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Die Akademie kann es sich nicht leisten, im Krieg gegen den Iran zu schweigen.

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Rechtfertigt die Tatsache, dass ein Staat repressiv ist, dass andere Staaten Krieg gegen ihn führen?

Als Wissenschaftler dürfen wir diese Situation nicht allein aus der Perspektive geopolitischer Konkurrenz betrachten. So wie wir Russlands Angriff auf die Ukraine verurteilt und uns gegen die Massenvernichtung und die schweren Menschenrechtsverletzungen in Gaza ausgesprochen haben, müssen wir den Angriff auf den Iran, der unter dem Vorwand einer „nuklearen Bedrohung“ erfolgte, mit denselben ethischen Maßstäben bewerten. Andernfalls bricht der Anspruch der Wissenschaft auf Universalität zusammen, und Prinzipien weichen der Loyalität gegenüber der eigenen Partei. Ein intellektueller Diskurs, der schweigt, wenn der Angreifer wechselt, folgt in Wirklichkeit der Macht statt dem Recht.

Einige der internationalen Reaktionen auf diesen Krieg lauten wie folgt: UN-Generalsekretär António Guterres erklärte, dass der Einsatz von Gewalt durch die USA und Israel gegen den Iran sowie die darauffolgenden Vergeltungsmaßnahmen den internationalen Frieden und die Sicherheit schwächen. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, betonte ebenfalls, dass Bomben und Raketen kein Mittel zur Konfliktlösung seien und dass Zivilisten einmal mehr den Preis dafür zahlten (https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/global-reaction-israeli-us-attacks-iran-2026-02-28/).

Die rechtliche Dimension des Krieges ist ebenso wichtig wie seine ethische. Laut einer Rechtsanalyse von Reuters sind die von der Trump-Regierung mit der Begründung einer „unmittelbaren Bedrohung“ geführten Angriffe nicht haltbar. Rechtsexperten erklären, dass diese Angriffe sowohl nach internationalem als auch nach US-amerikanischem Recht umstritten sind (https://www.reuters.com/world/middle-east/are-us-attacks-iran-legal-2026-03-04/). Eine weitere Einschätzung von Reuters stellt fest, dass die Angriffe die Grenzen der verfassungsmäßigen Befugnisse des US-Präsidenten ausreizen (https://www.reuters.com/sustainability/sustainable-switch-are-attacks-iran-legal-2026-03-06/).

Bemerkenswert ist, dass Kriege, wie so oft, zunächst die Sprache verfälschen: Ausdrücke wie „Präventivschlag“, „Regimewechsel“ und „Zerstörung zur Stabilisierung“ zielen darauf ab, Macht zu legitimieren, die über das Gesetz hinausgeht. Daher sollte es Aufgabe der Wissenschaft sein, die Sprache der Wahrheit weiterhin gegen eine Politik zu verteidigen, die Begriffe ihrer Bedeutung beraubt.

Spanien bildet in dieser Hinsicht eine bemerkenswerte Ausnahme in Europa. Ministerpräsident Pedro Sánchez erklärte „Nein zum Krieg“ und kündigte an, sein Land werde sich an dieser Katastrophe nicht mitschuldig machen. Sánchez rief zu einer sofortigen Deeskalation der Spannungen und zur uneingeschränkten Achtung des Völkerrechts auf. Laut El País erklärte Sánchez, Gewalt sei keine Lösung und der blindere Gehorsam als Führung zu betrachten sei pure Naivität. Während in Europa eine zurückhaltendere Rhetorik angeschlagen wird, zeigt Spaniens offene Haltung, dass eine prinzipiengeleitete Außenpolitik weiterhin möglich ist (https://english.elpais.com/international/2026-03-04/pedro-sanchez-on-the-us-and-israeli-attack-on-iran-no-to-war-we-will-not-support-this-disaster.html).

Spanien steht mit seiner Ablehnung des Krieges nicht allein da. Der norwegische Außenminister Espen Barth Eide erklärte, der Angriff verstoße gegen das Völkerrecht. Auch der irische Präsident rief zur Diplomatie auf und bezeichnete die Normalisierung willkürlicher Besetzungen souveräner Staaten als Weg in die Zerstörung (https://president.ie/en/media-library/news-releases/statement-by-president-connolly-following-strikes-on-iran). Der omanische Außenminister erklärte, die von seinem Land vermittelten Verhandlungen seien erneut sabotiert worden, und sandte damit eine Botschaft an Washington: „Dies ist nicht euer Krieg.“ Der chinesische Außenminister Wang Yi bezeichnete die Angriffe der USA und Israels als „inakzeptabel“ und forderte einen sofortigen Waffenstillstand. Auch Brasilien erklärte, die Angriffe untergrüben den Verhandlungsprozess, und der Dialog sei der einzige Weg zum Frieden (https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/global-reaction-israeli-us-attacks-iran-2026-02-28/).

Im Gegensatz dazu wirkt die gemeinsame Haltung der Europäischen Union deutlich vorsichtiger und uneinheitlicher. Zwar fordern die meisten EU-Länder „größtmögliche Zurückhaltung“ und die Achtung des Völkerrechts, verurteilen aber gleichzeitig die Angriffe des Iran aufs Schärfste (https://www.reuters.com/world/middle-east/eu-nations-call-maximum-restraint-respect-international-law-iran-conflict-2026-03-01/). Diese ausgewogene Krisenrhetorik offenbart, dass Staaten oft nicht von Prinzipien, sondern von Allianzen und Kostenkalkulationen sprechen. Daher gewinnt die Stimme von Universitäten, Forschern und Intellektuellen an Bedeutung. Wo Staaten schweigen oder zögern, muss die Wissenschaft angesichts des menschlichen Lebens eine moralische Sprache entwickeln, die nicht von Nationalität abhängt.

Die Auswirkungen des Krieges auf die Wissenschaft sind sowohl direkt als auch indirekt. Der Anstieg der Energiepreise wird den Druck auf Transport- und Logistikkosten, die Sicherheit wissenschaftlicher Konferenzen, die internationale Studierendenmobilität, Stipendienprogramme und die Finanzierung der Forschungsinfrastruktur erhöhen. Die Störungen in der Straße von Hormus und ihre wirtschaftlichen Folgen sind für Wissenschaftler nicht bloß Wirtschaftsdaten, sondern ein Zeichen dafür, wie Krieg das wissensproduzierende Ökosystem lähmt. Universitäten bleiben in Kriegszeiten keine neutralen Inseln; sie erliegen entweder dem Druck oder stellen sich auf die Seite der Wahrheit und des menschlichen Lebens.

Hier muss das Konzept der „wissenschaftlichen Verantwortung“ in Erinnerung gerufen werden. Die Pflicht der Wissenschaftler besteht nicht nur darin, Daten zu erheben, sondern auch darin, die öffentliche Meinung zu schützen. Zu schweigen angesichts einer Sprache, die bombardierte Städte auf Karten, Tote auf Statistiken und Vertreibung auf „Sicherheitsergebnisse“ reduziert, bedeutet, die wissenschaftliche Ethik dem politischen Komfort zu opfern. Gerade in Kriegszeiten laufen Universitäten Gefahr, zu Propagandainstrumenten zu werden. Doch die Geschichte hat uns das Vermächtnis von Intellektuellen hinterlassen, die den Preis für Ungerechtigkeit bezahlt haben.

Im Laufe der Geschichte haben sich zahlreiche Akademiker, Studierende und Intellektuelle gegen Unterdrückung gestellt und dabei ihr Leben geopfert. Sophie Scholl und die Studierenden der Weißen Rose an der Universität München wurden 1943 hingerichtet, weil sie Flugblätter gegen die Verbrechen der Nazis verteilt hatten. Janusz Korczak, ein Pädagoge und Kinderrechtsaktivist, weigerte sich, seine Waisen im Warschauer Ghetto zurückzulassen, wurde mit ihnen nach Treblinka deportiert und dort ermordet. In El Salvador wurde der Philosoph und Universitätsrektor Ignacio Ellacuría ermordet, weil er staatliche Gewalt und Menschenrechtsverletzungen kritisierte. Diese Beispiele zeigen, dass die wahre Ehre der Wissenschaft nicht in der Karriere liegt, sondern im Mut, angesichts von Machtmissbrauch die Wahrheit auszusprechen (https://www.britannica.com/topic/White-Rose).

