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Vagusnervstimulation könnte bei Alzheimer Vorteile bieten

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Die Alzheimer-Krankheit hat sich zu einem der bedeutendsten Gesundheitsprobleme in alternden Bevölkerungen entwickelt. Sie beginnt mit Gedächtnisverlust und führt allmählich zur Unfähigkeit, den Alltag selbstständig zu bewältigen. Diese Krankheit hat tiefgreifende Auswirkungen nicht nur auf die Betroffenen selbst, sondern auch auf deren Familien und das Gesundheitssystem. Weltweit leben derzeit etwa 55–60 Millionen Menschen mit Demenz, wobei die Alzheimer-Krankheit den Großteil dieser Fälle ausmacht. Angesichts der steigenden Lebenserwartung wird sich diese Zahl in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich verdoppeln. Daher gilt Alzheimer nicht nur als medizinisches Problem, sondern auch als globales Problem der öffentlichen Gesundheit mit sozialen und wirtschaftlichen Dimensionen (https://www.who.int/health-topics/dementia).

Viele Jahre lang zielten Medikamente zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit primär darauf ab, die Symptome zu lindern. Wirkstoffe wie Donepezil, Rivastigmin, Galantamin und Memantin können bei einigen Patienten vorübergehende kognitive Verbesserungen bewirken. In den letzten Jahren wurden neue Medikamente entwickelt, die auf die Ablagerung von Amyloidproteinen abzielen und vielversprechende Ergebnisse erzielen. Diese Behandlungen sind derzeit jedoch nur begrenzt wirksam, und es gibt keinen Ansatz, der die Krankheit vollständig aufhalten kann (https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12637128/). Daher konzentriert sich die Wissenschaft auf neue biologische Mechanismen, die das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit verhindern oder verlangsamen könnten. Ein Forschungsgebiet ist der Vagusnerv und seine Auswirkungen auf die Gehirngesundheit.

Der Vagusnerv ist einer der längsten Nerven, die vom Gehirn ausgehen und mit vielen Organen wie Herz, Lunge und Verdauungssystem verbunden sind. Als wichtiger Bestandteil des parasympathischen Nervensystems spielt der Vagusnerv eine entscheidende Rolle bei den Ruhe-, Regenerations- und Heilungsprozessen des Körpers. Viele Prozesse, wie Stressabbau, Herzfrequenzregulation, Kontrolle des Immunsystems und Entzündungshemmung, werden mit dem Vagusnerv in Verbindung gebracht. Jüngste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass dieser Nerv auch mit Gedächtnis, Lernen und kognitiven Funktionen zusammenhängen könnte.

Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Vagusnervstimulation ein vielversprechender Ansatz gegen Alzheimer und altersbedingten Gedächtnisverlust sein könnte. Studien zeigen, dass der Vagusnerv mit Hirnregionen verbunden ist, die insbesondere mit dem Gedächtnis in Zusammenhang stehen, etwa mit dem Hippocampus und dem Lernnetzwerk. Daher könnte die Vagusnervstimulation die Gedächtnisbildung unterstützen und die kognitive Leistungsfähigkeit verbessern. Experimentelle Studien legen nahe, dass die Vagusnervstimulation das Lernen erleichtern und die Verbindungen zwischen Nervenzellen stärken kann (https://theconversation.com/vagus-nerve-stimulation-shows-promise-as-a-way-to-counter-alzheimers-disease-and-age-related-memory-loss-269465).

Einer der Mechanismen, die bei Alzheimer eine wichtige Rolle spielen, ist die Hirnentzündung. Der Vagusnerv wirkt entzündungshemmend und reguliert das Immunsystem. Daher wird angenommen, dass die Vagusnervstimulation Hirnzellen schützen kann, indem sie die bei Alzheimer auftrittende chronische Entzündung reduziert. Dies könnte ein wichtiger Schutzmechanismus nicht nur bei Alzheimer, sondern auch bei altersbedingtem kognitivem Abbau sein. Forschung zeigt, dass die Stimulation des Vagusnervs die Plastizität des Gehirns erhöhen kann. Das bedeutet, dass die Fähigkeit des Gehirns, neue Verbindungen zu bilden, gestärkt wird. Dies kann erhebliche Vorteile beim Lernen, im Gedächtnis und in der kognitiven Flexibilität mit sich bringen (https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11486617/).

Ein bemerkenswerter Aspekt des Vagusnervs ist, dass er nicht nur durch medizinische Geräte, sondern auch durch natürliche, alltagstaugliche Methoden stimuliert werden kann. Die Erzeugung von Lauten ist eine davon. Singen, Summen oder rhythmische Geräusche können den Vagusnerv stimulieren. Die durch die Stimmbänder und die Rachenmuskulatur erzeugten Vibrationen aktivieren das parasympathische Nervensystem und wirken beruhigend. Dies kann sich nicht nur auf die Stimmung, sondern auch indirekt auf kognitive Funktionen auswirken (https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0031938425001738).

Auch Yoga und Meditation werden mit dem Vagusnerv in Verbindung gebracht. Langsame, tiefe Atmung, verlängertes Ausatmen und rhythmische Lauterzeugung können die Aktivität des Vagusnervs steigern. Physiologische Veränderungen, die insbesondere während Meditation und Atemübungen auftreten, wie eine Verlangsamung des Herzschlags und eine Reduktion von Stresshormonen, werden durch die Aktivierung des Vagusnervs erklärt (https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3099099/).

Das Lesen des Korans, Dhikr oder ähnliche rhythmische Gebetsformen sind in diesem Zusammenhang ebenfalls interessant. Die rhythmische Lauterzeugung, das längere Lesen und die regelmäßige Atmung während der Koranrezitation weisen physiologische Eigenschaften auf, die den Vagusnerv stimulieren können. Studien zeigen, dass das Hören und Lesen des Korans Stress und Angstzustände reduzieren, den Herzrhythmus regulieren und die Aktivität des Parasympathikus steigern können. Diese Erkenntnisse legen nahe, dass Gebet und rhythmische Lauterzeugung neurophysiologische Wirkungen haben können (https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10704108/).

Langsame und tiefe Atemübungen gelten ebenfalls als wichtige Methode zur Aktivierung des Vagusnervs. Insbesondere langsames Ein- und langes Ausatmen aktivieren das parasympathische Nervensystem und führen so zur Entspannung. Darüber hinaus deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass alltägliche Aktivitäten wie Gurgeln, Gesicht waschen mit kaltem Wasser, soziale Interaktion, langsames Sprechen und Gebet die Vagusaktivität ebenfalls steigern können (https://health.clevelandclinic.org/vagus-nerve-reset).

Obwohl es noch keine Heilung für Alzheimer gibt, eröffnet die Forschung zum Vagusnerv und seiner natürlichen Stimulation ein vielversprechendes Forschungsfeld. Die Erkenntnis, dass selbst scheinbar einfache Aktivitäten wie Singen, Beten, Meditieren oder Atemübungen positive Auswirkungen auf die Gehirngesundheit haben können, schlägt eine bemerkenswerte Brücke zwischen moderner Neurowissenschaft und uralten menschlichen Praktiken (https://www.vogue.com/article/vagus-nerve-stimulation).

Möglicherweise wird die Prävention von Alzheimer und die Erhaltung der kognitiven Gesundheit in Zukunft nicht nur von Medikamenten abhängen, sondern auch von täglichen Gewohnheiten, die Atmung, Klang, Rhythmus und innere Ruhe fördern.

Der Aufstieg Chinas im Bildungssektor

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Ein persönlicher Erfahrungsbericht eines amerikanischen Studenten im Business Insider ist eine kurze, aber eindrucksvolle Zusammenfassung eines umfassenderen geopolitischen Wandels. Der Autor stellt fest, dass die Hochschulbildung in China deutlich günstiger ist als in den USA, Studierende direkter auf das Berufsleben vorbereitet und die Sichtbarkeit auf den Campussen, insbesondere für afrikanische Studierende, erhöht hat. Diese Beobachtung allein ist kein Beweis, bietet aber einen guten Ausgangspunkt, um zu verstehen, wie China sich zu einem neuen Anziehungspunkt im Bildungsbereich entwickelt hat (https://www.businessinsider.com/american-studied-china-universities-cheaper-2026-3).

