Die Entscheidung des nationalen Screening-Komitees Großbritanniens, kein Prostatakrebs-Screening für die Allgemeinbevölkerung zu empfehlen, hat diese Woche eine neue Debatte in der internationalen medizinischen Gemeinschaft ausgelöst. Die Begründung für die Entscheidung ist bekannt: PSA-Tests (Prostata-spezifisches Antigen) können zwar Leben retten, bergen aber auch das Risiko unnötiger Diagnosen und Behandlungen. Jüngste Erkenntnisse deuten zudem darauf hin, dass dieses Gleichgewicht weiterhin fragil ist (https://www.ft.com/content/9065a8d8-8bfb-40e7-a64d-a326275a00e8).
Die 23-jährigen Ergebnisse der europäischen randomisierten ERSPC-Studie, einer der umfassendsten Screening-Studien, zeigen Folgendes: Das relative Sterberisiko durch Prostatakrebs ist in der Gruppe mit regelmäßigen PSA-Tests um etwa 13 Prozent geringer. Dieser „relative“ Unterschied führt jedoch in der Praxis zu einem sehr geringen Nutzen: Über einen Beobachtungszeitraum von 23 Jahren scheinen nur 2 bis 3 von 1.000 untersuchten Männern Todesfälle durch Prostatakrebs verhindert zu haben. Im Gegensatz dazu steigt die Rate der Prostatakrebsdiagnosen in der untersuchten Gruppe um 30 Prozent, was bedeutet, dass viele Männer fälschlicherweise als „krank“ eingestuft werden, obwohl ihr Tumor indolent ist und sie nie Beschwerden verursachen werden. Dies kann unnötige Biopsien, unnötige Operationen und Komplikationen zur Folge haben, die die Lebensqualität beeinträchtigen (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41160819/).
Eine der wichtigsten Fragen beim Prostatakrebs-Screening ist nach wie vor die Genauigkeit des PSA-Tests, eines grundlegenden Instruments. Die Rate falsch-positiver PSA-Werte ist recht hoch; beispielsweise wird bei etwa 70 Prozent der Männer mit erhöhten PSA-Werten bei einer Biopsie kein Krebs festgestellt. Prostatavergrößerung, Infektionen und sogar kürzlich erfolgter Geschlechtsverkehr können die PSA-Werte erhöhen. Dies führt zu erheblicher Angst, unnötigen Biopsien und mitunter unnötigen Behandlungen. Andererseits darf die falsch-negative Natur des PSA-Tests nicht außer Acht gelassen werden; etwa 15 % der Prostatakarzinome werden übersehen, selbst wenn der PSA-Wert normal ist. Diese hohe Rate gibt Anlass zur Sorge über aggressive Tumore (https://bmjoncology.bmj.com/content/2/1/e000039).
Ein weiterer wichtiger Punkt in den aktuellen Diskussionen ist die Frage, welche Methode im Falle eines Screenings bevorzugt werden sollte. Früher wurde die digitale rektale Untersuchung (DRU) routinemäßig für das Prostatakrebs-Screening empfohlen. Neuere Studien haben jedoch gezeigt, dass die DRU im Screening eine sehr geringe Sensitivität aufweist. Die meisten aktuellen Leitlinien betonen, dass die DRU bei Männern mit spezifischen Beschwerden oder erhöhten PSA-Werten eher als ergänzende körperliche Untersuchung und nicht als Screening-Test in Betracht gezogen werden sollte. Sollte eine Screening-Entscheidung getroffen werden, ist der PSA-Test aufgrund seiner höheren Sensitivität die Methode der Wahl. Es sollte jedoch beachtet werden, dass der PSA-Wert allein keine endgültigen Ergebnisse liefert und das Risiko sowohl falsch-positiver als auch falsch-negativer Ergebnisse birgt. Viele Länder verfolgen daher mittlerweile einen selektiveren Ansatz, anstatt ein Screening für die gesamte Bevölkerung zu empfehlen.
Die Empfehlungen der USPSTF sehen ein Screening von Männern im Alter von 55 bis 69 Jahren nur nach einem ausführlichen Beratungsgespräch zwischen Arzt und Patient vor, in dem die potenziellen Vorteile und Risiken klar erläutert werden (https://www.uspreventiveservicestaskforce.org/uspstf/recommendation/prostate-cancer-screening). Sie betonen, dass die Risiken eines Screenings bei Männern mit begrenzter Lebenserwartung oder über 70 Jahren die Vorteile überwiegen. Die jüngste Entscheidung Großbritanniens lehnt hingegen ein allgemeines Screening ab, befürwortet aber ein zweijährliches Screening nur für Männer mit BRCA1/2-Mutationen, da Prostatakrebs in dieser Gruppe früher und aggressiver fortschreiten kann. Auch Deutschland beendet die Ära der systematischen „rektalen Untersuchung mit automatisierter Biopsie“. Die deutsche Leitlinie empfiehlt eine stärker personalisierte Strategie (basierend auf Risiko, Alter, PSA-Wert, Bedarf usw.) auf Grundlage des PSA-Werts. Diese Strategie ist jedoch noch nicht „für alle verpflichtend“ oder ein „Massenscreening-Programm“ (https://register.awmf.org/assets/guidelines/043-022OLl_S3_Prostatakarzinom_2025-08.pdf).
Jüngste medizinische Fortschritte deuten darauf hin, dass die multiparametrische Prostata-MRT zusätzlich zum PSA-Wert ein immer leistungsfähigeres Instrument wird. Die MRT hat das Potenzial, unnötige Biopsien zu reduzieren und klinisch signifikante Karzinome genauer zu erkennen. Die Anwendbarkeit, Kosteneffektivität und die idealen Altersbereiche für ein MRT-basiertes Screening in der Allgemeinbevölkerung sind jedoch noch nicht vollständig geklärt (https://bmjopen.bmj.com/content/12/11/e059482).
All diese Daten belegen eindeutig, dass die Prostatakrebsvorsorge keine einfache Ja/Nein-Entscheidung ist. Das Risikoprofil, die Lebenserwartung, die Familiengeschichte und die persönlichen Präferenzen jedes Mannes sind individuell. Eine gute Kommunikation zwischen Arzt und Patient erfordert ein offenes Gespräch über den potenziellen Nutzen der Vorsorge sowie über die körperlichen und psychischen Folgen von Überdiagnose, Überbehandlung und Testfehlern. Letztendlich sprechen die derzeitigen Erkenntnisse nicht für eine verpflichtende oder automatische Vorsorge in der Allgemeinbevölkerung.
Eine Vorsorgeuntersuchung sollte für gesunde Männer zwischen 50 und 70 Jahren sorgfältig erwogen werden, insbesondere für diejenigen mit familiärer Vorbelastung oder aus Risikogruppen. Ziel der Vorsorgeuntersuchung ist nicht nur die Früherkennung, sondern auch die aktive Mitgestaltung der eigenen Gesundheitsentscheidungen. In der medizinischen Praxis geht es nicht um mehr Tests, sondern um mehr Information und weniger Schaden. Die aktuellen Debatten um die Prostatakrebsvorsorge führen uns genau zu diesem Punkt.