Genau das brauchen wir heute im Hinblick auf den Iran. Legitime Kritik am iranischen Regime darf nicht als Rechtfertigung für Aggressionen von außen missbraucht werden. Ein repressiver Staat gibt anderen Staaten kein Recht, Krieg gegen ihn zu führen. Ebenso wenig bedeutet Opposition gegen ein Regime, zu schweigen, während dessen Städte bombardiert werden. Akademische Konsequenz erfordert sowohl die Ablehnung autoritärer Regime als auch die Verurteilung externer Aggression. Menschenrechte sind nicht bloß ein Diskurs, der gegen rivalisierende Blöcke eingesetzt wird.

Nach den Angriffen auf den Iran sehen sich Universitäten und akademische Netzwerke mit den Folgen einer neuen Ära des Krieges konfrontiert. Die akademische Solidarität muss, ungeachtet der Nationalität oder politischer Zugehörigkeit, an ihren Prinzipien festhalten: Das Leben von Zivilisten ist wichtiger als geopolitische Kalkulationen; Krieg ist die Sprache der Macht, nicht der Wahrheit; Universitäten dürfen sich dieser Sprache nicht beugen. Wir müssen heute gegenüber dem Iran dieselbe moralische Sprache sprechen, die wir auch beim Angriff Russlands auf die Ukraine, bei der Zerstörung des Gazastreifens und bei Souveränitätsverletzungen in anderen Regionen verwendet haben. Denn wenn das Gewissen der Wissenschaft selektiv wird, verliert es seine Funktion. Was wir heute brauchen, ist nicht, uns mit den Mächtigen zu verbünden, sondern auf der Seite des Rechts, des Friedens und des menschlichen Lebens zu stehen.

Was wir nicht essen, ist genauso wichtig wie das, was wir essen

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Heutzutage wird Ernährung oft auf das Kalorienzählen, die Makronährstoffverteilung und gängige Diättrends reduziert. Doch das Fasten, eine Jahrtausende alte Praxis, lässt uns eine grundlegendere Frage überdenken: Was nährt uns wirklich?

Fasten weist eine bemerkenswerte Kontinuität über verschiedene Regionen und religiöse Traditionen hinweg auf. Ramadan im Islam, die Fastenzeit im Christentum, Jom Kippur im Judentum… Ist das Aufkommen ähnlicher Praktiken in so vielen verschiedenen Kulturen Zufall oder verweist es auf eine tiefere Wahrheit über die menschliche Natur? Die Antwort auf diese Frage findet sich an der Schnittstelle zwischen Biologie und Sinnfindung.

Biologisch gesehen ist der menschliche Körper weitaus dynamischer als wir annehmen. Innerhalb weniger Wochen werden 70–90 % der Atome, aus denen unser Körper besteht, erneuert. In diesem Sinne ist der Mensch eher ein ständig fließender Fluss als eine statische Struktur. Was wir heute als „uns“ bezeichnen, war noch vor nicht allzu langer Zeit Teil von Pflanzen, Tieren oder der Luft. Was wir essen, verändert uns. Doch vielleicht ist eine ebenso wichtige Wahrheit, dass uns auch das prägt, was wir nicht essen. Der Philosoph Ludwig Feuerbach sagte im 19. Jahrhundert: „Der Mensch ist, was er isst.“ Vielleicht ist es heute an der Zeit, diese Aussage zu erweitern: Der Mensch wird nicht nur durch das geprägt, was er isst, sondern auch durch das, worauf er bewusst verzichtet.

Die Worte des Propheten Mohammed sind in diesem Zusammenhang bemerkenswert: „Der Sohn Adams hat noch nie ein Gefäß schlechter gefüllt als seinen Magen.“ Diese Aussage bezieht sich nicht nur auf Ernährung; sie birgt eine kraftvolle Botschaft über Mäßigung, Selbstbeherrschung und Konsumethik. In diesem Sinne bedeutet Fasten nicht nur Hungern. Fasten ist die Praxis, Distanz zwischen Wünschen und Handlungen zu schaffen. Das Aufschieben unmittelbarer Bedürfnisse ermöglicht dem Einzelnen, sich körperlich und geistig neu zu positionieren. Dieser Prozess kann nicht nur metabolische Flexibilität, sondern auch psychische und moralische Disziplin fördern.

Fasten führt zu gut organisierten Stoffwechselveränderungen im Körper. Nach etwa 12–16 Stunden Fasten schaltet der Organismus von der Glukoseverwertung auf die Fettverbrennung um. Die Glykogenspeicher in der Leber leeren sich, der Insulinspiegel sinkt und Fettsäuren werden mobilisiert. Dabei entstehen in der Leber Ketonkörper. So wird Fett verbrannt und dem Gehirn eine alternative Energiequelle bereitgestellt.

Neben dem Energiestoffwechsel wird dem Fasten auch eine Wirkung auf zellulärer Ebene zugeschrieben. Die am häufigsten diskutierte ist die Autophagie. Autophagie ist ein „innerer Reinigungsmechanismus“, bei dem die Zelle beschädigte Strukturen abbaut und recycelt. Dieser Mechanismus wurde insbesondere in Tierversuchen überzeugend nachgewiesen (https://livehelfi.com/blogs/all/discover-the-benefits-of-autophagy).

Klinische Studien deuten darauf hin, dass intermittierendes Fasten, insbesondere das Fasten nach Ramadan-Art, positive Auswirkungen auf einige Stoffwechselindikatoren haben kann. Eine systematische Übersichtsarbeit von Faris et al. zeigt, dass Fasten mit einer erhöhten Insulinsensitivität, verringerten Entzündungsmarkern und einer durchschnittlichen Senkung des systolischen Blutdrucks um 3–5 mmHg einhergehen kann (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31581955/). Eine Metaanalyse von Sadeghirad et al. berichtet ebenfalls von einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von 1–2 Kilogramm während des Ramadan (wobei dieser Effekt oft nur vorübergehend ist) (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23182306/).

Diese Ergebnisse haben jedoch eine wichtige Einschränkung: Fasten führt nicht automatisch zu gesundheitlichen Vorteilen. Die Ernährungsgewohnheiten außerhalb der Fastenzeiten spielen eine entscheidende Rolle. Faktoren wie übermäßige Kalorienzufuhr, hoher Zuckerkonsum und unregelmäßiger Schlaf können die potenziellen Vorteile des Fastens zunichtemachen oder sogar umkehren. Darüber hinaus ist Fasten nicht für jeden geeignet. Für Diabetiker, Menschen mit Essstörungen, Schwangere sowie Menschen mit bestimmten chronischen Erkrankungen kann Fasten ernsthafte Gesundheitsrisiken mit sich bringen. Daher sollte jede Bewertung des Fastens neben seinen Vorteilen auch dessen Grenzen und Risiken berücksichtigen.

Fasten allein anhand seiner physiologischen Auswirkungen zu beurteilen, würde jedoch die wahre Bedeutung dieser Praxis verkennen. Gläubige fasten letztlich nicht wegen der damit verbundenen Vorteile, sondern aus Glaubensgründen. Aus religiöser Sicht ist Fasten nicht nur ein Akt der Verehrung, sondern auch Teil einer Lebensweise. Der Mensch ist ein unglaublich komplexes Wesen. Selbst die einfachsten Maschinen haben Bedienungsanleitungen. Wie sinnvoll ist es also, den Menschen völlig ohne Anleitung zu lassen? Vor diesem Hintergrund können wir sagen, dass Propheten nicht nur spirituelle Führer, sondern auch Träger eines Systems für die praktischen Aspekte des Lebens waren.

Fasten kann besonders für Vertriebene, Menschen, die sich in fremden Ländern einleben müssen, oder Studierende unter akademischem Druck eine tiefere Bedeutung annehmen. Es kann inmitten von Gefühlen der Zerrissenheit ein Gefühl von Kontinuität, Ordnung und Kontrolle vermitteln. Richtig und bewusst praktiziert, ist es weder bloß ein religiöses Ritual noch eine rein biologische Maßnahme. Es überbrückt die Kluft zwischen diesen beiden Bereichen. Fasten lädt uns ein, den Menschen sowohl als biologischen Organismus als auch als Wesen auf der Suche nach Sinn zu betrachten.