Chinas Aufstieg im Bildungssektor beschränkt sich nicht allein auf die Gewinnung ausländischer Studierender. Entscheidend sind die umfangreichen, staatlich geförderten Forschungskapazitäten, die Produktionsstärke in Ingenieurwesen und Naturwissenschaften sowie die Fähigkeit, diese im Einklang mit der Außenpolitik einzusetzen. Laut offiziellen chinesischen Daten wird die Bruttoeinschreibungsquote im Hochschulwesen des Landes im Jahr 2024 bei 60,8 Prozent liegen. Im selben Jahr wird die Gesamtzahl der Studierenden an regulären und beruflichen Hochschulen 38,9 Millionen betragen. Dies zeigt, dass China nicht mehr nur „ein Land mit einer großen Zahl von Studierenden“ ist; es hat sich zu einem System entwickelt, das die Ära der Massenhochschulbildung institutionalisiert hat (https://www.stats.gov.cn/english/PressRelease/202512/t20251231_1962224.html).

Auch hinsichtlich der Qualität ist das Bild beeindruckend. Im Times Higher Education Asien-Ranking 2025 belegte China die ersten beiden Plätze und ist mit fünf Universitäten unter den Top 10 vertreten (https://www.timeshighereducation.com/world-university-rankings/2025/regional-ranking). Auch im Nature Index 2025 führten chinesische Hochschulen die Liste an. Die Chinesische Akademie der Wissenschaften belegte den ersten Platz, gefolgt von Institutionen wie der USTC, der Zhejiang-Universität und der Peking-Universität (https://www.nature.com/nature-index/research-leaders/2025/institution/all/all/countries-China). Laut Georgetown CSET werden chinesische Universitäten bis 2025 voraussichtlich jährlich über 77.000 Doktoranden in den MINT-Fächern hervorbringen; im Vergleich dazu liegt die Zahl in den USA weiterhin bei rund 40.000. Dieser Unterschied zeigt, dass der Wettbewerb zwischen Universitäten nicht mehr allein durch Prestige-Rankings bestimmt wird, sondern auch durch die Ausbildung von Forschern und Fachkräften in der Spitzentechnologie (https://cset.georgetown.edu/publication/china-is-fast-outpacing-u-s-stem-phd-growth/).

Um Chinas Aufstieg richtig zu verstehen, muss jedoch ein Paradoxon berücksichtigt werden. Laut OECD-Daten ist der Anteil internationaler Studierender im chinesischen Hochschulwesen im Jahr 2023 weiterhin niedrig: nur 0,3 %. Das bedeutet, dass China noch kein klassisches Zentrum für internationale Studierende ist, wie die USA, Großbritannien oder Australien. Dieselben Daten zeigen aber auch: Chinas Stärke liegt derzeit weniger im hohen Anteil ausländischer Studierender als vielmehr in der Größe seines inländischen Bildungssystems, seinen Kostenvorteilen, seiner Forschungseffizienz und seiner Fähigkeit, gezielten Einfluss in bestimmten Regionen auszuüben. Anders ausgedrückt: Anstatt eine Campus-Ökonomie aufzubauen, die alle einlädt, entwickelt China eine Bildungsdiplomatie, die in strategischen Bereichen wirksam ist (https://gpseducation.oecd.org/CountryProfile?primaryCountry=CHN&topic=EO&treshold=5).

Einer der wichtigsten Bereiche dieser Strategie ist Afrika. Laut der UNESCO studierten 2019 rund 70.000 afrikanische Studierende in China. Der Aktionsplan Peking des FOCAC für 2024 formuliert das Ziel, die wissenschaftliche und bildungspolitische Zusammenarbeit zwischen China und Afrika zu vertiefen, regionale Berufsbildungszentren einzurichten und Bildungsplattformen zu stärken. Laut Angaben des chinesischen Bildungsministeriums erhielten Ende 2025 etwa 9 % der internationalen Studierenden in China ein Stipendium der chinesischen Regierung, und rund 60 % dieser Stipendiaten waren Postgraduierte. Dies deutet darauf hin, dass Peking nicht nur auf die Zahl der Studierenden setzt, sondern auch versucht, die Eliten von morgen, insbesondere auf Master- und Doktorandenebene, für sich zu gewinnen (https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000389878).

Aus US-amerikanischer Sicht ist die Lage komplexer. Die USA bleiben das weltweit beliebteste Zielland für internationale Studierende (https://www.iie.org/news/open-doors-2025-press-release/). Laut den Daten von Open Doors 2025 studierten im Studienjahr 2024/25 1.177.766 internationale Studierende in den USA. Gleichzeitig wuchs jedoch die Unsicherheit. Internen Korrespondenzen zufolge, die Reuters vorliegen, setzte die Trump-Regierung im Mai 2025 die Vergabe neuer Termine für Studenten- und Austauschvisa vorübergehend aus (https://www.reuters.com/world/us/trump-administration-halts-scheduling-new-student-visa-appointments-2025-05-27/). Im August 2025 veröffentlichte das Heimatschutzministerium (DHS) daraufhin einen Regelungsentwurf, der die bisherige Regelung zur Aufenthaltsdauer bei Studentenvisa abschaffen und auf ein befristetes Aufenthaltsmodell umstellen würde. NAFSA meldete für den Herbst 2025 einen Rückgang der Einschreibungen internationaler Studierender um 17 %, was zu einem wirtschaftlichen Verlust von 1,1 Milliarden US-Dollar und rund 23.000 Arbeitsplätzen führen wird (https://www.reuters.com/world/us/trump-administration-halts-scheduling-new-student-visa-appointments-2025-05-27/). Kurz gesagt: Das US-System ist nach wie vor sehr stark, aber es erscheint nicht mehr so berechenbar wie früher.

Chinas Aufstieg wird daher eher durch das Vakuum, das durch die Unsicherheit in den USA entstanden ist, beschleunigt, als durch einen möglichen Niedergang der USA. Für Studierende hängt die Wahl der Hochschule nicht allein von der Qualität des Abschlusses ab; Visasicherheit, die Wahrscheinlichkeit eines Verbleibs nach dem Studium, die Lebenshaltungskosten, die Wohnsituation, das politische Klima und das Gefühl der Zugehörigkeit sind genauso wichtig wie der akademische Ruf. Der Artikel im Business Insider hebt Chinas günstige Studentenwohnheime, niedrige Lebensmittelpreise und die direktere Berufsvorbereitung hervor. Dieses Modell mag nicht für jeden attraktiv sein; doch es kann äußerst attraktiv sein, insbesondere für Studierende, die sich nicht verschulden möchten, eine Ausbildung in technischen Bereichen anstreben und in der Nähe asiatisch-afrikanischer Wirtschaftsnetzwerke bleiben wollen.

Europa hingegen kann in diesem Wettlauf sowohl Konkurrent als auch Zwischengewinner sein. Die Europäische Union hat sich ausdrücklich zum Ziel gesetzt, bis 2025 das weltweit attraktivste Ziel für Forschende und Innovatoren zu werden (https://research-and-innovation.ec.europa.eu/news/all-research-and-innovation-news/choose-europe-science-eu-comes-together-attract-top-research-talent-2025-05-23_en). Die EU-Hochschulstrategie zielt zudem darauf ab, dass Europa wettbewerbsfähigere und international ausgerichtete Universitäten etabliert. Andererseits ist Europa bereits jetzt ein bedeutender Anziehungspunkt: Laut EU-Daten entfallen 58,7 % der gesamten Hochschulmobilität außerhalb der EU auf Frankreich, Deutschland und Spanien. In Deutschland studierten im Wintersemester 2024/25 rund 402.000 internationale Studierende und Doktoranden (https://www.daad.de/en/press-releases/erneut-hohe-zahl-an-internationalen-studierenden-in-deutschland/). Die Verschärfung der US-amerikanischen Politik und der Aufstieg Chinas schwächen Europa daher nicht automatisch; im Gegenteil, sie eröffnen ihm neue Möglichkeiten. Um diese Möglichkeiten effektiv zu nutzen, muss Europa jedoch in Bezug auf Visa, Wohnraum, akademische Karrieresicherheit und Forschungsförderung entschlossener agieren.

Die Welt kann in naher Zukunft damit rechnen, dass Bildung zu einem noch stärker geopolitischen Feld wird. Universitäten sind nicht nur Institutionen der Wissensproduktion, sondern auch Zentren für Einfluss, Technologie, Normen und Humankapital. China hat dies frühzeitig erkannt und begonnen, sein Wirtschaftsnetzwerk durch Bildung zu stärken. Insbesondere in Afrika entsteht durch Stipendien, technische Ausbildungen, Postgraduiertenprogramme und Karrierenetzwerke mit Verbindungen nach China ein neuer Einflussbereich. Wenn die USA ihre Grenzen verschärfen und Europa zögerlich agiert, könnte die internationale Bildungslandschaft der 2030er-Jahre deutlich anders aussehen als heute. Die Frage wird dann nicht mehr einfach lauten: „Wo befinden sich die besten Universitäten?“, sondern: „In welchen Ländern werden die zukünftigen globalen Eliten ausgebildet und von welcher Weltanschauung geprägt?“ Chinas Aufstieg im Bildungsbereich ist daher ein stilles Zeichen einer neuen Weltordnung.

