Es reicht nicht, jungen Menschen einfach zu sagen: „Legt eure Handys weg.“ Wir müssen ihnen eine Zukunft aufzeigen, in der es sich lohnt, das Handy wegzulegen.
In der modernen Wirtschaft konkurrieren nicht mehr nur Arbeit, Kapital und Wissen; auch die menschliche Aufmerksamkeit ist zu einer handelbaren Ressource geworden. Soziale Medien, Kurzvideo-Apps, Online-Spiele, Kryptowährungsmärkte, Glücksspielkultur und das Versprechen von schnellem Reichtum – sie alle buhlen um dieselbe knappe Ressource: die Zeit und Aufmerksamkeit junger Menschen. Daher ist das Konzept der „Aufmerksamkeitsökonomie“ nicht nur ein technologisches Problem. Es berührt auch Bildung, Beschäftigung, psychische Gesundheit, soziale Ungleichheit und Humankapital.
Dieses Thema ist besonders relevant in Gesellschaften mit niedrigen Bildungs- und Beschäftigungsquoten unter jungen Menschen. Es gibt ein Konzept zur Beschreibung junger Menschen, die weder in Ausbildung noch in Beschäftigung sind oder eine berufliche Weiterbildung absolvieren: NEET (Youth not in employment, education or training) (https://www.oecd.org/en/data/indicators/youth-not-in-employment-education-or-training-neet.html). Laut Eurostat-Daten fielen im Jahr 2024 etwa 11 % der 15- bis 29-Jährigen in der Europäischen Union in die NEET-Kategorie (weder in Ausbildung noch in Beschäftigung) (https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Statistics_on_young_people_neither_in_employment_nor_in_education_or_training). In der Türkei ist die Situation deutlich prekärer. Nachrichtenberichte, die auf Jugenddaten des Türkischen Statistischen Instituts (TÜİK) basieren, zeigen, dass 23,3 % der jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren weder in Ausbildung sind noch einer Beschäftigung nachgehen (https://www.hurriyetdailynews.com/amp/nearly-one-in-four-young-people-in-turkiye-neither-studying-nor-employed-data-shows-222131). Diese Zahlen sind mehr als nur Wirtschaftsstatistiken; sie spiegeln das Potenzial der Gesellschaft für zukünftige Produktion, Lernen und Erneuerung wider.
Für junge Menschen erfordert die Entwicklung langfristiger Fähigkeiten Zeit, Disziplin, Übung und Geduld. Eine Sprache zu lernen, einen Beruf zu ergreifen, akademisches Wissen zu vertiefen, Software zu entwickeln, einen Handwerksberuf zu erlernen, wissenschaftliches Denken zu entwickeln oder sich auf ein gesellschaftlich nützliches Gebiet zu spezialisieren, geschieht nicht über Nacht. Die Aufmerksamkeitsökonomie bietet den Menschen jedoch ständig schnellere, einfachere und verlockendere Belohnungen. Kurze Videos, sofortige Likes, schnell konsumierte Inhalte und spekulative Gewinngeschichten ersetzen langfristige Anstrengungen durch kurzfristige Dopaminzyklen.
Das Gefährlichste an diesem Kreislauf ist nicht die verschwendete Zeit. Viel wichtiger ist, dass er die Erwartungshaltung junger Menschen verändert. Während die Vorstellung von Erfolg durch Anstrengung, Bildung, Berufserfahrung und gesellschaftliches Engagement an Bedeutung verliert, gewinnt der Traum vom „sofortigen Ruhm“, vom „viralen Erfolg“, vom „Reichwerden mit Kryptowährungen“, vom „großen Geldverdienen an der Börse“, vom „Phänomen“ oder vom „schnellen Aufstieg“ an Bedeutung. Natürlich gibt es Menschen, die in diesen Bereichen erfolgreich sind. Doch das sind oft Ausnahmefälle.
Die Aufmerksamkeitsökonomie macht diese Ausnahmen sichtbar, während die Verluste und die verschwendete Zeit der Mehrheit unsichtbar bleiben. Hier gilt das Prinzip „Der Gewinner bekommt alles“. Einige wenige erlangen große Bekanntheit, hohes Einkommen oder beträchtliche Gewinne, während ein viel größeres Publikum Stunden, Aufmerksamkeit und Lernenergie in Anspruch nimmt. Dies ist besonders verheerend für gefährdete junge Menschen. Wer seine Ausbildung abgebrochen hat, keinen Einstieg in den Arbeitsmarkt findet, keine berufliche Richtung gefunden hat oder dessen Zukunftsaussichten sich verschlechtert haben, neigt eher zu spekulativen Unternehmungen als zu geduldigem Kompetenzaufbau. Denn langfristige Wege erscheinen ihnen oft verschlossen, anstrengend oder sinnlos, während kurzfristige Versprechen greifbarer wirken.