Brain Waste: Der unsichtbare akademische Verlust von Migranten

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Die Geschichten der Dokumentarserie „Tutunanlar“ (Die Halt Findenden) (https://www.youtube.com/@tutunanlar_/) offenbaren ein wachsendes, aber unzureichend diskutiertes Problem in Europa, das über Erzählungen individuellen Erfolgs oder Anpassung hinausgeht. Viele hochqualifizierte Migranten können ihren Beruf in ihren Heimatländern nicht ausüben. In der Fachliteratur wird diese Situation als „Brain Waste“ (https://ec.europa.eu/assets/home/emn-glossary/glossary.html?letters=f&detail=brain+waste) bezeichnet.

Die Analyse von Salih Taş der Serie „Tutunanlar“ (https://www.patreon.com/posts/150988042?collection=2007548) zeigt eine konkrete und messbare Dimension dieses Phänomens auf. 87 Videos der Serie wurden untersucht, und 74 Migranten, deren beruflicher Hintergrund eindeutig identifiziert werden konnte, wurden in die Analyse einbezogen. Die Ergebnisse zeigen, dass nur ein geringer Prozentsatz der Immigranten ihren Beruf weiter ausüben kann, während die große Mehrheit gezwungen ist, einen erheblichen Karrierewechsel vorzunehmen. Laut der Analyse konnten lediglich 18,9 % der Befragten ihren Beruf im neuen Land fortsetzen, während die übrigen 81,1 % entweder in völlig andere Bereiche wechselten oder gezwungen waren, in ihren Fachgebieten Positionen mit niedrigerem Status anzunehmen.

Einer der Bereiche, in denen dieser Karrierewechsel besonders deutlich wird, ist der Bildungssektor. Mehr als die Hälfte der analysierten Gruppe verfügt über einen pädagogischen oder akademischen Hintergrund. Ein Großteil dieser Personen kann jedoch in ihren neuen Ländern nicht im Bildungssektor arbeiten. Stattdessen sind sie gezwungen, gering qualifizierte Tätigkeiten im Dienstleistungssektor auszuüben oder im technischen Support zu arbeiten. Diese Situation bedeutet nicht nur den Verlust individueller Karrierechancen, sondern auch den Verlust pädagogischer Erfahrung, akademischen Wissens und intellektuellen Kapitals. Ein Lehrer, der als Lagerarbeiter tätig ist, oder ein Akademiker, der als Fahrer arbeitet, ist mehr als nur eine wirtschaftliche Diskrepanz; es ist eine Unterbrechung der Wissensproduktion.

Dass Deutschland als beliebtestes Einwanderungsland hervorsticht, ist in diesem Zusammenhang ebenfalls bemerkenswert. Die Analyse zeigt Deutschland mit 36,5 % an erster Stelle, gefolgt von den USA, Großbritannien und Kanada. Starke Netzwerke der deutschen Diaspora, ein solides Sozialsystem und die durch die Berufsausbildung gebotenen Wiedereingliederungsmöglichkeiten scheinen Schlüsselfaktoren für die Wahl Deutschlands zu sein. Dies birgt jedoch einen Widerspruch. Obwohl Deutschland als Land mit Fachkräftemangel gilt, zwingen strukturelle Hindernisse bei der Anerkennung von Abschlüssen und der beruflichen Integration einen erheblichen Teil der Einwanderer dazu, außerhalb ihrer Fachrichtung zu arbeiten. Integration erfolgt daher oft eher durch den Verlust von Qualifikationen als durch deren Erhalt.

Internationale Studien belegen, dass diese Ergebnisse keine Ausnahmen darstellen, sondern ein systematisches Muster widerspiegeln. Laut OECD-Daten arbeitet ein erheblicher Anteil hochqualifizierter Migranten in Positionen unterhalb ihrer Qualifikation (https://www.oecd.org/en/publications/indicators-of-immigrant-integration-2023_1d5020a6-en.html). Ebenso zeigen OECD-Daten, dass etwa ein Drittel der hochqualifizierten Migranten überqualifizierte Positionen bekleidet (https://www.migrationpolicy.org/article/credential-recognition-trends). Diese Situation spiegelt sich nicht nur in der Beschäftigung, sondern auch im Einkommensniveau wider. Studien in OECD-Ländern haben gezeigt, dass Einwanderer beim Eintritt in den Arbeitsmarkt durchschnittlich 34 % weniger verdienen als die einheimische Bevölkerung (https://www.oecd.org/en/publications/international-migration-outlook-2025_ae26c893-en/full-report/immigrant-integration-the-role-of-firms_db745b4c.html).

Diese Situation kann nicht allein als individuelles Anpassungsproblem betrachtet werden. Die Verschwendung von Potenzial bedeutet auch einen wirtschaftlichen und akademischen Verlust. Die Unfähigkeit, das Wissen und die Fähigkeiten hochqualifizierter Menschen effektiv zu nutzen, führt zu Ineffizienz auf dem Arbeitsmarkt und schränkt die Innovationsfähigkeit der Gesellschaft ein. Dieser Verlust ist besonders für Akademiker und Pädagogen gravierender, da er nicht nur ihren Beruf, sondern auch die Wissensproduktion, das kritische Denken und die akademische Kontinuität beeinträchtigt.

Im Kontext der Zwangsmigration nimmt dieser Prozess eine noch dramatischere Dimension an. Menschen, die aufgrund von Einschränkungen der akademischen Freiheit, des Verlusts der Arbeitsplatzsicherheit und politischen Drucks gezwungen sind, ihre Heimatländer zu verlassen, müssen sich ihre berufliche Identität neu aufbauen und ein neues Leben beginnen. Dieser Wiederaufbauprozess verläuft jedoch oft nicht unter denselben Bedingungen. Sprachbarrieren, bürokratische Hürden, fehlende soziale Netzwerke und strukturelle Diskriminierung erschweren es diesen Menschen, ihr Potenzial zu entfalten.

Die Reihe „Diejenigen, die durchhalten“ ist nicht nur eine Studie, die individuelle Schicksale dokumentiert, sondern auch eine wichtige Datenquelle, die die Auswirkungen eines umfassenderen strukturellen Problems in diesem Bereich aufzeigt. Diese Geschichten deuten nicht auf das „Scheitern“ von Migranten hin, sondern darauf, wie Systeme diese Menschen positionieren. Migranten sind nicht unfähig, Arbeit zu finden; oft sind sie gezwungen, weit unter ihren Qualifikationen zu arbeiten, um zu überleben.

Die Abwanderung hochqualifizierter Fachkräfte in die Herkunftsländer und der damit einhergehende Verlust an Wissen und akademischer Arbeit stellen einen akademischen und sozialen Verlust dar, der in Europa zwar unsichtbar ist, aber tiefgreifende Auswirkungen hat. Dieser Verlust beschränkt sich nicht allein auf den Statusverlust der Betroffenen. Er beeinträchtigt auch die Fähigkeit der Gesellschaften, Wissen zu produzieren, die Effizienz der Institutionen und die Kontinuität der Wissenschaft. Dies zeigt, dass nicht nur Menschen, sondern auch Wissen und akademische Arbeit verdrängt werden.

Das Anti-Autokratie-Handbuch: Regime, die die Wahrheit unterdrücken, beginnen an der Universität

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Die im Juni 2025 veröffentlichte umfassende Studie mit dem Titel „Das Anti-Autokratie-Handbuch: Ein Leitfaden für Wissenschaftler zum Umgang mit dem demokratischen Rückschritt“ analysiert systematisch die Auswirkungen des Demokratierückgangs auf die Wissenschaft. Dieser Text sollte unbedingt beachtet und auf der Tagesordnung bleiben: https://zenodo.org/records/15696097

Obwohl das Handbuch direkt aus der Perspektive der Entwicklungen in den USA verfasst ist, ist der darin präsentierte konzeptionelle Rahmen für Länder mit autoritären Zügen, wie etwa die Türkei, äußerst vertraut und aufschlussreich. Die wichtigste Erkenntnis des Berichts ist, dass Demokratie nicht allein aus Wahlen besteht; der eigentliche Zusammenbruch beginnt mit ungeschriebenen Normen, noch vor den geschriebenen Artikeln der Verfassung. Wenn demokratische Gepflogenheiten erodieren, schwächt sich das Prinzip der gegenseitigen Legitimität ab, und die Machthabenden beginnen, ihre Rivalen als außerhalb des Systems stehend zu betrachten – der Prozess des Rückschritts beschleunigt sich. In diesem Prozess wirken Populismus, Polarisierung und Postfaktizität zusammen. Regierungen, die vorgeben, im Namen des „Volkes“ zu sprechen, spalten die Gesellschaft, vernebeln die Informationslage und schwächen die Rechenschaftspflicht. Die Wissenschaft, die für kritisches Denken und evidenzbasierte Wahrheit steht, gerät ebenfalls ins Visier.