Zombie-Artikel: Zurückgezogene Forschung lebt weiter

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Die Wissenschaft muss nicht nur neues Wissen generieren, sondern auch dessen Zuverlässigkeit gewährleisten. Alle Akteure der akademischen Welt tragen die Verantwortung, Zombie-Artikel zu beseitigen und die Entstehung neuer zu verhindern.

Wissenschaftliches Publizieren galt lange als selbstkorrigierendes System. Üblicherweise wurden fehlerhafte Ergebnisse im Laufe der Zeit kritisiert, durch neue Studien korrigiert, und das wissenschaftliche Wissen wurde so nach und nach robuster. Jüngste Erkenntnisse zeigen jedoch, dass dieses Ideal ernsthaft infrage gestellt wird. Insbesondere der rasante Anstieg der zurückgezogenen wissenschaftlichen Artikel hat ein Vertrauens- und Qualitätsproblem in der Wissenschaft geschaffen.

Laut Retraction Watch (https://retractionwatch.com), einer unabhängigen Plattform, die wissenschaftliche Publikationen systematisch überwacht, hat die Zahl der zurückgezogenen Artikel in den letzten Jahren dramatisch zugenommen. Untersuchungen zeigen, dass im Jahr 2023 mehr als zehntausend wissenschaftliche Artikel zurückgezogen wurden (https://www.nature.com/articles/d41586-023-03974-8). Diese Zahl stellt einen Rekord in der Geschichte des wissenschaftlichen Publizierens dar. Darüber hinaus lässt sich der Anstieg der zurückgezogenen Artikel nicht allein durch die gestiegene Publikationszahl erklären; auch die Rücknahmerate selbst steigt (https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10485848/).

Diese Entwicklungen verdeutlichen ein Phänomen, das mittlerweile einige Forscher als „Retraction Crisis“ bezeichnen. Die Rücknahme eines wissenschaftlichen Artikels bedeutet, dass dieser nicht mehr als verlässlich gilt und nicht mehr als Referenz in der wissenschaftlichen Literatur verwendet werden sollte. Diese Entscheidung wird üblicherweise in folgenden Fällen getroffen:

  • Datenfälschung oder -manipulation
  • Plagiat
  • Verstöße gegen ethische Grundsätze
  • Betrügerisches Peer-Review-Verfahren
  • Schwere methodische Fehler

Leider beschränken sich zurückgezogene Artikel nicht auf Studien, die in kleineren oder weniger einflussreichen Zeitschriften veröffentlicht wurden. Auch die renommiertesten wissenschaftlichen Zeitschriften der Welt sind gelegentlich von solchen Fällen betroffen. Beispielsweise wurde ein kürzlich in The Lancet veröffentlichter Fallbericht, der lange Zeit Gegenstand hitziger Debatten war, erneut geprüft. Laut Retraction Watch bestehen ernsthafte Zweifel an der Zuverlässigkeit einer Studie über einen Säugling, der durch Muttermilch eine Opioidvergiftung erlitt (https://retractionwatch.com/2026/02/04/lancet-flags-long-scrutinized-report-of-infant-poisoned-by-opioids-in-breast-milk/).

Einer der bekanntesten Fälle in der Wissenschaftsgeschichte ist die Arbeit von Andrew Wakefield aus dem Jahr 1998, in der er behauptete, die Masern-Mumps-Röteln-Impfung stehe in Zusammenhang mit Autismus. Die Studie wurde später aufgrund ethischer Verstöße und Datenmanipulation zurückgezogen, diente jedoch jahrelang als zentrales Argument der Impfgegnerbewegung.

Zurückziehungen von Publikationen beschränken sich nicht auf Nachwuchsforscher oder kleine Labore. Daten von Retraction Watch zeigen, dass auch Studien einiger Nobelpreisträger zurückgezogen wurden. Dies deutet darauf hin, dass Probleme im Wissenschaftssystem nicht allein durch individuelle ethische Verstöße erklärt werden können. Strukturelle Faktoren wie akademischer Wettbewerb, Publikationsdruck und Forschungsförderung beeinflussen wissenschaftliche Produktionsprozesse maßgeblich.

Eines der interessantesten Probleme besteht darin, dass die Auswirkungen zurückgezogener Artikel nicht einfach verschwinden. Selbst nach der Zurückziehung kann ein Artikel weiterhin in der wissenschaftlichen Literatur zitiert werden (https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371%2Fjournal.pone.0277814). Manche zurückgezogenen Studien wurden sogar nach der Rückziehungsentscheidung Hunderte oder Tausende Male zitiert. Anders ausgedrückt: Sie existieren als „Zombie-Artikel“ weiter.

Schätzungsweise werden weltweit heute rund 50 Millionen wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Zehntausende dieser Studien wurden zurückgezogen (https://www.nature.com/articles/d41586-025-00455-y). Der Prozentsatz mag auf den ersten Blick gering erscheinen. Angesichts der kumulativen Natur wissenschaftlicher Erkenntnisse kann diese Zahl jedoch erhebliche Auswirkungen haben. Die Zurückziehung eines Artikels bedeutet nicht nur, dass die betreffende Studie fehlerhaft war. Auch auf diesen Artikel basierende Forschung, Metaanalysen und klinische Anwendungen können indirekt betroffen sein.

Wenn man die Ursache des Problems betrachtet, denkt man zunächst an den Publikationsdruck (veröffentlichen oder untergehen). Die Tatsache, dass akademische Karrieren maßgeblich von der Anzahl der Veröffentlichungen abhängen, verleitet manche Forschende dazu, schnell viele Artikel zu verfassen. Das Aufkommen sogenannter „Papierfabriken“ in den letzten Jahren hat dieses Problem noch verschärft. Diese Unternehmen können gegen Gebühr gefälschte oder qualitativ minderwertige Artikel erstellen und diese bei wissenschaftlichen Zeitschriften einreichen. In einigen Fällen sind auch gefälschte Peer-Review-Verfahren oder organisierte Zitationsnetzwerke beteiligt (https://www.theguardian.com/science/2024/feb/03/the-situation-has-become-appalling-fake-scientific-papers-push-research-credibility-to-crisis-point). Andererseits trägt auch die Fokussierung mancher kommerzieller Verlage auf die Steigerung des Publikationsvolumens statt auf die Qualität zu diesem Problem bei.

Zurückgezogene Artikel sind nicht nur ein akademisches Problem. Fehlerhafte wissenschaftliche Studien haben direkte Auswirkungen auf die Gesundheitspolitik, die klinische Praxis und das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft. Wissenschaftliches Vertrauen ist daher nicht nur für die akademische Welt, sondern auch für die gesamte Gesellschaft ein wichtiges Anliegen.

Für ein gesünderes akademisches Umfeld ist eine Überarbeitung der Forschungsevaluierungssysteme unerlässlich. Mehr Transparenz bei Forschungsdaten und Analyseprozessen, der Ausbau offener Datenpraktiken sowie eine effektivere Überwachung wissenschaftlicher Publikationen sind wichtige Schritte in diese Richtung. Zudem sollten zurückgezogene Artikel in Datenbanken deutlich gekennzeichnet und die Forschenden darüber informiert werden.

Die Wissenschaft steht heute nicht nur vor der Aufgabe, neues Wissen zu generieren, sondern auch vor der Verantwortung, dessen Zuverlässigkeit zu gewährleisten. Die Beseitigung von „Zombie-Artikeln“ und die Verhinderung der Entstehung neuer solcher Artikel stellen eine erhebliche Verantwortung für alle Akteure der akademischen Welt dar.

Die Akademie kann es sich nicht leisten, im Krieg gegen den Iran zu schweigen.

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Rechtfertigt die Tatsache, dass ein Staat repressiv ist, dass andere Staaten Krieg gegen ihn führen?

Als Wissenschaftler dürfen wir diese Situation nicht allein aus der Perspektive geopolitischer Konkurrenz betrachten. So wie wir Russlands Angriff auf die Ukraine verurteilt und uns gegen die Massenvernichtung und die schweren Menschenrechtsverletzungen in Gaza ausgesprochen haben, müssen wir den Angriff auf den Iran, der unter dem Vorwand einer „nuklearen Bedrohung“ erfolgte, mit denselben ethischen Maßstäben bewerten. Andernfalls bricht der Anspruch der Wissenschaft auf Universalität zusammen, und Prinzipien weichen der Loyalität gegenüber der eigenen Partei. Ein intellektueller Diskurs, der schweigt, wenn der Angreifer wechselt, folgt in Wirklichkeit der Macht statt dem Recht.

