Die Frage nach Schicksal und freiem Willen, die islamische Gelehrte seit über tausend Jahren beschäftigt, zählt heute zu den größten Herausforderungen der modernen Physik.
Ein Video auf BBC Reel erinnert uns daran, dass die moderne Physik eine uralte Frage wieder in den Vordergrund rückt: Existiert freier Wille wirklich, oder sind menschliche Entscheidungen, wie andere Ereignisse im Universum, Teil einer vorbestimmten Ursache-Wirkungs-Kette? Das Video hinterfragt das Verhältnis zwischen Naturgesetzen, Kausalität und menschlichem Verhalten und merkt an, dass manche Physiker den freien Willen als Illusion betrachten. Obwohl diese Frage auf den ersten Blick der modernen Wissenschaft zuzuordnen scheint, handelt es sich tatsächlich um eine Neubetrachtung der Frage nach Schicksal, Determinismus und menschlicher Verantwortung, die in der islamischen Geistesgeschichte seit Jahrhunderten diskutiert wird. Das BBC-Video beschreibt diese Debatte als „Physik, die auf die Abwesenheit von freiem Willen hinweist“ (https://www.bbc.com/reel/video/p086tg3k/watch).
In der modernen Philosophie bezeichnet „Determinismus“ grob gesagt die Vorstellung, dass sich die Zukunft zwangsläufig auf dieselbe Weise entwickeln wird, wenn der Zustand der Vergangenheit und die Naturgesetze gleich bleiben. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy definiert Determinismus als das Entstehen derselben Zukunft unter denselben Bedingungen der Vergangenheit und der Naturgesetze. Trifft dieser Ansatz zu, wird die Frage, ob Menschen „anders handeln“ können, zu einem ernsthaften Problem. Denn die Entscheidungen eines Menschen scheinen letztlich von Gehirnprozessen, biologischen Strukturen, Umwelteinflüssen und physikalischen Gesetzen abzuhängen (https://plato.stanford.edu/entries/freewill/).
Diese Debatte ist nicht nur theoretischer Natur. Die Frage des freien Willens ist unmittelbar mit der moralischen Verantwortung verknüpft. Wenn Menschen tatsächlich nicht frei wählen können, wie können wir dann von Gut und Böse, von Verbrechen und Tugend, von Mut und Verrat, von Unterstützung oder Widerstand gegen Unterdrückung sprechen? Daher gilt das Verhältnis zwischen freiem Willen, moralischer Verantwortung und Determinismus als eines der umstrittensten Gebiete der philosophischen Literatur. Einige Philosophen argumentieren, dass selbst bei der Gültigkeit des Determinismus die moralische Verantwortung nicht gänzlich verschwindet. Dieser Ansatz ist als „Kompatibilismus“ bekannt (https://plato.stanford.edu/entries/compatibilism/).
Im islamischen Denken wurde dieselbe Frage mit unterschiedlichen Konzepten gestellt: Ist der Mensch in seinem Handeln wirklich frei oder ist er vollständig an Gottes Willen gebunden? Diese Frage wurde in verschiedenen Traditionen der Kalam-Geschichte, wie dem Jabriyya-, dem Qadariyyah-/Mu’tazilitischen, dem Ash’aritischen, dem Maturiditischen und dem schiitischen Kalam, auf unterschiedliche Weise beantwortet.
Der Ansatz des Jabriyya betont, dass der Mensch in seinem Handeln nicht wirklich frei ist. Nach dieser Auffassung ist der Mensch nicht der unabhängige Akteur seiner eigenen Handlungen; letztlich geschehen diese unter dem absoluten Willen und der Macht Gottes. In dieser Hinsicht besteht eine auffällige Ähnlichkeit zwischen dem strikten Determinismus der modernen Physik und dem Jabriyya. Der eine betrachtet das Universum nach den Naturgesetzen, der andere nach dem göttlichen Willen; doch beide stellen die Frage, ob der Mensch einen „völlig freien Ausgangspunkt“ hat.