Das Handbuch verdeutlicht, warum die Wissenschaft zu den ersten Zielen im Prozess des Autoritarismus zählt. Ideologische Etikettierung von Forschungsbereichen, Kürzungen der Fördermittel, Beeinträchtigung internationaler Kooperationen, Erwartungen an „Loyalität“, juristische Ermittlungen und Verleumdungskampagnen sind allesamt Bestandteile dieses Prozesses. Die Parallelen werden deutlicher, wenn man die Exmatrikulationen, Passentzüge, Disziplinarverfahren und die Aushöhlung der universitären Autonomie betrachtet, die in der Türkei im letzten Jahrzehnt zu beobachten waren.

Ein weiteres im Bericht hervorgehobenes Konzept ist „Bestrafung als Prozess“. Ziel ist oft nicht die Verurteilung, sondern die Untersuchung selbst. Rufschädigung, öffentliche Anfeindungen, anhaltende Unsicherheit und juristischer Druck wirken an sich schon abschreckend. Die gefährlichste Folge dieses Klimas ist die Selbstzensur. Der Text definiert Selbstzensur als einen Eckpfeiler der Verhaltensarchitektur des Autoritarismus. Indem Menschen sich entscheiden, nicht zu sprechen, nicht zu schreiben, ihre Forschungsgebiete zu wechseln oder zu schweigen, wird die Repression zwar unsichtbarer, aber gleichzeitig hartnäckiger.

Die im Handbuch verwendete Metapher der „Serengeti-Strategie“ ist besonders eindrücklich. Autoritäre Repression richtet sich oft nicht gegen die gesamte Gruppe, sondern gegen einzelne Wissenschaftler, die sich scheinbar von ihr abgrenzen. Ziel ist es, andere zu isolieren, einzuschüchtern und den Solidaritätsreflex zu brechen. Die akademische Freiheit schrumpft so schrittweise. Dass bestimmte Disziplinen in der Türkei, insbesondere Menschenrechte, Gender Studies, Migrationsforschung und Minderheitenstudien, einer stärkeren Repression ausgesetzt sind, kann als Ausdruck dieser Strategie interpretiert werden.

Ein wichtiger Beitrag des Textes besteht darin, dass er Vorschläge unterbreitet, wie Wissenschaftler je nach Risikograd handeln können. Der diesen Vorschlägen zugrunde liegende Gedanke lautet: Niemand ist völlig allein, und Solidarität ist unabhängig vom Risikograd möglich. Manchmal können Medienverlautbarungen, manchmal die Archivierung von Daten, manchmal das Entwickeln kleiner, aber bewusster Einwände und manchmal das anonyme Erzählen der Geschichte Formen des Widerstands sein. Widerstand ist nicht immer ein lauter Protest; manchmal ist allein das Festhalten an der Wahrheit ein politischer Akt.

Der Bericht erinnert uns auch daran, dass Autoritarismus nicht von Dauer ist. Unter Bezugnahme auf Studien zu Massenbewegungen zwischen 1900 und 2006 stellt er fest, dass die meisten davon, an denen sich 3,5 % der Bevölkerung beteiligten, erfolgreich waren. Diese Erkenntnis verwandelt Hoffnung von romantischem Trost in eine strategische Möglichkeit. Solidarität ist auch eine Frage der Quantität; Sichtbarkeit und kollektiver Mut schaffen Schwellenwerte.

Aus der Perspektive akademischer Solidarität sollte dieses Handbuch nicht nur als Analyse, sondern auch als Aufruf zum Handeln verstanden werden. Die Verteidigung der Wissenschaft ist kein institutioneller Reflex, sondern ein ethisches Gebot. Die Erfahrungen von Akademikern im Exil, unter Druck oder zur Selbstzensur gezwungen sind, sind nicht bloß Einzelfälle; sie sind frühe Warnzeichen für einen Rückschritt in der Demokratie. Wenn der Raum für die Wahrheit schrumpft, sind die Universitäten die Ersten, die verstummen. Wenn Universitäten schweigen, meldet sich der Rest der Gesellschaft erst viel später zu Wort.

Die Verteidigung der Wissenschaft bedeutet nicht nur den Schutz einer Berufsgruppe. Es geht um den Schutz der öffentlichen Vernunft, des kritischen Denkens und der demokratischen Zukunftsperspektiven. Schweigen ist ansteckend, Solidarität aber auch. Da sich der Autoritarismus schrittweise ausbreitet, muss der Widerstand entsprechend aufgebaut werden.

Die Epstein-Akten: Eine Bewährungsprobe für die Wissenschaft

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Kürzlich wurden Millionen von Dokumenten im Zusammenhang mit Jeffrey Epstein veröffentlicht. Diese Akten enthüllen nicht nur ein Netzwerk sexuellen Missbrauchs und krimineller Organisationen, sondern werfen auch ein kritisches Licht auf das fragile Verhältnis zwischen Wissenschaft, Macht und Ethik. Die Dokumente zeigen, wie eng Finanzen, Elitenpolitik und Wissenschaft miteinander verflochten sind und wo die ethischen Grenzen von Universitäten verschoben werden (https://www.nature.com/articles/d41586-026-00388-0).

Eines der markantesten Beispiele für Epsteins Verbindungen zur Wissenschaft sind seine Beziehungen zur Harvard University und zum Massachusetts Institute of Technology (MIT). Es ist belegt, dass er zwischen 1998 und 2008 Millionen Dollar an Harvard spendete, von denen ein Teil an universitätsinterne Einrichtungen wie das Programm für Evolutionsdynamik floss. Obwohl die Universität den sichtbaren Teil dieser Spenden untersucht und erklärt hat, seit 2008 keine Spenden mehr angenommen zu haben, werden die ethischen Implikationen vergangener Entscheidungen weiterhin diskutiert (https://www.harvard.edu/president/news-and-statements-by-president-bacow/2020/report-regarding-jeffrey-epstein-s-connections-to-harvard/).

Berichte vom MIT zeichnen ein ähnliches Bild: Es stellte sich heraus, dass Epsteins namentlich genannte und anonyme Spenden über Jahre hinweg angenommen wurden. Ein Teil davon floss in Forschungsbereiche wie das Medienlabor, was zum Rücktritt einiger akademischer Führungskräfte führte (https://news.mit.edu/2020/mit-releases-results-fact-finding-report-jeffrey-epstein-0110).

Diese Beispiele zeigen, dass akademische Einrichtungen bei der Suche nach Fördermitteln auf ethische Schwachstellen stoßen können. Während Geld für angesehene Institutionen eine ständig begehrte Ressource darstellt, wird die Frage, was geschieht, wenn die Herkunft dieses Geldes mit ethischen Prinzipien kollidiert, oft lieber verdrängt.

Die Epstein-Akten enthalten nicht nur Finanzdokumente, sondern auch Korrespondenz mit Akademikern, Aufzeichnungen von akademischen Treffen sowie persönliche Kontakte. So belegen die Dokumente beispielsweise, dass einige Professoren regen Kontakt zu Epstein pflegten und gemeinsam Veranstaltungen besuchten (https://www.insidehighered.com/news/faculty-issues/2026/02/03/nine-more-higher-ed-names-epstein-files).

Lässt sich eine solche Verbindung mit dem Argument der „akademischen Freiheit“ und der „akademischen Unabhängigkeit“ rechtfertigen? Akademische Freiheit bedeutet, freies Denken zu ermöglichen, mutig zu forschen und Machtstrukturen zu hinterfragen. Die Frage ist jedoch, ob die Wissenschaft ihrer ethischen Verantwortung gerecht werden kann. Akademische Freiheit umfasst nicht nur die Freiheit der Forschung und Meinungsäußerung, sondern auch die Verantwortung, eine kritische Distanz zu Machtverhältnissen zu wahren.