Einige der internationalen Reaktionen auf diesen Krieg lauten wie folgt: UN-Generalsekretär António Guterres erklärte, dass der Einsatz von Gewalt durch die USA und Israel gegen den Iran sowie die darauffolgenden Vergeltungsmaßnahmen den internationalen Frieden und die Sicherheit schwächen. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, betonte ebenfalls, dass Bomben und Raketen kein Mittel zur Konfliktlösung seien und dass Zivilisten einmal mehr den Preis dafür zahlten (https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/global-reaction-israeli-us-attacks-iran-2026-02-28/).

Die rechtliche Dimension des Krieges ist ebenso wichtig wie seine ethische. Laut einer Rechtsanalyse von Reuters sind die von der Trump-Regierung mit der Begründung einer „unmittelbaren Bedrohung“ geführten Angriffe nicht haltbar. Rechtsexperten erklären, dass diese Angriffe sowohl nach internationalem als auch nach US-amerikanischem Recht umstritten sind (https://www.reuters.com/world/middle-east/are-us-attacks-iran-legal-2026-03-04/). Eine weitere Einschätzung von Reuters stellt fest, dass die Angriffe die Grenzen der verfassungsmäßigen Befugnisse des US-Präsidenten ausreizen (https://www.reuters.com/sustainability/sustainable-switch-are-attacks-iran-legal-2026-03-06/).

Bemerkenswert ist, dass Kriege, wie so oft, zunächst die Sprache verfälschen: Ausdrücke wie „Präventivschlag“, „Regimewechsel“ und „Zerstörung zur Stabilisierung“ zielen darauf ab, Macht zu legitimieren, die über das Gesetz hinausgeht. Daher sollte es Aufgabe der Wissenschaft sein, die Sprache der Wahrheit weiterhin gegen eine Politik zu verteidigen, die Begriffe ihrer Bedeutung beraubt.

Spanien bildet in dieser Hinsicht eine bemerkenswerte Ausnahme in Europa. Ministerpräsident Pedro Sánchez erklärte „Nein zum Krieg“ und kündigte an, sein Land werde sich an dieser Katastrophe nicht mitschuldig machen. Sánchez rief zu einer sofortigen Deeskalation der Spannungen und zur uneingeschränkten Achtung des Völkerrechts auf. Laut El País erklärte Sánchez, Gewalt sei keine Lösung und der blindere Gehorsam als Führung zu betrachten sei pure Naivität. Während in Europa eine zurückhaltendere Rhetorik angeschlagen wird, zeigt Spaniens offene Haltung, dass eine prinzipiengeleitete Außenpolitik weiterhin möglich ist (https://english.elpais.com/international/2026-03-04/pedro-sanchez-on-the-us-and-israeli-attack-on-iran-no-to-war-we-will-not-support-this-disaster.html).

Spanien steht mit seiner Ablehnung des Krieges nicht allein da. Der norwegische Außenminister Espen Barth Eide erklärte, der Angriff verstoße gegen das Völkerrecht. Auch der irische Präsident rief zur Diplomatie auf und bezeichnete die Normalisierung willkürlicher Besetzungen souveräner Staaten als Weg in die Zerstörung (https://president.ie/en/media-library/news-releases/statement-by-president-connolly-following-strikes-on-iran). Der omanische Außenminister erklärte, die von seinem Land vermittelten Verhandlungen seien erneut sabotiert worden, und sandte damit eine Botschaft an Washington: „Dies ist nicht euer Krieg.“ Der chinesische Außenminister Wang Yi bezeichnete die Angriffe der USA und Israels als „inakzeptabel“ und forderte einen sofortigen Waffenstillstand. Auch Brasilien erklärte, die Angriffe untergrüben den Verhandlungsprozess, und der Dialog sei der einzige Weg zum Frieden (https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/global-reaction-israeli-us-attacks-iran-2026-02-28/).

Im Gegensatz dazu wirkt die gemeinsame Haltung der Europäischen Union deutlich vorsichtiger und uneinheitlicher. Zwar fordern die meisten EU-Länder „größtmögliche Zurückhaltung“ und die Achtung des Völkerrechts, verurteilen aber gleichzeitig die Angriffe des Iran aufs Schärfste (https://www.reuters.com/world/middle-east/eu-nations-call-maximum-restraint-respect-international-law-iran-conflict-2026-03-01/). Diese ausgewogene Krisenrhetorik offenbart, dass Staaten oft nicht von Prinzipien, sondern von Allianzen und Kostenkalkulationen sprechen. Daher gewinnt die Stimme von Universitäten, Forschern und Intellektuellen an Bedeutung. Wo Staaten schweigen oder zögern, muss die Wissenschaft angesichts des menschlichen Lebens eine moralische Sprache entwickeln, die nicht von Nationalität abhängt.

Die Auswirkungen des Krieges auf die Wissenschaft sind sowohl direkt als auch indirekt. Der Anstieg der Energiepreise wird den Druck auf Transport- und Logistikkosten, die Sicherheit wissenschaftlicher Konferenzen, die internationale Studierendenmobilität, Stipendienprogramme und die Finanzierung der Forschungsinfrastruktur erhöhen. Die Störungen in der Straße von Hormus und ihre wirtschaftlichen Folgen sind für Wissenschaftler nicht bloß Wirtschaftsdaten, sondern ein Zeichen dafür, wie Krieg das wissensproduzierende Ökosystem lähmt. Universitäten bleiben in Kriegszeiten keine neutralen Inseln; sie erliegen entweder dem Druck oder stellen sich auf die Seite der Wahrheit und des menschlichen Lebens.

Hier muss das Konzept der „wissenschaftlichen Verantwortung“ in Erinnerung gerufen werden. Die Pflicht der Wissenschaftler besteht nicht nur darin, Daten zu erheben, sondern auch darin, die öffentliche Meinung zu schützen. Zu schweigen angesichts einer Sprache, die bombardierte Städte auf Karten, Tote auf Statistiken und Vertreibung auf „Sicherheitsergebnisse“ reduziert, bedeutet, die wissenschaftliche Ethik dem politischen Komfort zu opfern. Gerade in Kriegszeiten laufen Universitäten Gefahr, zu Propagandainstrumenten zu werden. Doch die Geschichte hat uns das Vermächtnis von Intellektuellen hinterlassen, die den Preis für Ungerechtigkeit bezahlt haben.

Im Laufe der Geschichte haben sich zahlreiche Akademiker, Studierende und Intellektuelle gegen Unterdrückung gestellt und dabei ihr Leben geopfert. Sophie Scholl und die Studierenden der Weißen Rose an der Universität München wurden 1943 hingerichtet, weil sie Flugblätter gegen die Verbrechen der Nazis verteilt hatten. Janusz Korczak, ein Pädagoge und Kinderrechtsaktivist, weigerte sich, seine Waisen im Warschauer Ghetto zurückzulassen, wurde mit ihnen nach Treblinka deportiert und dort ermordet. In El Salvador wurde der Philosoph und Universitätsrektor Ignacio Ellacuría ermordet, weil er staatliche Gewalt und Menschenrechtsverletzungen kritisierte. Diese Beispiele zeigen, dass die wahre Ehre der Wissenschaft nicht in der Karriere liegt, sondern im Mut, angesichts von Machtmissbrauch die Wahrheit auszusprechen (https://www.britannica.com/topic/White-Rose).

Genau das brauchen wir heute im Hinblick auf den Iran. Legitime Kritik am iranischen Regime darf nicht als Rechtfertigung für Aggressionen von außen missbraucht werden. Ein repressiver Staat gibt anderen Staaten kein Recht, Krieg gegen ihn zu führen. Ebenso wenig bedeutet Opposition gegen ein Regime, zu schweigen, während dessen Städte bombardiert werden. Akademische Konsequenz erfordert sowohl die Ablehnung autoritärer Regime als auch die Verurteilung externer Aggression. Menschenrechte sind nicht bloß ein Diskurs, der gegen rivalisierende Blöcke eingesetzt wird.

