleiben in Kriegszeiten keine neutralen Inseln; sie erliegen entweder dem Druck oder stellen sich auf die Seite der Wahrheit und des menschlichen Lebens.

Hier muss das Konzept der „wissenschaftlichen Verantwortung“ in Erinnerung gerufen werden. Die Pflicht der Wissenschaftler besteht nicht nur darin, Daten zu erheben, sondern auch darin, die öffentliche Meinung zu schützen. Zu schweigen angesichts einer Sprache, die bombardierte Städte auf Karten, Tote auf Statistiken und Vertreibung auf „Sicherheitsergebnisse“ reduziert, bedeutet, die wissenschaftliche Ethik dem politischen Komfort zu opfern. Gerade in Kriegszeiten laufen Universitäten Gefahr, zu Propagandainstrumenten zu werden. Doch die Geschichte hat uns das Vermächtnis von Intellektuellen hinterlassen, die den Preis für Ungerechtigkeit bezahlt haben.

Im Laufe der Geschichte haben sich zahlreiche Akademiker, Studierende und Intellektuelle gegen Unterdrückung gestellt und dabei ihr Leben geopfert. Sophie Scholl und die Studierenden der Weißen Rose an der Universität München wurden 1943 hingerichtet, weil sie Flugblätter gegen die Verbrechen der Nazis verteilt hatten. Janusz Korczak, ein Pädagoge und Kinderrechtsaktivist, weigerte sich, seine Waisen im Warschauer Ghetto zurückzulassen, wurde mit ihnen nach Treblinka deportiert und dort ermordet. In El Salvador wurde der Philosoph und Universitätsrektor Ignacio Ellacuría ermordet, weil er staatliche Gewalt und Menschenrechtsverletzungen kritisierte. Diese Beispiele zeigen, dass die wahre Ehre der Wissenschaft nicht in der Karriere liegt, sondern im Mut, angesichts von Machtmissbrauch die Wahrheit auszusprechen (https://www.britannica.com/topic/White-Rose).

Genau das brauchen wir heute im Hinblick auf den Iran. Legitime Kritik am iranischen Regime darf nicht als Rechtfertigung für Aggressionen von außen missbraucht werden. Ein repressiver Staat gibt anderen Staaten kein Recht, Krieg gegen ihn zu führen. Ebenso wenig bedeutet Opposition gegen ein Regime, zu schweigen, während dessen Städte bombardiert werden. Akademische Konsequenz erfordert sowohl die Ablehnung autoritärer Regime als auch die Verurteilung externer Aggression. Menschenrechte sind nicht bloß ein Diskurs, der gegen rivalisierende Blöcke eingesetzt wird.

Nach den Angriffen auf den Iran sehen sich Universitäten und akademische Netzwerke mit den Folgen einer neuen Ära des Krieges konfrontiert. Die akademische Solidarität muss, ungeachtet der Nationalität oder politischer Zugehörigkeit, an ihren Prinzipien festhalten: Das Leben von Zivilisten ist wichtiger als geopolitische Kalkulationen; Krieg ist die Sprache der Macht, nicht der Wahrheit; Universitäten dürfen sich dieser Sprache nicht beugen. Wir müssen heute gegenüber dem Iran dieselbe moralische Sprache sprechen, die wir auch beim Angriff Russlands auf die Ukraine, bei der Zerstörung des Gazastreifens und bei Souveränitätsverletzungen in anderen Regionen verwendet haben. Denn wenn das Gewissen der Wissenschaft selektiv wird, verliert es seine Funktion. Was wir heute brauchen, ist nicht, uns mit den Mächtigen zu verbünden, sondern auf der Seite des Rechts, des Friedens und des menschlichen Lebens zu stehen.