Wenn Persönlichkeiten wie Epstein durch Geld und Beziehungen in akademische Institutionen eindringen, stellt sich folgende Frage: Kann die Wissenschaft ihre kritische Distanz zum Geld bewahren oder wird sie ihm erliegen?

Dieses Ereignis offenbart eine tiefere ethische Blindheit, als die einfache Frage „Hat die Wissenschaft einen Fehler gemacht?“ zu beantworten: Ein Krimineller infiltriert angesehene Institutionen mit Geld und Beziehungen, die Institutionen sind nicht in der Lage, dies offen zu hinterfragen, und die Folgen bleiben lange Zeit ungelöst. Es ist leicht gesagt, dass eine Spende abgelehnt werden sollte; die Schwierigkeit besteht darin, Standards zu etablieren, die eine Ablehnung ermöglichen, und diese Praktiken beizubehalten.

Wir sollten akademische Solidarität nicht nur als Schutzmechanismus gegen äußeren Druck betrachten. In ethischen Krisen trägt die akademische Gemeinschaft stets die größte Verantwortung. Die Wissenschaft muss ihre internen Machtverhältnisse, Finanzierungsquellen und ethischen Prioritäten ständig hinterfragen; sie muss ein Gleichgewicht zwischen Geld, Prestige und Beziehungen einerseits und ethischen Prinzipien andererseits finden. Ethische Krisen entstehen oft nicht durch Mittäterschaft an Verbrechen, sondern durch deren Ignorierung.

Ahmet Turan Alkan: Ein Intellektueller, der in einem autoritären Regime zum Schweigen gebracht wurde

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Der Tod von Ahmet Turan Alkan hat alle Intellektuellen tief betrübt. Seine letzten Jahre sollten als konkretes Beispiel für das problematische Verhältnis zwischen autoritären politischen Systemen und gebildeten, kritischen und gesellschaftlich verantwortungsbewussten Menschen betrachtet werden. In solchen Regimen beschränkt sich die Repression nicht auf rechtliche Sanktionen oder Gefängnisstrafen; vielmehr handelt es sich um einen langfristigen und vielschichtigen Prozess der intellektuellen Neutralisierung.

Einen Akademiker oder Schriftsteller unter Androhung von Gewalt zu einer Entschuldigung zu zwingen (https://youtu.be/fJbmMudSVi4) entspricht Mechanismen des „symbolischen Gehorsams“. Ziel dieser Praktiken ist es nicht nur, den Einzelnen zu bestrafen, sondern auch die Legitimität kritischen Denkens in der Öffentlichkeit zu untergraben und ein abschreckendes Beispiel für andere Intellektuelle zu setzen. In diesem Kontext wirkt Repression nicht durch direkte physische Gewalt, sondern durch symbolische Formen der Gewalt, die nachhaltigere Auswirkungen haben (https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0176268022001574).

Die Unterbrechung von Ahmet Turan Alkans akademischer und literarischer Tätigkeit nach seiner Inhaftierung kann als individuelle Entscheidung oder Rückzug interpretiert werden. Diese Situation kann jedoch auch als autoritäres „erlerntes Schweigen“ betrachtet werden. In Systemen, in denen akademische Freiheit formal existiert, aber faktisch eingeschränkt ist, stellt die Einstellung der Publikationstätigkeit einen rationalen Abwehrmechanismus dar (https://repository.library.northeastern.edu/files/neu%3Acj82nr72n/fulltext.pdf).

Die Tatsache, dass sein Roman nicht von dem Verlag veröffentlicht wurde, mit dem er jahrelang zusammengearbeitet hatte, zeigt deutlich, dass Zensur nicht allein durch staatliche Intervention erfolgt. In autoritären Regimen werden Kultur- und Wissenschaftsbereiche durch Selbstzensurmechanismen geprägt, die auf Angst, Unsicherheit und Konformitätsdruck beruhen. So werden Verlage, Universitäten und Kulturinstitutionen oft – häufig ohne explizite Anweisung – zu verlängerten Armen der Machtstrukturen. Intellektuelle werden dabei nicht nur von der politischen Macht, sondern auch von ihrem eigenen sozialen und institutionellen Umfeld an den Rand gedrängt.

Dieses Einzelbeispiel ist Teil eines umfassenderen, strukturellen Prozesses. In Ländern mit autoritären Regimen verlassen kritische Akademiker, Schriftsteller und Künstler zunehmend das Land und suchen Zuflucht in demokratischen Staaten. Obwohl dies als „Brain Drain“ bezeichnet wird, handelt es sich in Wirklichkeit um das erzwungene Exil von Intellektuellen und kritischem Denken.

In Gesellschaften, in denen Intellektuelle unterdrückt oder systematisch ausgeschlossen werden, verlangsamt sich die intellektuelle Produktion; Universitäten und Kulturinstitutionen verlieren ihre kritische Funktion. Dies schwächt die Rechenschaftspflicht der politischen Macht und ebnet den Weg für die weitere Verfestigung autoritärer Strukturen. Diese Wechselwirkung zwischen intellektueller Verarmung und politischer Repression erzeugt einen sich selbst verstärkenden und schwer zu durchbrechenden Teufelskreis.

Die letzten Lebensjahre von Ahmet Turan Alkan verdeutlichen eindrücklich, wie dieser Kreislauf auf individueller Ebene wirkt. Nach seinem Tod trafen Beileidsbekundungen aus verschiedenen politischen Kreisen ein. Seine Geschichte verdeutlicht nicht nur das Verschweigen eines Schriftstellers, sondern auch die Tendenz autoritärer Systeme, Intellektuelle hervorzubringen, deren Wert zu Lebzeiten nicht gewürdigt, sondern erst nach ihrem Tod erinnert wird.

Die internationale Wissenschaftsgemeinschaft sollte nicht nur im Exil lebende Akademiker unterstützen, sondern auch die intellektuellen Kosten des Autoritarismus sichtbar machen. Nur so kann der Teufelskreis des Verschweigens von Intellektuellen durchbrochen werden. Denn Gesellschaften, die ihre Intellektuellen zum Schweigen bringen, verlieren langfristig ihre intellektuelle Produktivität, ihre kritische Fähigkeit und ihre demokratische Zukunft.

Globale Unsicherheiten und die Fragilität der Wissenschaft nehmen in der Zeit nach Davos zu