Nach den Angriffen auf den Iran sehen sich Universitäten und akademische Netzwerke mit den Folgen einer neuen Ära des Krieges konfrontiert. Die akademische Solidarität muss, ungeachtet der Nationalität oder politischer Zugehörigkeit, an ihren Prinzipien festhalten: Das Leben von Zivilisten ist wichtiger als geopolitische Kalkulationen; Krieg ist die Sprache der Macht, nicht der Wahrheit; Universitäten dürfen sich dieser Sprache nicht beugen. Wir müssen heute gegenüber dem Iran dieselbe moralische Sprache sprechen, die wir auch beim Angriff Russlands auf die Ukraine, bei der Zerstörung des Gazastreifens und bei Souveränitätsverletzungen in anderen Regionen verwendet haben. Denn wenn das Gewissen der Wissenschaft selektiv wird, verliert es seine Funktion. Was wir heute brauchen, ist nicht, uns mit den Mächtigen zu verbünden, sondern auf der Seite des Rechts, des Friedens und des menschlichen Lebens zu stehen.

Was wir nicht essen, ist genauso wichtig wie das, was wir essen

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Heutzutage wird Ernährung oft auf das Kalorienzählen, die Makronährstoffverteilung und gängige Diättrends reduziert. Doch das Fasten, eine Jahrtausende alte Praxis, lässt uns eine grundlegendere Frage überdenken: Was nährt uns wirklich?

Fasten weist eine bemerkenswerte Kontinuität über verschiedene Regionen und religiöse Traditionen hinweg auf. Ramadan im Islam, die Fastenzeit im Christentum, Jom Kippur im Judentum… Ist das Aufkommen ähnlicher Praktiken in so vielen verschiedenen Kulturen Zufall oder verweist es auf eine tiefere Wahrheit über die menschliche Natur? Die Antwort auf diese Frage findet sich an der Schnittstelle zwischen Biologie und Sinnfindung.

Biologisch gesehen ist der menschliche Körper weitaus dynamischer als wir annehmen. Innerhalb weniger Wochen werden 70–90 % der Atome, aus denen unser Körper besteht, erneuert. In diesem Sinne ist der Mensch eher ein ständig fließender Fluss als eine statische Struktur. Was wir heute als „uns“ bezeichnen, war noch vor nicht allzu langer Zeit Teil von Pflanzen, Tieren oder der Luft. Was wir essen, verändert uns. Doch vielleicht ist eine ebenso wichtige Wahrheit, dass uns auch das prägt, was wir nicht essen. Der Philosoph Ludwig Feuerbach sagte im 19. Jahrhundert: „Der Mensch ist, was er isst.“ Vielleicht ist es heute an der Zeit, diese Aussage zu erweitern: Der Mensch wird nicht nur durch das geprägt, was er isst, sondern auch durch das, worauf er bewusst verzichtet.

Die Worte des Propheten Mohammed sind in diesem Zusammenhang bemerkenswert: „Der Sohn Adams hat noch nie ein Gefäß schlechter gefüllt als seinen Magen.“ Diese Aussage bezieht sich nicht nur auf Ernährung; sie birgt eine kraftvolle Botschaft über Mäßigung, Selbstbeherrschung und Konsumethik. In diesem Sinne bedeutet Fasten nicht nur Hungern. Fasten ist die Praxis, Distanz zwischen Wünschen und Handlungen zu schaffen. Das Aufschieben unmittelbarer Bedürfnisse ermöglicht dem Einzelnen, sich körperlich und geistig neu zu positionieren. Dieser Prozess kann nicht nur metabolische Flexibilität, sondern auch psychische und moralische Disziplin fördern.

Fasten führt zu gut organisierten Stoffwechselveränderungen im Körper. Nach etwa 12–16 Stunden Fasten schaltet der Organismus von der Glukoseverwertung auf die Fettverbrennung um. Die Glykogenspeicher in der Leber leeren sich, der Insulinspiegel sinkt und Fettsäuren werden mobilisiert. Dabei entstehen in der Leber Ketonkörper. So wird Fett verbrannt und dem Gehirn eine alternative Energiequelle bereitgestellt.

Neben dem Energiestoffwechsel wird dem Fasten auch eine Wirkung auf zellulärer Ebene zugeschrieben. Die am häufigsten diskutierte ist die Autophagie. Autophagie ist ein „innerer Reinigungsmechanismus“, bei dem die Zelle beschädigte Strukturen abbaut und recycelt. Dieser Mechanismus wurde insbesondere in Tierversuchen überzeugend nachgewiesen (https://livehelfi.com/blogs/all/discover-the-benefits-of-autophagy).

Klinische Studien deuten darauf hin, dass intermittierendes Fasten, insbesondere das Fasten nach Ramadan-Art, positive Auswirkungen auf einige Stoffwechselindikatoren haben kann. Eine systematische Übersichtsarbeit von Faris et al. zeigt, dass Fasten mit einer erhöhten Insulinsensitivität, verringerten Entzündungsmarkern und einer durchschnittlichen Senkung des systolischen Blutdrucks um 3–5 mmHg einhergehen kann (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31581955/). Eine Metaanalyse von Sadeghirad et al. berichtet ebenfalls von einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von 1–2 Kilogramm während des Ramadan (wobei dieser Effekt oft nur vorübergehend ist) (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23182306/).

Diese Ergebnisse haben jedoch eine wichtige Einschränkung: Fasten führt nicht automatisch zu gesundheitlichen Vorteilen. Die Ernährungsgewohnheiten außerhalb der Fastenzeiten spielen eine entscheidende Rolle. Faktoren wie übermäßige Kalorienzufuhr, hoher Zuckerkonsum und unregelmäßiger Schlaf können die potenziellen Vorteile des Fastens zunichtemachen oder sogar umkehren. Darüber hinaus ist Fasten nicht für jeden geeignet. Für Diabetiker, Menschen mit Essstörungen, Schwangere sowie Menschen mit bestimmten chronischen Erkrankungen kann Fasten ernsthafte Gesundheitsrisiken mit sich bringen. Daher sollte jede Bewertung des Fastens neben seinen Vorteilen auch dessen Grenzen und Risiken berücksichtigen.

Fasten allein anhand seiner physiologischen Auswirkungen zu beurteilen, würde jedoch die wahre Bedeutung dieser Praxis verkennen. Gläubige fasten letztlich nicht wegen der damit verbundenen Vorteile, sondern aus Glaubensgründen. Aus religiöser Sicht ist Fasten nicht nur ein Akt der Verehrung, sondern auch Teil einer Lebensweise. Der Mensch ist ein unglaublich komplexes Wesen. Selbst die einfachsten Maschinen haben Bedienungsanleitungen. Wie sinnvoll ist es also, den Menschen völlig ohne Anleitung zu lassen? Vor diesem Hintergrund können wir sagen, dass Propheten nicht nur spirituelle Führer, sondern auch Träger eines Systems für die praktischen Aspekte des Lebens waren.

Fasten kann besonders für Vertriebene, Menschen, die sich in fremden Ländern einleben müssen, oder Studierende unter akademischem Druck eine tiefere Bedeutung annehmen. Es kann inmitten von Gefühlen der Zerrissenheit ein Gefühl von Kontinuität, Ordnung und Kontrolle vermitteln. Richtig und bewusst praktiziert, ist es weder bloß ein religiöses Ritual noch eine rein biologische Maßnahme. Es überbrückt die Kluft zwischen diesen beiden Bereichen. Fasten lädt uns ein, den Menschen sowohl als biologischen Organismus als auch als Wesen auf der Suche nach Sinn zu betrachten.

Brain Waste: Der unsichtbare akademische Verlust von Migranten

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Die Geschichten der Dokumentarserie „Tutunanlar“ (Die Halt Findenden) (https://www.youtube.com/@tutunanlar_/) offenbaren ein wachsendes, aber unzureichend diskutiertes Problem in Europa, das über Erzählungen individuellen Erfolgs oder Anpassung hinausgeht. Viele hochqualifizierte Migranten können ihren Beruf in ihren Heimatländern nicht ausüben. In der Fachliteratur wird diese Situation als „Brain Waste“ (https://ec.europa.eu/assets/home/emn-glossary/glossary.html?letters=f&detail=brain+waste) bezeichnet.

Die Analyse von Salih Taş der Serie „Tutunanlar“ (https://www.patreon.com/posts/150988042?collection=2007548) zeigt eine konkrete und messbare Dimension dieses Phänomens auf. 87 Videos der Serie wurden untersucht, und 74 Migranten, deren beruflicher Hintergrund eindeutig identifiziert werden konnte, wurden in die Analyse einbezogen. Die Ergebnisse zeigen, dass nur ein geringer Prozentsatz der Immigranten ihren Beruf weiter ausüben kann, während die große Mehrheit gezwungen ist, einen erheblichen Karrierewechsel vorzunehmen. Laut der Analyse konnten lediglich 18,9 % der Befragten ihren Beruf im neuen Land fortsetzen, während die übrigen 81,1 % entweder in völlig andere Bereiche wechselten oder gezwungen waren, in ihren Fachgebieten Positionen mit niedrigerem Status anzunehmen.