Am anderen Ende des Spektrums, gegenüber den Jabriyya, befinden sich die Qadariyya und die Mu’taziliten. Britannica definiert die Qadariyya als Verfechter der Lehre vom freien Willen im Islam und merkt an, dass dieser Name auch für die Mu’taziliten verwendet wird, die argumentieren, dass Menschen durch ihren freien Willen zwischen Gut und Böse wählen können. Das zentrale Anliegen der Mu’taziliten ist Gottes Gerechtigkeit: Wenn Menschen für Taten bestraft werden, die sie nicht selbst gewählt haben, wie ist das mit göttlicher Gerechtigkeit vereinbar? Daher betonen die Mu’taziliten den freien Willen, um die moralische Verantwortung des Menschen zu schützen (https://www.britannica.com/topic/Qadariyyah).
Die Ahl as-Sunna-Tradition hingegen strebt im Allgemeinen ein Gleichgewicht zwischen den beiden Extremen an. Im asch’aritischen Ansatz ist Gott der Schöpfer der Handlung; der Mensch „erwirbt“ die Handlung, das heißt, er übernimmt und besitzt sie durch seinen Willen. Dieser Ansatz, der darauf abzielt, die absolute Macht Gottes zu wahren, lehnt die menschliche Verantwortung nicht gänzlich ab. Im Laufe der Geschichte vertraten jedoch einige Kommentatoren die Ansicht, dass die aschʿaritische Tradition dem menschlichen freien Willen nur einen begrenzten Spielraum einräumt.
Die maturidische Tradition hingegen zeichnet sich dadurch aus, dass sie dem menschlichen freien Willen einen deutlich größeren Spielraum zugesteht. Britannica merkt an, dass der Maturidismus zwar Gottes absolute Macht betont, dem Menschen aber gleichzeitig ein Mindestmaß an Freiheit einräumt, um ihn gerecht zu belohnen oder zu bestrafen. In diesem Ansatz bedeutet Gottes Wissen keinen Zwang. Gott weiß zwar, wie die Menschen sich entscheiden werden; Wissen und Zwang sind jedoch nicht dasselbe (https://www.britannica.com/topic/Maturidiyah).
Eine ähnliche Formulierung des Mittelwegs wurde in der schiitischen Theologie entwickelt: „Weder Zwang noch völlige Straflosigkeit; ein Mittelweg zwischen beidem.“ Dieser Ansatz betrachtet den Menschen weder als absolut von Gott unabhängigen Akteur noch reduziert er ihn zu einem völlig passiven Wesen. In dieser Hinsicht besteht eine gemeinsame Sensibilität in den Hauptströmungen des islamischen Denkens: Bei der Bewahrung von Gottes Wissen und Macht wird darauf geachtet, dass die moralische Verantwortung des Menschen nicht aufgegeben wird.
Die moderne Physikdebatte stößt hier auf einen interessanten Berührungspunkt mit der islamischen Theologie. Die Physik fragt: „Wenn jedes Ereignis eine physikalische Ursache hat, wie frei ist dann die menschliche Entscheidungsfindung?“ Die Theologie hingegen fragt: „Wenn alles in Gottes Wissen und Willen liegt, wie verantwortlich ist dann der Mensch?“ Die einen argumentieren mit den Naturgesetzen, die anderen mit göttlichem Wissen und Willen. Doch im Kern beider liegt dieselbe Spannung: Wie lassen sich Determinismus und Verantwortung miteinander vereinbaren?
Natürlich hat die moderne Physik die Unmöglichkeit des freien Willens nicht endgültig bewiesen. Aktuelle Diskussionen, etwa über die Chaostheorie, die Quantenunsicherheit und das Entstehen von Bewusstsein in komplexen Systemen, erschweren ein starres und simplistisches Verständnis des Determinismus. So betont beispielsweise eine kürzlich auf Space.com veröffentlichte Analyse, dass die Physik den freien Willen zwar ernsthaft infrage stellt, Themen wie Chaos, Quantenmechanik und Emergenz die Frage jedoch nicht abschließend klären. Im Gegenteil, sie machen es noch komplexer (https://www.space.com/science/particle-physics/does-physics-say-that-free-will-doesnt-exist).