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Wie jedes Jahr diente das Weltwirtschaftsforum in Davos als wichtige Plattform, um die Sichtweisen globaler politischer und wirtschaftlicher Eliten auf die Welt und ihre Prioritäten zu verdeutlichen. Die diesjährigen Diskussionen konzentrierten sich jedoch nicht nur auf Wirtschaftswachstum und technologische Innovation, sondern auch auf Sicherheit, geopolitischen Wettbewerb, den Niedergang der Demokratie und globale Ungleichheiten.
Die Welt entwickelt sich zunehmend zu einer polarisierten Struktur. Die Rivalität zwischen den USA und China, der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine sowie die Instabilität im Nahen Osten verändern die Wirtschaft in ein Feld, das stärker von geopolitischen Kalkulationen als von klassischen Marktmechanismen bestimmt wird. Bereiche wie Energiesicherheit, Nahrungsmittelversorgung, Halbleiter und künstliche Intelligenz gelten nicht nur als wirtschaftliche, sondern auch als strategische Machtfaktoren.
Die US-Militärintervention in Venezuela im Januar 2026 und die Entführung von Präsident Nicolás Maduro lösten eine breite Debatte völkerrechtlicher Art aus. Während viele Regierungen diese Intervention als Verletzung der Souveränität bezeichneten, verteidigte die US-Regierung sie mit dem Argument der „nationalen Sicherheit“. Diese Situation hat die Befürchtung verstärkt, dass die Weltpolitik nicht mehr von internationalen Normen, sondern von direkter Machtpolitik bestimmt wird.
Die erneuten diplomatischen Spannungen um Grönland zeigen jedoch, dass globale Akteure ihre eigenen Interessen über die Interessen der Welt stellen. Die Tendenz der USA, Grönland, eine autonome Region Dänemarks, aus „strategischen“ Gründen zu annektieren, und die heftigen Gegenreaktionen werfen Fragen zur europäischen Sicherheitspolitik und zu den transatlantischen Beziehungen auf. Während Grönlands lokale Führung die Botschaft „Wir sind nicht käuflich“ betont, versuchen die europäischen Länder, ein Zeichen der Einheit gegen solche Initiativen zu setzen. Deutschlands Suche nach neuen Partnern ist bemerkenswert.
Die Auswirkungen dieses Wandels auf die Wissenschaft werden immer deutlicher. Einerseits werden Universitäten zunehmend von den Sicherheitsprioritäten der Staaten und den Profitinteressen der Konzerne abhängig; andererseits schrumpft der Raum für kritisches Denken, unabhängige Forschung und akademische Freiheit. Sozialwissenschaften, Menschenrechte, Demokratieforschung und Migrationsstudien verlieren in vielen Ländern entweder an Finanzierung oder geraten unter politischem Druck.
Universitäten werden für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zunehmend zu unsicheren Orten, insbesondere in Ländern mit wachsendem Autoritarismus. Infolgedessen nehmen erzwungene akademische Migration, akademisches Exil und fragile Integrationsprozesse zu. Dies ist nicht nur ein individuelles Menschenrechtsproblem, sondern auch ein strukturelles Problem, das die Qualität und Vielfalt der globalen Wissensproduktion bedroht.
Der in Davos häufig betonte Diskurs über künstliche Intelligenz und Digitalisierung hat für Universitäten ebenfalls einen ambivalenten Charakter. Er bietet zwar das Potenzial, die wissenschaftliche Produktivität zu steigern, birgt aber auch die Gefahr, die Wissenschaft in eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung großer Technologiekonzerne zu verwandeln. Die Kommerzialisierung von Wissen macht Diskussionen über ethische Verantwortung und Gemeinwohl umso dringlicher.
In diesem Kontext ist die Bedeutung akademischer Solidaritätsnetzwerke größer denn je. Initiativen wie Academic Solidarity unterstützen nicht nur im Exil lebende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sondern schaffen auch alternative öffentliche Räume, die die Unabhängigkeit des Wissens, die akademische Freiheit und universelle Werte verteidigen. In Zeiten zunehmender globaler Unsicherheit ist es nicht nur eine ethische Entscheidung, sondern auch eine historische Notwendigkeit, die Universitäten an ihre soziale Verantwortung zu erinnern und die grenzüberschreitende akademische Solidarität zu stärken.
https://www.weforum.org/meetings/world-economic-forum-annual-meeting-2026/
https://decode39.com/13228/italy-and-germany-double-down-on-competitiveness-and-defense-at-rome-summit/
https://www.deutschland.de/en/news/germany-and-india-seek-to-deepen-their-relationship

Welche Rolle spielen islamisches Gedankengut, akademische Freiheit und im Exil lebende Intellektuelle angesichts des Zerfalls der Weltordnung?

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In einer Zeit, in der das Vertrauen in internationale Institutionen und dominante Ideologien erschüttert ist, ist die Suche nach Sinn nicht nur ein individuelles Problem; sie prägt auch die Zukunft der akademischen Produktion, der Meinungsfreiheit und der öffentlichen Debatten.

Eine auf TR724 veröffentlichte Analyse argumentiert, dass der kulturelle und politische Einfluss der amerikanischen Hegemonie schwindet, die gegenwärtige Weltordnung ihre ideologische Überzeugungskraft verliert und durch die Suche nach neuen, noch undefinierten Normen ersetzt wird. Diese Diskussion wirft insbesondere die Frage nach Doppelstandards auf, die die Aneignung universeller Werte wie Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit behindern. Es wird behauptet, dass die amerikanisch geprägte, einheitliche Definition von Kultur und Erfolg durch eine globalisierte Vielfalt an Stimmen ersetzt wird, doch ein klares Modell hierfür fehlt noch (https://www.tr724.com/amerikan-ruyasinin-ardindan-islami-dusuncenin-yeni-kuresel-duzendeki-yeri/).

Am Ende dieser Suche nach globalen Normen steht die Möglichkeit einer globalen Neudiskussion des islamischen Denkens. Mit der Schwächung des etablierten westlich geprägten Narrativs können unterschiedliche kulturelle und religiöse Rahmen alternative Sinngebungsfelder eröffnen. Sobald ein solcher Diskurs jedoch über die bloße Diskussion kultureller Präferenzen hinausgeht (d. h., wenn er in die Bereiche der öffentlichen und Bildungspolitik sowie der Gedankenfreiheit vordringt), ist es notwendig, die Diskussion im Kontext der akademischen Freiheit zu bewerten.

Ungeachtet der breiten globalen Debatten über ideologische Brüche und die Suche nach Sinn können diese nur in einem freien und pluralistischen Forschungsumfeld behandelt werden. Akademische Freiheit ist eine grundlegende Voraussetzung für die Nachhaltigkeit der intellektuellen Kapazität und der öffentlichen Vernunft einer Gesellschaft. Doch es gibt heute starke Anzeichen dafür, dass diese Freiheit in vielen Ländern (insbesondere in der Türkei) eingeschränkt wird.

In der Türkei hat die akademische Freiheit seit 2016 systematisch abgenommen. Das Land belegt in verschiedenen Indizes zur akademischen Freiheit einen niedrigen Rang, und die Autonomie der Universitäten wurde deutlich geschwächt. Dieser Strukturwandel führt zu stark repressiven Bedingungen für Forschung, Publikation und Lehre. Wissenschaftler riskieren Ermittlungen, Disziplinarmaßnahmen oder Entlassung, wenn sie ihre politischen Ansichten äußern (https://www.researchgate.net/publication/365383126_Academic_Freedom_in_Turkey).

Die 2016 veröffentlichte und von Tausenden von Wissenschaftlern unterzeichnete Erklärung „Aufruf zum Frieden“ (Wir werden uns an diesem Verbrechen nicht mitschuldig machen!) ist eines der bekanntesten Beispiele in der Türkei. Die unterzeichnenden Wissenschaftler sahen sich starkem öffentlichen und medialen Druck ausgesetzt; einige wurden verhaftet, Hunderte entlassen oder zum Rücktritt gezwungen. Dieser Prozess verdeutlichte, wie zerbrechlich die akademische Freiheit ist, wenn diejenigen, die akademisches Denken in der Öffentlichkeit vertreten, direkt mit der Staatspolitik kollidieren (https://en.wikipedia.org/wiki/Academics_for_Peace).

Dieses Beispiel unterstreicht auch die Bedeutung internationaler akademischer Solidarität als Reaktion auf globale Aufrufe. Wissenschaftler in der Diaspora verteidigen zwar die Menschenrechte, lenken aber zugleich die Aufmerksamkeit auf das repressive Klima in ihren Heimatländern und versuchen, das Thema als Frage der Freiheit in der globalen Öffentlichkeit zu positionieren. Solche transnationalen Netzwerke sind nicht bloß individuelle Interessenvertretung, sondern können auch zur Neudefinition universeller Normen der akademischen Freiheit beitragen (https://www.academia.edu/143876743/Peace_Profile_Academics_for_Peace_in_Turkey).

Laut dem Kommentar zu TR724 ermöglicht die Erosion hegemonialer Narrative in der gegenwärtigen Weltordnung, dass unterschiedliche intellektuelle Traditionen wieder sichtbar werden. In diesem Kontext rückt islamisches Denken als Alternative in den Fokus der Diskussion, insbesondere wenn westlich geprägte Normen kritisiert werden.

Die entscheidende Frage lautet jedoch: In welchem Umfeld und innerhalb welcher Rahmenbedingungen diskutieren wir die Suche nach globalen Normen? Solange vergleichende Analysen intellektueller Traditionen und Themen wie Glaube und Säkularismus nicht auf akademischer Ebene behandelt werden, können solche Diskussionen in polarisierende Diskurse und in Manipulation der Öffentlichkeit abgleiten.

Akademische Freiheit und ein unabhängiges Forschungsumfeld stellen daher nicht bloß eine normative Entscheidung wie „Welche Denkweise ist die beste?“ dar, sondern einen Boden, auf dem Ideen fair, evidenzbasiert und kritisch diskutiert werden können. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind heute aufgrund politischen Drucks, Menschenrechtsverletzungen oder wirtschaftlicher Not gezwungen, ihre Heimatländer zu verlassen. Diese Intellektuellen im Exil bemühen sich, ihre Arbeit in ihren jeweiligen Disziplinen fortzusetzen und zugleich neue Perspektiven in die globale akademische Gemeinschaft einzubringen.

