Gesundheitskioske im öffentlichen Raum entwickeln sich zu einem der sichtbarsten und zugleich umstrittensten Aspekte der digitalen Gesundheitsversorgung. Von Einkaufszentren und Flughäfen über Universitätsgelände bis hin zu ländlichen Siedlungen bieten diese Stationen ein breites Spektrum an Dienstleistungen an – von einfachen Untersuchungen wie Blutdruckmessungen bis hin zu telemedizinischen Beratungen und KI-gestützten Erstbeurteilungen. Diese rasante Zunahme in den letzten zwei Jahren ist nicht nur eine technologische Innovation, sondern wirft auch grundlegende Fragen auf, etwa zum Zugang zur Gesundheitsversorgung, zu Ungleichheiten und zum Wandel der Arbeitswelt.
Heute beginnt der Besuch eines Gesundheitskiosks oft mit einer Selbstmessung: Grundlegende Indikatoren wie Blutdruck, Puls, Sauerstoffsättigung, Gewicht und Body-Mass-Index werden innerhalb weniger Minuten erfasst. Einige fortschrittliche Modelle bieten zusätzlich ein Elektrokardiogramm (EKG) oder Risikobewertungen an. Diese Messwerte werden häufig von KI-gestützter Software vorab geprüft und geben dem Nutzer verständliches Feedback, beispielsweise „Normal“, „Nachuntersuchung empfohlen“ oder „Facharzt konsultieren“. Künstliche Intelligenz ersetzt hier nicht den Arzt, sondern beschleunigt und steuert den Prozess.
Der zweite Ansatz sind Telemedizin-Kioske, sogenannte „Kliniken in der Box“. In diesen Kabinen können Nutzer per Video eine Beratung mit einem Arzt durchführen. Dank Sensoren und Kameras in der Kabine kann der Arzt die Messwerte in Echtzeit sehen. OnMed-Kioske an Flughäfen in den USA gehören zu den bekanntesten Beispielen für dieses Modell. Ziel ist es, einen schnellen und unkomplizierten Zugang zur Gesundheitsversorgung zu ermöglichen, insbesondere in Gebieten mit hoher Bevölkerungsdichte und starker Fluktuation.
In Deutschland ist der Ansatz jedoch etwas anders. Hier konzentriert sich das Konzept der „Gesundheitskioske“ stärker auf mehrsprachige Beratung, präventive Gesundheitsinformationen und die Weiterleitung an das Gesundheitssystem. In Pilotprojekten auf Bundes- und Landesebene liegt der Fokus darauf, den Zugang zum System zu erleichtern, insbesondere für Immigranten und Gruppen mit geringer Gesundheitskompetenz. Beratung und Vermittlung haben Vorrang vor der klinischen Diagnose.
Prognosen für die nächsten drei bis fünf Jahre zeigen, dass diese Kioske noch stärker standardisiert werden. Grundlegende Vitalparameter werden quasi zur Standardfunktion gehören; KI wird sich auf Hintergrundfunktionen wie Triage, Risikobewertung, Terminplanung und Dokumentation konzentrieren. Die Regulierung dürfte der entscheidende Faktor sein. In der Europäischen Union wird das Zusammenspiel von Medizinproduktegesetzgebung und KI-Regulierung die Hersteller zu einem strengeren Rahmen hinsichtlich Qualität, Rückverfolgbarkeit und Verantwortlichkeit zwingen. Dies wird die Spannung zwischen „schneller Einführung“ und „sicherer Integration“ erhöhen.
Die entscheidende Frage lautet: Sind Gesundheitskioske tatsächlich eine Lösung für mehr Zugänglichkeit oder eine neue Form der Ungleichheit? Werden Gruppen mit hoher digitaler Kompetenz und geringerem Datenschutzbewusstsein leichter von diesen Systemen profitieren, während ältere Menschen oder solche, die der Technologie skeptisch gegenüberstehen, ausgeschlossen werden? Wer trägt die Verantwortung, wenn es bei der KI-gestützten Triage zu einem Fehler kommt? Ist der Kiosk eine Unterstützung, die den Ärztemangel behebt, oder ein Instrument, das die Arbeit im Gesundheitswesen noch fragmentierter und prekärer macht?
Es geht nicht nur um ein „neues Gerät“. Der öffentliche Charakter des Gesundheitswesens, Anlaufstellen für Migranten innerhalb des Systems, Datenschutz und der Transfer akademischer Erkenntnisse in die Praxis sind allesamt relevante Aspekte. Gut konzipierte Gesundheitskioske können einen niedrigschwelligen und inklusiven Zugang ermöglichen; schlecht konzipierte hingegen können sie zu einem Symbol für stillschweigend wachsende Ungleichheiten werden. Daher hängt die Frage nicht so sehr davon ab, ob es dazu kommen wird, sondern vielmehr davon, wie es dazu kommen wird und für wen.
https://www.nature.com/articles/s43856-025-00738-5
https://link.springer.com/article/10.1186/s12872-023-03701-1