Einer der Bereiche, in denen dieser Karrierewechsel besonders deutlich wird, ist der Bildungssektor. Mehr als die Hälfte der analysierten Gruppe verfügt über einen pädagogischen oder akademischen Hintergrund. Ein Großteil dieser Personen kann jedoch in ihren neuen Ländern nicht im Bildungssektor arbeiten. Stattdessen sind sie gezwungen, gering qualifizierte Tätigkeiten im Dienstleistungssektor auszuüben oder im technischen Support zu arbeiten. Diese Situation bedeutet nicht nur den Verlust individueller Karrierechancen, sondern auch den Verlust pädagogischer Erfahrung, akademischen Wissens und intellektuellen Kapitals. Ein Lehrer, der als Lagerarbeiter tätig ist, oder ein Akademiker, der als Fahrer arbeitet, ist mehr als nur eine wirtschaftliche Diskrepanz; es ist eine Unterbrechung der Wissensproduktion.

Dass Deutschland als beliebtestes Einwanderungsland hervorsticht, ist in diesem Zusammenhang ebenfalls bemerkenswert. Die Analyse zeigt Deutschland mit 36,5 % an erster Stelle, gefolgt von den USA, Großbritannien und Kanada. Starke Netzwerke der deutschen Diaspora, ein solides Sozialsystem und die durch die Berufsausbildung gebotenen Wiedereingliederungsmöglichkeiten scheinen Schlüsselfaktoren für die Wahl Deutschlands zu sein. Dies birgt jedoch einen Widerspruch. Obwohl Deutschland als Land mit Fachkräftemangel gilt, zwingen strukturelle Hindernisse bei der Anerkennung von Abschlüssen und der beruflichen Integration einen erheblichen Teil der Einwanderer dazu, außerhalb ihrer Fachrichtung zu arbeiten. Integration erfolgt daher oft eher durch den Verlust von Qualifikationen als durch deren Erhalt.

Internationale Studien belegen, dass diese Ergebnisse keine Ausnahmen darstellen, sondern ein systematisches Muster widerspiegeln. Laut OECD-Daten arbeitet ein erheblicher Anteil hochqualifizierter Migranten in Positionen unterhalb ihrer Qualifikation (https://www.oecd.org/en/publications/indicators-of-immigrant-integration-2023_1d5020a6-en.html). Ebenso zeigen OECD-Daten, dass etwa ein Drittel der hochqualifizierten Migranten überqualifizierte Positionen bekleidet (https://www.migrationpolicy.org/article/credential-recognition-trends). Diese Situation spiegelt sich nicht nur in der Beschäftigung, sondern auch im Einkommensniveau wider. Studien in OECD-Ländern haben gezeigt, dass Einwanderer beim Eintritt in den Arbeitsmarkt durchschnittlich 34 % weniger verdienen als die einheimische Bevölkerung (https://www.oecd.org/en/publications/international-migration-outlook-2025_ae26c893-en/full-report/immigrant-integration-the-role-of-firms_db745b4c.html).

Diese Situation kann nicht allein als individuelles Anpassungsproblem betrachtet werden. Die Verschwendung von Potenzial bedeutet auch einen wirtschaftlichen und akademischen Verlust. Die Unfähigkeit, das Wissen und die Fähigkeiten hochqualifizierter Menschen effektiv zu nutzen, führt zu Ineffizienz auf dem Arbeitsmarkt und schränkt die Innovationsfähigkeit der Gesellschaft ein. Dieser Verlust ist besonders für Akademiker und Pädagogen gravierender, da er nicht nur ihren Beruf, sondern auch die Wissensproduktion, das kritische Denken und die akademische Kontinuität beeinträchtigt.

Im Kontext der Zwangsmigration nimmt dieser Prozess eine noch dramatischere Dimension an. Menschen, die aufgrund von Einschränkungen der akademischen Freiheit, des Verlusts der Arbeitsplatzsicherheit und politischen Drucks gezwungen sind, ihre Heimatländer zu verlassen, müssen sich ihre berufliche Identität neu aufbauen und ein neues Leben beginnen. Dieser Wiederaufbauprozess verläuft jedoch oft nicht unter denselben Bedingungen. Sprachbarrieren, bürokratische Hürden, fehlende soziale Netzwerke und strukturelle Diskriminierung erschweren es diesen Menschen, ihr Potenzial zu entfalten.

Die Reihe „Diejenigen, die durchhalten“ ist nicht nur eine Studie, die individuelle Schicksale dokumentiert, sondern auch eine wichtige Datenquelle, die die Auswirkungen eines umfassenderen strukturellen Problems in diesem Bereich aufzeigt. Diese Geschichten deuten nicht auf das „Scheitern“ von Migranten hin, sondern darauf, wie Systeme diese Menschen positionieren. Migranten sind nicht unfähig, Arbeit zu finden; oft sind sie gezwungen, weit unter ihren Qualifikationen zu arbeiten, um zu überleben.

Die Abwanderung hochqualifizierter Fachkräfte in die Herkunftsländer und der damit einhergehende Verlust an Wissen und akademischer Arbeit stellen einen akademischen und sozialen Verlust dar, der in Europa zwar unsichtbar ist, aber tiefgreifende Auswirkungen hat. Dieser Verlust beschränkt sich nicht allein auf den Statusverlust der Betroffenen. Er beeinträchtigt auch die Fähigkeit der Gesellschaften, Wissen zu produzieren, die Effizienz der Institutionen und die Kontinuität der Wissenschaft. Dies zeigt, dass nicht nur Menschen, sondern auch Wissen und akademische Arbeit verdrängt werden.

Das Anti-Autokratie-Handbuch: Regime, die die Wahrheit unterdrücken, beginnen an der Universität

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Die im Juni 2025 veröffentlichte umfassende Studie mit dem Titel „Das Anti-Autokratie-Handbuch: Ein Leitfaden für Wissenschaftler zum Umgang mit dem demokratischen Rückschritt“ analysiert systematisch die Auswirkungen des Demokratierückgangs auf die Wissenschaft. Dieser Text sollte unbedingt beachtet und auf der Tagesordnung bleiben: https://zenodo.org/records/15696097

Obwohl das Handbuch direkt aus der Perspektive der Entwicklungen in den USA verfasst ist, ist der darin präsentierte konzeptionelle Rahmen für Länder mit autoritären Zügen, wie etwa die Türkei, äußerst vertraut und aufschlussreich. Die wichtigste Erkenntnis des Berichts ist, dass Demokratie nicht allein aus Wahlen besteht; der eigentliche Zusammenbruch beginnt mit ungeschriebenen Normen, noch vor den geschriebenen Artikeln der Verfassung. Wenn demokratische Gepflogenheiten erodieren, schwächt sich das Prinzip der gegenseitigen Legitimität ab, und die Machthabenden beginnen, ihre Rivalen als außerhalb des Systems stehend zu betrachten – der Prozess des Rückschritts beschleunigt sich. In diesem Prozess wirken Populismus, Polarisierung und Postfaktizität zusammen. Regierungen, die vorgeben, im Namen des „Volkes“ zu sprechen, spalten die Gesellschaft, vernebeln die Informationslage und schwächen die Rechenschaftspflicht. Die Wissenschaft, die für kritisches Denken und evidenzbasierte Wahrheit steht, gerät ebenfalls ins Visier.

Das Handbuch verdeutlicht, warum die Wissenschaft zu den ersten Zielen im Prozess des Autoritarismus zählt. Ideologische Etikettierung von Forschungsbereichen, Kürzungen der Fördermittel, Beeinträchtigung internationaler Kooperationen, Erwartungen an „Loyalität“, juristische Ermittlungen und Verleumdungskampagnen sind allesamt Bestandteile dieses Prozesses. Die Parallelen werden deutlicher, wenn man die Exmatrikulationen, Passentzüge, Disziplinarverfahren und die Aushöhlung der universitären Autonomie betrachtet, die in der Türkei im letzten Jahrzehnt zu beobachten waren.

Ein weiteres im Bericht hervorgehobenes Konzept ist „Bestrafung als Prozess“. Ziel ist oft nicht die Verurteilung, sondern die Untersuchung selbst. Rufschädigung, öffentliche Anfeindungen, anhaltende Unsicherheit und juristischer Druck wirken an sich schon abschreckend. Die gefährlichste Folge dieses Klimas ist die Selbstzensur. Der Text definiert Selbstzensur als einen Eckpfeiler der Verhaltensarchitektur des Autoritarismus. Indem Menschen sich entscheiden, nicht zu sprechen, nicht zu schreiben, ihre Forschungsgebiete zu wechseln oder zu schweigen, wird die Repression zwar unsichtbarer, aber gleichzeitig hartnäckiger.