Die Erfahrungen von im Exil lebenden Akademikern sind nicht bloß Geschichten individueller Viktimisierung. Sie bilden vielmehr entscheidende Anknüpfungspunkte für ein Überdenken globaler akademischer Netzwerke, normativer Werte und der Meinungsfreiheit.

Diese Intellektuellen, die in unterschiedlichen kulturellen und rechtlichen Kontexten agieren, können zur globalen Wissensproduktion beitragen und damit die Ausweitung der akademischen Freiheit über die nationale Ebene hinaus fördern. Es ist nicht verwunderlich, dass Menschen und Gesellschaften angesichts der Fragilität der globalen Ordnung nach Sinn suchen.

Damit diese Suche jedoch fair, pluralistisch und frei geführt werden kann, darf sie nicht, wie es den Anschein haben mag, auf einen bloßen Wertekonflikt reduziert werden; freie akademische Produktion, Meinungsfreiheit und ein öffentlicher Debattenraum sind unerlässlich. In Ländern wie der Türkei, wo die akademische Freiheit eingeschränkt ist und Intellektuelle unter Druck gesetzt oder ins Exil gezwungen werden, erfordert die Diskussion über die globale Sinnsuche die Verteidigung jener Räume, die sie ermöglichen.

Aktueller Stand der künstlichen Intelligenz: Mehr als 130 Krankheiten lassen sich anhand einer einzigen Schlafnacht vorhersagen

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Eine im Januar 2026 in Nature Medicine veröffentlichte Studie zeigte, dass Schlaf mehr ist als nur Ruhe. Er ist ein aussagekräftiges biologisches Signal, das zukünftige Krankheitsrisiken vorhersagen kann. Forscher demonstrierten, dass sie mithilfe eines multimodalen KI-Modells namens SleepFM das Risiko für über 130 Krankheiten anhand von Schlafaufzeichnungen einer einzigen Nacht mit hoher Genauigkeit vorhersagen können (https://www.nature.com/articles/s41591-025-04133-4).

Die Studie basiert auf einem umfangreichen Datensatz mit über 585.000 Stunden an Polysomnographie-Aufzeichnungen (PSG) von rund 65.000 Personen. PSG ist eine Goldstandard-Methode der Schlafuntersuchung, die gleichzeitig zahlreiche physiologische Signale wie Hirnströme (EEG), Herzfrequenz (EKG), Atmung und Muskelaktivität aufzeichnet. SleepFM ist als Basismodell konzipiert, das die „Sprache“ des Schlafs durch die gemeinsame Analyse verschiedener Signale erlernt.

Einer der bemerkenswertesten Aspekte der Studie ist die hohe Vorhersagekraft des Modells bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Es kann Ereignisse wie Herzinsuffizienz, Schlaganfall, Myokardinfarkt und Tod aufgrund von Herz-Kreislauf-Ursachen mit signifikanter Genauigkeit vorhersagen.

Insbesondere wurde in einer externen Validierung anhand eines unabhängigen Datensatzes ein AUROC-Wert von 0,88 für den Tod durch Herz-Kreislauf-Ursachen ermittelt. Dieser Wert deutet auf eine sehr hohe Diskriminierungsfähigkeit in klinischen Vorhersagemodellen hin. Ähnlich hohe Genauigkeitswerte wurden für Schlaganfall und Herzinsuffizienz erzielt. Die kombinierte Auswertung von EKG-Signalen und respiratorischen Parametern trägt maßgeblich zum Erfolg des Modells bei.

Diese Ergebnisse legen nahe, dass physiologische Signale, die während des Schlafs aufgezeichnet werden, Herz-Kreislauf-Risiken frühzeitig erkennen können, noch bevor diese klinisch manifest werden.

Schlafuntersuchungen werden in der klinischen Praxis heutzutage hauptsächlich zur Diagnose von Problemen wie Schlafapnoe, Schlaflosigkeit oder exzessiver Tagesschläfrigkeit eingesetzt. Diese Studie zeigt jedoch, dass Schlafdaten ein viel größeres Potenzial besitzen:

Die Ergebnisse bedeuten für die tägliche Praxis Folgendes:

  • Die Schlafaufzeichnung einer Nacht kann Vorhersagen über das zukünftige Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ermöglichen. Dies erlaubt ein frühzeitiges Eingreifen, insbesondere bei asymptomatischen Personen.
  • Hochrisikopatienten können individuell intensivere Lebensstilinterventionen, engmaschige Überwachung oder weiterführende Untersuchungen erhalten.
  • In der Allgemeinmedizin und Kardiologie können in elektronische Patientenakten integrierte Modelle der künstlichen Intelligenz Ärzten objektive Risikobewertungen liefern.
  • Es kann rationaler entschieden werden, wer weiterführende Untersuchungen benötigt oder welcher Patient häufiger überwacht werden sollte.

Andererseits besteht die Studienpopulation dieser Studie hauptsächlich aus Patienten, die sich in Schlafkliniken vorgestellt haben; daher ist die direkte Übertragbarkeit auf die Allgemeinbevölkerung möglicherweise eingeschränkt. Darüber hinaus ist die Unvollständigkeit der Erklärbarkeit des Entscheidungsmechanismus des KI-Modells weiterhin Gegenstand von Diskussionen hinsichtlich der klinischen Akzeptanz. Daher sollten die Ergebnisse als Hilfsmittel zur Unterstützung der ärztlichen Beurteilung und nicht als Ersatz dafür betrachtet werden.

Die Studie basiert auf dem retrospektiven Abgleich von Schlaflabordaten mit elektronischen Patientenakten. Es ist jedoch unklar, ob alle Patienten, die eine Polysomnographie (PSG) erhielten, langfristig im selben Gesundheitssystem nachbeobachtet wurden. Das Fehlen einer zentralen nationalen Infrastruktur für elektronische Patientenakten in den USA führt dazu, dass einige Diagnosen möglicherweise in verschiedenen Einrichtungen erfasst und daher nicht im Datensatz abgebildet werden. Dies könnte zu einem Verlust von Nachbeobachtungsdaten führen, insbesondere für die langfristige Krankheitsprognose, und die Modellleistung beeinträchtigen.

Trotz der Einschränkungen dieser Studie betonen die Forscher, dass Modelle wie SleepFM zukünftig mit Schlafdaten von Wearables integriert werden könnten. Mit der zunehmenden Verbreitung von Smartwatches und Schlafsensoren für zu Hause könnte eine nicht-invasive und kontinuierliche Gesundheitsüberwachung in naher Zukunft möglich werden.

Die (nicht mehr) stille Krise der Industrieländer: Alterung und demografischer Wandel

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Die Industrieländer stehen derzeit vor zwei großen und miteinander verknüpften demografischen Veränderungen. Einerseits altert die Bevölkerung rapide, die Geburtenraten sinken und die Lebenserwartung steigt; andererseits nehmen diese Länder zunehmend Zuwanderer auf, und ihre Sozialstrukturen werden vielfältiger. Obwohl diese beiden Prozesse oft getrennt betrachtet werden, sind sie in Wirklichkeit Teil eines einzigen großen Wandels, der die Funktionsweise von Staaten, Sozialsystemen und dem Gesellschaftsvertrag gleichermaßen infrage stellt.

Die Problematik der Alterung spiegelt sich am deutlichsten in den Zahlen wider. Während der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter sinkt, steigt der Anteil der Rentner und der älteren Bevölkerung. Dies wirkt sich unmittelbar auf viele Bereiche aus, von Rentenfonds bis hin zu Gesundheitssystemen. Systeme, die Renten und Gesundheitskosten durch Steuern und Beiträge der Arbeitnehmer finanzieren, werden zunehmend anfälliger, da das demografische Gleichgewicht gestört ist. In den meisten europäischen Ländern und in der gesamten OECD wird prognostiziert, dass der Altenquotient in den kommenden Jahrzehnten stark ansteigen wird. Vereinfacht gesagt bedeutet dies, dass weniger Erwerbstätige eine größere Zahl älterer Menschen finanzieren müssen (https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/SEPDF/cache/80393.pdf).