Das Problem allein mit moralischer Panik anzugehen, ist nicht zielführend. Verallgemeinerungen wie „Junge Leute sind faul“, „Alles nur wegen der Smartphones“ oder „Das war nicht immer so“ verdecken die strukturelle Dimension des Problems. Denn es handelt sich nicht nur um Willensschwäche. Auf der einen Seite stehen hohe Jugendarbeitslosigkeit, eine Diskrepanz zwischen Ausbildung und Beruf, Unsicherheit und Stagnation der sozialen Mobilität; auf der anderen Seite existieren algorithmische Systeme der mächtigsten Unternehmen der Welt, die darauf abzielen, die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen und zu halten. Junge Menschen geraten oft zwischen diesen beiden Zwängen.
Auch die OECD-Studien zum Leben von Kindern im digitalen Zeitalter unterstreichen diese Komplexität. Die Nutzung sozialer Medien wirkt sich nicht auf alle Kinder und Jugendlichen gleich aus. Art und Umfang der Inhalte, die Art der Nutzung, bestehende Risiken im realen Leben sowie das soziale Umfeld können entscheidende Faktoren sein. Es wird jedoch betont, dass die Nutzung sozialer Medien, insbesondere bei gefährdeten Jugendlichen, mit suchtähnlichem Verhalten und Stress einhergehen kann. Daher geht es nicht nur um die reine Bildschirmzeit, sondern auch darum, welche psychologischen und sozialen Lücken der Bildschirm füllt (https://www.oecd.org/en/publications/how-s-life-for-children-in-the-digital-age_0854b900-en/full-report/introduction-and-main-findings_67c79516.html).
Es ist kein Zufall, dass viele Länder heute versuchen, die Nutzung sozialer Medien durch Kinder und Jugendliche einzuschränken oder die Suchtpotenziale dieser Plattformen zu regulieren. In der Europäischen Union werden neue Regelungen gegen manipulative und süchtig machende digitale Inhalte diskutiert, und in einigen Ländern, insbesondere in Australien, werden Altersbeschränkungen für den Zugang von Kindern zu sozialen Medien erwogen. Diese Entwicklungen zeigen, dass die Aufmerksamkeitsökonomie kein einfaches Problem mehr ist, das sich allein durch Erziehung lösen lässt (https://www.reuters.com/world/eu-targets-social-media-protect-children-von-der-leyen-says-2026-05-12/).
Verbote und Einschränkungen reichen jedoch nicht aus. Es geht darum, jungen Menschen wieder eine sinnvolle Zukunftsperspektive zu eröffnen. Wenn ein junger Mensch nicht daran glaubt, sich durch Bildung, einen Beruf, Wissenschaft, Kunst, Handwerk oder soziales Engagement eine Zukunft aufbauen zu können, lässt er sich nicht einfach von Bildschirmen ablenken. Bleibt diese Ablenkung jedoch ohne sinnvolles Ziel, wiederholt sich der Kreislauf. Die wirksamste Antwort auf die Aufmerksamkeitsökonomie ist daher nicht nur eine digitale Auszeit, sondern eine auf Kompetenzen basierende Wirtschaft, ethische Arbeitsbedingungen und sozial gerechte Politik.
Der Zugang junger Menschen zu hochwertiger Bildung, Berufsberatung, Praktika und Arbeitsplätzen, akademischer Freiheit, Räumen für kulturelle Produktion sowie einem sicheren sozialen Umfeld muss gefördert werden. Jugendliche, die weder in Ausbildung noch in Beschäftigung sind, sollten nicht nur als statistische Kategorie betrachtet werden, sondern als potenzielle Wissenschaftler, Lehrer, Ärzte, Techniker, Künstler, Unternehmer und Bürger, die der Gesellschaft drohen, verloren zu gehen.
Das Humankapital einer Gesellschaft verschwindet nicht über Nacht. Zuerst wird die Aufmerksamkeit abgelenkt, dann schwindet die Lernmotivation, dann wird die Kompetenzentwicklung unterbrochen, dann verringern sich die Zukunftsaussichten. Schließlich schmilzt wertvolles Humankapital wie Schnee in der Sonne. Um diesen Prozess zu stoppen, reicht es nicht, jungen Menschen einfach zu sagen: „Legt euer Handy weg.“ Ihnen muss eine Zukunft aufgezeigt werden, für die es sich lohnt, das Handy wegzulegen.