Die im Handbuch verwendete Metapher der „Serengeti-Strategie“ ist besonders eindrücklich. Autoritäre Repression richtet sich oft nicht gegen die gesamte Gruppe, sondern gegen einzelne Wissenschaftler, die sich scheinbar von ihr abgrenzen. Ziel ist es, andere zu isolieren, einzuschüchtern und den Solidaritätsreflex zu brechen. Die akademische Freiheit schrumpft so schrittweise. Dass bestimmte Disziplinen in der Türkei, insbesondere Menschenrechte, Gender Studies, Migrationsforschung und Minderheitenstudien, einer stärkeren Repression ausgesetzt sind, kann als Ausdruck dieser Strategie interpretiert werden.

Ein wichtiger Beitrag des Textes besteht darin, dass er Vorschläge unterbreitet, wie Wissenschaftler je nach Risikograd handeln können. Der diesen Vorschlägen zugrunde liegende Gedanke lautet: Niemand ist völlig allein, und Solidarität ist unabhängig vom Risikograd möglich. Manchmal können Medienverlautbarungen, manchmal die Archivierung von Daten, manchmal das Entwickeln kleiner, aber bewusster Einwände und manchmal das anonyme Erzählen der Geschichte Formen des Widerstands sein. Widerstand ist nicht immer ein lauter Protest; manchmal ist allein das Festhalten an der Wahrheit ein politischer Akt.

Der Bericht erinnert uns auch daran, dass Autoritarismus nicht von Dauer ist. Unter Bezugnahme auf Studien zu Massenbewegungen zwischen 1900 und 2006 stellt er fest, dass die meisten davon, an denen sich 3,5 % der Bevölkerung beteiligten, erfolgreich waren. Diese Erkenntnis verwandelt Hoffnung von romantischem Trost in eine strategische Möglichkeit. Solidarität ist auch eine Frage der Quantität; Sichtbarkeit und kollektiver Mut schaffen Schwellenwerte.

Aus der Perspektive akademischer Solidarität sollte dieses Handbuch nicht nur als Analyse, sondern auch als Aufruf zum Handeln verstanden werden. Die Verteidigung der Wissenschaft ist kein institutioneller Reflex, sondern ein ethisches Gebot. Die Erfahrungen von Akademikern im Exil, unter Druck oder zur Selbstzensur gezwungen sind, sind nicht bloß Einzelfälle; sie sind frühe Warnzeichen für einen Rückschritt in der Demokratie. Wenn der Raum für die Wahrheit schrumpft, sind die Universitäten die Ersten, die verstummen. Wenn Universitäten schweigen, meldet sich der Rest der Gesellschaft erst viel später zu Wort.

Die Verteidigung der Wissenschaft bedeutet nicht nur den Schutz einer Berufsgruppe. Es geht um den Schutz der öffentlichen Vernunft, des kritischen Denkens und der demokratischen Zukunftsperspektiven. Schweigen ist ansteckend, Solidarität aber auch. Da sich der Autoritarismus schrittweise ausbreitet, muss der Widerstand entsprechend aufgebaut werden.

Die Epstein-Akten: Eine Bewährungsprobe für die Wissenschaft

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Kürzlich wurden Millionen von Dokumenten im Zusammenhang mit Jeffrey Epstein veröffentlicht. Diese Akten enthüllen nicht nur ein Netzwerk sexuellen Missbrauchs und krimineller Organisationen, sondern werfen auch ein kritisches Licht auf das fragile Verhältnis zwischen Wissenschaft, Macht und Ethik. Die Dokumente zeigen, wie eng Finanzen, Elitenpolitik und Wissenschaft miteinander verflochten sind und wo die ethischen Grenzen von Universitäten verschoben werden (https://www.nature.com/articles/d41586-026-00388-0).

Eines der markantesten Beispiele für Epsteins Verbindungen zur Wissenschaft sind seine Beziehungen zur Harvard University und zum Massachusetts Institute of Technology (MIT). Es ist belegt, dass er zwischen 1998 und 2008 Millionen Dollar an Harvard spendete, von denen ein Teil an universitätsinterne Einrichtungen wie das Programm für Evolutionsdynamik floss. Obwohl die Universität den sichtbaren Teil dieser Spenden untersucht und erklärt hat, seit 2008 keine Spenden mehr angenommen zu haben, werden die ethischen Implikationen vergangener Entscheidungen weiterhin diskutiert (https://www.harvard.edu/president/news-and-statements-by-president-bacow/2020/report-regarding-jeffrey-epstein-s-connections-to-harvard/).

Berichte vom MIT zeichnen ein ähnliches Bild: Es stellte sich heraus, dass Epsteins namentlich genannte und anonyme Spenden über Jahre hinweg angenommen wurden. Ein Teil davon floss in Forschungsbereiche wie das Medienlabor, was zum Rücktritt einiger akademischer Führungskräfte führte (https://news.mit.edu/2020/mit-releases-results-fact-finding-report-jeffrey-epstein-0110).

Diese Beispiele zeigen, dass akademische Einrichtungen bei der Suche nach Fördermitteln auf ethische Schwachstellen stoßen können. Während Geld für angesehene Institutionen eine ständig begehrte Ressource darstellt, wird die Frage, was geschieht, wenn die Herkunft dieses Geldes mit ethischen Prinzipien kollidiert, oft lieber verdrängt.

Die Epstein-Akten enthalten nicht nur Finanzdokumente, sondern auch Korrespondenz mit Akademikern, Aufzeichnungen von akademischen Treffen sowie persönliche Kontakte. So belegen die Dokumente beispielsweise, dass einige Professoren regen Kontakt zu Epstein pflegten und gemeinsam Veranstaltungen besuchten (https://www.insidehighered.com/news/faculty-issues/2026/02/03/nine-more-higher-ed-names-epstein-files).

Lässt sich eine solche Verbindung mit dem Argument der „akademischen Freiheit“ und der „akademischen Unabhängigkeit“ rechtfertigen? Akademische Freiheit bedeutet, freies Denken zu ermöglichen, mutig zu forschen und Machtstrukturen zu hinterfragen. Die Frage ist jedoch, ob die Wissenschaft ihrer ethischen Verantwortung gerecht werden kann. Akademische Freiheit umfasst nicht nur die Freiheit der Forschung und Meinungsäußerung, sondern auch die Verantwortung, eine kritische Distanz zu Machtverhältnissen zu wahren.

Wenn Persönlichkeiten wie Epstein durch Geld und Beziehungen in akademische Institutionen eindringen, stellt sich folgende Frage: Kann die Wissenschaft ihre kritische Distanz zum Geld bewahren oder wird sie ihm erliegen?

Dieses Ereignis offenbart eine tiefere ethische Blindheit, als die einfache Frage „Hat die Wissenschaft einen Fehler gemacht?“ zu beantworten: Ein Krimineller infiltriert angesehene Institutionen mit Geld und Beziehungen, die Institutionen sind nicht in der Lage, dies offen zu hinterfragen, und die Folgen bleiben lange Zeit ungelöst. Es ist leicht gesagt, dass eine Spende abgelehnt werden sollte; die Schwierigkeit besteht darin, Standards zu etablieren, die eine Ablehnung ermöglichen, und diese Praktiken beizubehalten.

Wir sollten akademische Solidarität nicht nur als Schutzmechanismus gegen äußeren Druck betrachten. In ethischen Krisen trägt die akademische Gemeinschaft stets die größte Verantwortung. Die Wissenschaft muss ihre internen Machtverhältnisse, Finanzierungsquellen und ethischen Prioritäten ständig hinterfragen; sie muss ein Gleichgewicht zwischen Geld, Prestige und Beziehungen einerseits und ethischen Prinzipien andererseits finden. Ethische Krisen entstehen oft nicht durch Mittäterschaft an Verbrechen, sondern durch deren Ignorierung.

Ahmet Turan Alkan: Ein Intellektueller, der in einem autoritären Regime zum Schweigen gebracht wurde

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Der Tod von Ahmet Turan Alkan hat alle Intellektuellen tief betrübt. Seine letzten Jahre sollten als konkretes Beispiel für das problematische Verhältnis zwischen autoritären politischen Systemen und gebildeten, kritischen und gesellschaftlich verantwortungsbewussten Menschen betrachtet werden. In solchen Regimen beschränkt sich die Repression nicht auf rechtliche Sanktionen oder Gefängnisstrafen; vielmehr handelt es sich um einen langfristigen und vielschichtigen Prozess der intellektuellen Neutralisierung.