Diese Situation übt erheblichen Druck auf die Rentensysteme aus. Maßnahmen wie die Anhebung des Renteneintrittsalters, die Erhöhung der Beitragssätze oder die relative Senkung der Rentenzahlungen sind zwar technisch möglich, führen jedoch jeweils zu politischen und sozialen Spannungen. Da der Anteil älterer Menschen an der Wählerschaft steigt, wird die Umsetzung solcher Reformen zudem immer schwieriger. Das Rentensystem dient nicht nur als Finanzinstrument, sondern auch als Ausdruck generationenübergreifender Solidarität und Vertrauen. Wird dieses Vertrauen untergraben, gerät der Gesellschaftsvertrag selbst ins Wanken.

Die Auswirkungen einer alternden Bevölkerung beschränken sich nicht auf die Renten. Der Bedarf an Gesundheits- und Pflegeleistungen nimmt mit dem Alter zu und stellt eine dauerhafte Belastung für die öffentlichen Haushalte dar. Gleichzeitig besteht die Gefahr eines Rückgangs der Erwerbsbevölkerung. Wenn weniger Menschen arbeiten, sinkt das Potenzial für Wirtschaftswachstum, und die Finanzierung öffentlicher Dienstleistungen wird noch schwieriger. Viele Länder bemühen sich daher, die Erwerbstätigkeit von Frauen zu erhöhen, ältere Menschen zu längerer Erwerbstätigkeit zu ermutigen und ein auf Produktivitätssteigerungen basierendes Wachstumsmodell zu entwickeln (https://www.oecd.org/en/publications/2025/11/pensions-at-a-glance-2025_76510fe4/full-report/demographic-old-age-to-working-age-ratio_25476b96.html).

Eines der markantesten Beispiele für diesen demografischen Wandel ist Japan. Die japanische Bevölkerungsstruktur ist durch niedrige Geburtenraten und hohe Lebenserwartung gekennzeichnet, und die Bevölkerung altert nicht nur, sondern schrumpft auch absolut. Prognosen für das Jahr 2050 zeigen, dass sich alles – von der Sozialstruktur über den Arbeitsmarkt bis hin zu ländlichen Gebieten und zur Stadtplanung – an diese Realität von Schrumpfung und Alterung anpassen wird. Das japanische Beispiel dient Europa auch als Zeitmaschine: Viele Probleme, mit denen viele Länder erst in Jahrzehnten konfrontiert sein werden, sind in Japan bereits im Alltag. Kurz gesagt, Japan ist das Land, das Europa verkündet: „Die Zukunft ist da“ (https://www.japantimes.co.jp/news/2025/12/29/japan/society/japan-2050-predections-depopulation/).

Einer der wichtigsten Mechanismen zur Abmilderung der demografischen Veränderungen ist die Migration. Migranten im erwerbsfähigen Alter können den Arbeitsmarkt stützen, die Steuerbasis verbreitern und den chronischen Arbeitskräftemangel in einigen Branchen beheben. Daher haben Europa, Nordamerika und andere entwickelte Regionen in den letzten Jahren eine starke Zuwanderung erlebt. In der Europäischen Union besteht heute etwa ein Zehntel der Bevölkerung aus Menschen, die in Nicht-EU-Ländern geboren wurden. In den OECD-Ländern übersteigt die Zahl der im Ausland geborenen Menschen Hunderte von Millionen (https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=EU_population_diversity_by_citizenship_and_country_of_birth).

Das Thema Migration wird jedoch häufig in einem engen und reduktionistischen Rahmen betrachtet. In der öffentlichen Debatte und in der Politik wird Migration oft aus der Perspektive von Gemeinschaften in Afrika, dem Nahen Osten und Asien betrachtet, die überwiegend muslimisch geprägt sind. Globale Migrationsströme sind jedoch weitaus komplexer. Asien, Lateinamerika und Afrika sind große Migrationsregionen mit unterschiedlichen Kontexten, und zu den wichtigsten Determinanten der Migration zählen zahlreiche Faktoren wie Krieg, politische Unterdrückung, wirtschaftliche Ungleichheit, Klimawandel, Bildung und Arbeitsmöglichkeiten. Religiöse Identität ist nur ein kleiner, oft überbetonter Teil dieses Prozesses (https://worldmigrationreport.iom.int/msite/wmr-2024-interactive/).

Es gibt keine eindeutige Antwort auf die Frage, ob Migration eine Lösung für alternde Gesellschaften darstellt. Mit den richtigen politischen Maßnahmen kann Migration die wirtschaftlichen Folgen der Alterung abmildern. Bleibt die Integration jedoch mangelhaft, kann die Migration neue soziale Ungleichheiten, Ausgrenzung und politische Spannungen hervorrufen. Ohne wirksame Maßnahmen in Bereichen wie Bildung, Sprachförderung, Wohnen, dem gleichberechtigten Zugang zum Arbeitsmarkt und der Bekämpfung von Diskriminierung bleibt das Potenzial der Migration weitgehend ungenutzt. Entscheidend ist daher nicht die Menge der Migration, sondern das Ausmaß der Teilhabe der Migranten am sozialen und wirtschaftlichen Leben.

Für Herkunftsländer sieht die Situation anders aus. Insbesondere die erzwungene oder halb erzwungene Migration von Akademikern, Studierenden und qualifizierten Fachkräften führt zu einem erheblichen Brain Drain. Während Universitäten, Gesundheitssysteme und öffentliche Einrichtungen geschwächt werden, können die Aufnahmeländer von diesem Humankapital profitieren. Dieser Prozess ist jedoch nicht per se gerecht oder effizient. Probleme mit der Anerkennung von Abschlüssen, prekäre Beschäftigungsverhältnisse und der Verlust des beruflichen Status sind nach wie vor häufige Erfahrungen für qualifizierte Migranten.

An diesem Punkt geht es bei der demografischen Transformation nicht mehr nur um Bevölkerungszahlen. Sie bedeutet auch eine globale Umverteilung von Wissensproduktion, akademischer Freiheit und institutionellen Kapazitäten. Diskussionen über Alterung und Migration überschneiden sich unmittelbar mit Fragen der Zwangsmigration, der akademischen Solidarität und der gleichberechtigten Teilhabe. Aufnahmegesellschaften müssen lernen, mit Vielfalt zu leben und diese durch eine faire Integrationspolitik zu fördern. Herkunftsländer hingegen stehen mit den langfristigen Folgen des Verlusts ihrer Humanressourcen konfrontiert. Wie diese Transformation gestaltet wird, bestimmt nicht nur das heutige wirtschaftliche Gleichgewicht, sondern auch die Zukunft des sozialen Friedens und der akademischen Freiheit.

Richtig gesteuert, kann die demografische Transformation eine Chance für globale Solidarität schaffen; falsch gesteuert, bereitet sie den Boden für langfristige Krisen in Herkunfts- und Aufnahmegesellschaften. In diesem Kontext sind sowohl positive als auch negative Szenarien möglich:

Positives Szenario: Industrieländer betrachten die Migranten, die sie aufnehmen, angesichts der alternden Bevölkerung nicht nur als temporäre Arbeitskräfte, sondern auch als langfristige Mitglieder der Gesellschaft. Wirksame Integrationspolitiken, Bildung und akademische Entwicklungsmöglichkeiten fördern das Potenzial von Migranten, während gleichzeitig egalitäre und solidarische Beziehungen zu den Herkunftsländern aufgebaut werden. Diaspora-Netzwerke, akademische Kooperationen und Rückkehrprogramme tragen dazu bei, das in den Herkunftsländern verloren gegangene Humankapital wiederzuerlangen. Diese wechselseitige Interaktion bildet die Grundlage für ein nachhaltiges und stabiles System sowohl für die Herkunfts- als auch für die Zielländer.

Schlimmstenfalls: Wenn fehlerhafte Integrationspolitiken, wirtschaftliche Not und Identitätspolitik zusammentreffen, wird die Migrantenbevölkerung zum Sündenbock für gesellschaftliche Probleme gemacht. Soziale Ausgrenzung verschärft sich, demokratische Normen schwächen sich und die politische Polarisierung nimmt zu. Gleichzeitig beschleunigt die Abwanderung hochqualifizierter Fachkräfte in die Herkunftsländer den institutionellen Verfall und erhöht die gesellschaftliche Verwundbarkeit. Diese wechselseitige Instabilität erhöht das Risiko interner Konflikte in den Herkunfts- und Zielländern und steigert gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit regionaler und sogar internationaler Spannungen erheblich.