An diesem Punkt können islamische Gelehrte und Physiker viel voneinander lernen. Physiker können von dem feinen Gleichgewicht profitieren, das die islamische Theologie seit Jahrhunderten zwischen Schicksal, göttlichem Wissen, menschlichem freien Willen und moralischer Verantwortung anzustreben versucht. Islamische Denker wiederum können von den neuen Horizonten profitieren, die die moderne Physik in Bezug auf Kausalität, Unsicherheit, Komplexität und Bewusstsein eröffnet. Eine solche Begegnung bedeutet nicht, die Wissenschaft auf die Religion zu reduzieren oder die Religion zur Rechtfertigung der Physik zu machen. Vielmehr bedeutet sie, dass die großen Fragen der Menschheit in verschiedenen Sprachen und innerhalb verschiedener intellektueller Traditionen neu auftauchen.
Diese Diskussion ist von besonderer Bedeutung für die akademische Freiheit. Denn die Frage nach freiem Willen und Schicksal ist nicht bloß ein theoretisches Problem; sie ist auch wichtig für das Verständnis menschlicher Verantwortung in Zeiten der Unterdrückung. Autoritäre Regime treiben Menschen oft zum Gefühl: „Ich hatte keine andere Wahl.“ Bürokraten, Akademiker, Richter, Journalisten oder Ärzte erklären ihr Schweigen mitunter mit den Umständen, mitunter mit Angst, mitunter mit dem Schicksal. Phrasen wie „So war das damals eben“, „Das haben alle so gemacht“ und „Ich konnte nichts tun“ gleichen dem säkularen Determinismus der Moderne.
Doch sowohl unsere moralische Intuition als auch die Hauptströmung des islamischen Denkens lehren uns Folgendes: Der Mensch steht nicht völlig außerhalb der Umstände, aber er ist auch nicht völlig von ihnen gefangen. Familie, Gesellschaft, Angst, Eigeninteresse, Biologie, Politik und Druck beeinflussen menschliche Entscheidungen. Doch unter Einfluss zu stehen bedeutet nicht, dass die Verantwortung gänzlich verschwindet. Manchmal, selbst wenn es nur in einem begrenzten Rahmen geschieht, manchmal unter großen Opfern, manchmal in Einsamkeit, ist der Mensch gezwungen, eine Wahl zu treffen. In diesem Bereich der Wahlmöglichkeiten entfaltet sich die moralische Identität.
In diesem repressiven Umfeld sehen wir, wie manche Akademiker schweigen, andere sich mit den Machthabern verbünden, manche Ungerechtigkeit legitimieren und wieder andere für die Wahrheit einstehen und dafür einen hohen Preis zahlen. Um diesen Unterschied zu verstehen, bedarf es weder eines simplen Fatalismus noch der Vorstellung, der Mensch sei ein absolut freies Wesen, unabhängig von allen Umständen.
Letztendlich diskutieren moderne Physik und islamische Theologie dieselbe Frage in unterschiedlichen Sprachen: Hat der Mensch wirklich die Wahl? Die Antwort darauf ist nicht einfach. Doch so viel lässt sich sagen: Der Wille ist möglicherweise nicht unbegrenzt; Menschen treffen Entscheidungen unter dem Einfluss vieler sichtbarer und unsichtbarer Faktoren. Begrenzter Wille bedeutet aber nicht Verantwortungslosigkeit. Menschen sind Wesen, die sich innerhalb der ihnen gegebenen begrenzten Möglichkeiten auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Gewissen ausrichten können. Der Wert eines Menschen liegt in den Entscheidungen, die er innerhalb dieses begrenzten Rahmens trifft.