Einen Akademiker oder Schriftsteller unter Androhung von Gewalt zu einer Entschuldigung zu zwingen (https://youtu.be/fJbmMudSVi4) entspricht Mechanismen des „symbolischen Gehorsams“. Ziel dieser Praktiken ist es nicht nur, den Einzelnen zu bestrafen, sondern auch die Legitimität kritischen Denkens in der Öffentlichkeit zu untergraben und ein abschreckendes Beispiel für andere Intellektuelle zu setzen. In diesem Kontext wirkt Repression nicht durch direkte physische Gewalt, sondern durch symbolische Formen der Gewalt, die nachhaltigere Auswirkungen haben (https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0176268022001574).

Die Unterbrechung von Ahmet Turan Alkans akademischer und literarischer Tätigkeit nach seiner Inhaftierung kann als individuelle Entscheidung oder Rückzug interpretiert werden. Diese Situation kann jedoch auch als autoritäres „erlerntes Schweigen“ betrachtet werden. In Systemen, in denen akademische Freiheit formal existiert, aber faktisch eingeschränkt ist, stellt die Einstellung der Publikationstätigkeit einen rationalen Abwehrmechanismus dar (https://repository.library.northeastern.edu/files/neu%3Acj82nr72n/fulltext.pdf).

Die Tatsache, dass sein Roman nicht von dem Verlag veröffentlicht wurde, mit dem er jahrelang zusammengearbeitet hatte, zeigt deutlich, dass Zensur nicht allein durch staatliche Intervention erfolgt. In autoritären Regimen werden Kultur- und Wissenschaftsbereiche durch Selbstzensurmechanismen geprägt, die auf Angst, Unsicherheit und Konformitätsdruck beruhen. So werden Verlage, Universitäten und Kulturinstitutionen oft – häufig ohne explizite Anweisung – zu verlängerten Armen der Machtstrukturen. Intellektuelle werden dabei nicht nur von der politischen Macht, sondern auch von ihrem eigenen sozialen und institutionellen Umfeld an den Rand gedrängt.

Dieses Einzelbeispiel ist Teil eines umfassenderen, strukturellen Prozesses. In Ländern mit autoritären Regimen verlassen kritische Akademiker, Schriftsteller und Künstler zunehmend das Land und suchen Zuflucht in demokratischen Staaten. Obwohl dies als „Brain Drain“ bezeichnet wird, handelt es sich in Wirklichkeit um das erzwungene Exil von Intellektuellen und kritischem Denken.

In Gesellschaften, in denen Intellektuelle unterdrückt oder systematisch ausgeschlossen werden, verlangsamt sich die intellektuelle Produktion; Universitäten und Kulturinstitutionen verlieren ihre kritische Funktion. Dies schwächt die Rechenschaftspflicht der politischen Macht und ebnet den Weg für die weitere Verfestigung autoritärer Strukturen. Diese Wechselwirkung zwischen intellektueller Verarmung und politischer Repression erzeugt einen sich selbst verstärkenden und schwer zu durchbrechenden Teufelskreis.

Die letzten Lebensjahre von Ahmet Turan Alkan verdeutlichen eindrücklich, wie dieser Kreislauf auf individueller Ebene wirkt. Nach seinem Tod trafen Beileidsbekundungen aus verschiedenen politischen Kreisen ein. Seine Geschichte verdeutlicht nicht nur das Verschweigen eines Schriftstellers, sondern auch die Tendenz autoritärer Systeme, Intellektuelle hervorzubringen, deren Wert zu Lebzeiten nicht gewürdigt, sondern erst nach ihrem Tod erinnert wird.

Die internationale Wissenschaftsgemeinschaft sollte nicht nur im Exil lebende Akademiker unterstützen, sondern auch die intellektuellen Kosten des Autoritarismus sichtbar machen. Nur so kann der Teufelskreis des Verschweigens von Intellektuellen durchbrochen werden. Denn Gesellschaften, die ihre Intellektuellen zum Schweigen bringen, verlieren langfristig ihre intellektuelle Produktivität, ihre kritische Fähigkeit und ihre demokratische Zukunft.

Globale Unsicherheiten und die Fragilität der Wissenschaft nehmen in der Zeit nach Davos zu

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Wie jedes Jahr diente das Weltwirtschaftsforum in Davos als wichtige Plattform, um die Sichtweisen globaler politischer und wirtschaftlicher Eliten auf die Welt und ihre Prioritäten zu verdeutlichen. Die diesjährigen Diskussionen konzentrierten sich jedoch nicht nur auf Wirtschaftswachstum und technologische Innovation, sondern auch auf Sicherheit, geopolitischen Wettbewerb, den Niedergang der Demokratie und globale Ungleichheiten.
Die Welt entwickelt sich zunehmend zu einer polarisierten Struktur. Die Rivalität zwischen den USA und China, der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine sowie die Instabilität im Nahen Osten verändern die Wirtschaft in ein Feld, das stärker von geopolitischen Kalkulationen als von klassischen Marktmechanismen bestimmt wird. Bereiche wie Energiesicherheit, Nahrungsmittelversorgung, Halbleiter und künstliche Intelligenz gelten nicht nur als wirtschaftliche, sondern auch als strategische Machtfaktoren.
Die US-Militärintervention in Venezuela im Januar 2026 und die Entführung von Präsident Nicolás Maduro lösten eine breite Debatte völkerrechtlicher Art aus. Während viele Regierungen diese Intervention als Verletzung der Souveränität bezeichneten, verteidigte die US-Regierung sie mit dem Argument der „nationalen Sicherheit“. Diese Situation hat die Befürchtung verstärkt, dass die Weltpolitik nicht mehr von internationalen Normen, sondern von direkter Machtpolitik bestimmt wird.
Die erneuten diplomatischen Spannungen um Grönland zeigen jedoch, dass globale Akteure ihre eigenen Interessen über die Interessen der Welt stellen. Die Tendenz der USA, Grönland, eine autonome Region Dänemarks, aus „strategischen“ Gründen zu annektieren, und die heftigen Gegenreaktionen werfen Fragen zur europäischen Sicherheitspolitik und zu den transatlantischen Beziehungen auf. Während Grönlands lokale Führung die Botschaft „Wir sind nicht käuflich“ betont, versuchen die europäischen Länder, ein Zeichen der Einheit gegen solche Initiativen zu setzen. Deutschlands Suche nach neuen Partnern ist bemerkenswert.
Die Auswirkungen dieses Wandels auf die Wissenschaft werden immer deutlicher. Einerseits werden Universitäten zunehmend von den Sicherheitsprioritäten der Staaten und den Profitinteressen der Konzerne abhängig; andererseits schrumpft der Raum für kritisches Denken, unabhängige Forschung und akademische Freiheit. Sozialwissenschaften, Menschenrechte, Demokratieforschung und Migrationsstudien verlieren in vielen Ländern entweder an Finanzierung oder geraten unter politischem Druck.
Universitäten werden für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zunehmend zu unsicheren Orten, insbesondere in Ländern mit wachsendem Autoritarismus. Infolgedessen nehmen erzwungene akademische Migration, akademisches Exil und fragile Integrationsprozesse zu. Dies ist nicht nur ein individuelles Menschenrechtsproblem, sondern auch ein strukturelles Problem, das die Qualität und Vielfalt der globalen Wissensproduktion bedroht.
Der in Davos häufig betonte Diskurs über künstliche Intelligenz und Digitalisierung hat für Universitäten ebenfalls einen ambivalenten Charakter. Er bietet zwar das Potenzial, die wissenschaftliche Produktivität zu steigern, birgt aber auch die Gefahr, die Wissenschaft in eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung großer Technologiekonzerne zu verwandeln. Die Kommerzialisierung von Wissen macht Diskussionen über ethische Verantwortung und Gemeinwohl umso dringlicher.
In diesem Kontext ist die Bedeutung akademischer Solidaritätsnetzwerke größer denn je. Initiativen wie Academic Solidarity unterstützen nicht nur im Exil lebende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sondern schaffen auch alternative öffentliche Räume, die die Unabhängigkeit des Wissens, die akademische Freiheit und universelle Werte verteidigen. In Zeiten zunehmender globaler Unsicherheit ist es nicht nur eine ethische Entscheidung, sondern auch eine historische Notwendigkeit, die Universitäten an ihre soziale Verantwortung zu erinnern und die grenzüberschreitende akademische Solidarität zu stärken.
https://www.weforum.org/meetings/world-economic-forum-annual-meeting-2026/
https://decode39.com/13228/italy-and-germany-double-down-on-competitiveness-and-defense-at-rome-summit/
https://www.deutschland.de/en/news/germany-and-india-seek-to-deepen-their-relationship