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US-Beschränkungen treiben internationale Studierende nach Europa

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Die USA waren viele Jahre lang das attraktivste Bildungsziel für internationale Studierende. Die kürzlich von der Trump-Administration eingeführten Visabeschränkungen haben diese Situation jedoch rapide verändert. Es wurde angekündigt, dass Studentenvisa nicht mehr für die Dauer des jeweiligen Programms, sondern für maximal vier Jahre erteilt werden. Auch Visa für Austauschprogramme und Pressevertreter werden zeitlich begrenzt. Die neu eingeführte „Visa Integrity Fee“ hat die Antragskosten auf bis zu 442 US-Dollar erhöht. Diese Regelungen haben nicht nur die Zukunft von Studierenden, sondern auch von Universitäten unsicher gemacht. Führende Institutionen wie Harvard wurden beschuldigt, die Zulassung internationaler Studierender ausgesetzt zu haben, wodurch Tausende von Bewerbungen gefährdet und die akademische Landschaft in den USA erschüttert wurden (https://www.theguardian.com/us-news/2025/aug/29/trump-immigration-visa-restrictions).

Diese verschärften Beschränkungen haben zu erheblichen Verlusten im US-Bildungssektor geführt und den Zustrom von Studierenden nach Europa beschleunigt. Deutschland sticht mit einem Anstieg der Zahl indischer Studierender um fast 20 Prozent hervor und beherbergt derzeit mehr als 60.000 indische Studierende. Politische Stabilität, erschwingliche Studiengebühren und Berufsmöglichkeiten nach dem Studium machen Deutschland zunehmend attraktiver. Während in Frankreich die Bewerbungen an Business Schools wie der ESCP und der HEC Paris zunehmen, verzeichnen Deutschland und andere europäische Länder auch ein großes Interesse amerikanischer Studierender (https://timesofindia.indiatimes.com/education/study-abroad/germany-welcomes-more-from-india-while-student-arrivals-to-the-us-plunge-the-new-geography-of-indian-ambition/articleshow/123472306.cms).  

Die Europäische Union plant, von diesem Trend zu profitieren. In Brüssel forderten Parlamentarier den weiteren Ausbau von Programmen wie Erasmus+ und Horizont Europa für internationale Studierende, die durch die US-Politik benachteiligt sind. Europa könnte sich somit langfristig zu einer stärkeren Alternative für die internationale akademische Führung entwickeln (https://euobserver.com/eu-and-the-world/ar771dc3dc).  

Der Verlust der traditionellen Attraktivität der USA verändert nicht nur die individuellen Pläne der Studierenden, sondern auch die globalen akademischen Bilanzen. Diese Entwicklungen deuten darauf hin, dass Europa eine zentrale Rolle in der internationalen Studierendenmobilität übernehmen könnte.

Gaza: Das Leningrad von heute

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Die anhaltende Blockade und die Angriffe im Gazastreifen haben sich zu einer der schlimmsten humanitären Katastrophen der modernen Geschichte entwickelt. Der Entzug von 2,3 Millionen Menschen von Nahrungsmitteln, Medikamenten, Treibstoff und Bildung gilt als schwerwiegender Verstoß gegen das Völkerrecht und das Gewissen der Menschheit.

Historische Analogien verdeutlichen dieses Bild. Während der Belagerung Leningrads im Zweiten Weltkrieg verloren Hunderttausende Zivilisten ihr Leben durch Hunger, Kälte und Bombardierungen. Auch Juden waren Opfer dieser Tragödie. Heute löst die Tatsache, dass ein Volk, das in der Vergangenheit ähnliche Unterdrückung erlitten hat, eine ähnliche Belagerung einer anderen ethnischen und religiösen Gruppe auferlegt oder angesichts dessen schweigt, Schock und tiefe Trauer aus.

Die Vereinten Nationen und humanitäre Organisationen haben wiederholt gewarnt: Der Hunger in Gaza ist zu einer systematischen Waffe geworden. Diese Situation widerspricht den grundlegendsten Prinzipien des Völkerrechts.

Die Blockade im Gazastreifen zielt nicht nur direkt auf das Grundrecht auf Leben, sondern auch auf das Recht auf Bildung ab. Universitäten werden bombardiert, Bibliotheken zerstört und Studierende gezwungen, ihr Studium abzubrechen. Tausende Studierende und Wissenschaftler haben entweder direkt ihr Leben verloren oder wurden ins Exil gezwungen. Dies bedroht die akademische Zukunft der Region.

Dies ist ein Testfall für die globale akademische Gemeinschaft. Um diese Verfolgung zu beenden, müssen wir unsere Stimme erheben, Solidaritätsnetzwerke aufbauen, Stipendien und Forschungsmöglichkeiten für aus Gaza vertriebene Studierende und Wissenschaftler schaffen. Internationale akademische Institutionen (z. B. Scholars at Risk, Scholar Rescue Fund) müssen sichtbarere Unterstützungskampagnen starten, und Universitäten müssen den Opfern beistehen, anstatt in humanitären Krisen neutral zu bleiben, und sich an das Prinzip „Nicht schweigen“ halten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Satz „Nie wieder“ zu einem gemeinsamen Mantra der Menschlichkeit. Die Ereignisse in Gaza zeigen jedoch, dass dieses Versprechen vergessen ist. Das jüdische Volk, das den Schmerz der Belagerung Leningrads am tiefsten spürte, schweigt heute angesichts der Verfolgung in Gaza – eine bittere Ironie der Geschichte.

https://www.theguardian.com/world/live/2025/aug/22/famine-benjamin-netanyahu-palestine-gaza-israel-war-latest-updates

https://www.ft.com/content/90aaed53-027b-4eed-be93-89632f0d2ea5

https://www.reuters.com/world/europe/weaponisation-food-gaza-constitutes-war-crime-un-rights-office-says-2025-06-24

Impfgegner im Kontext von Kennedys Antrag auf Rücknahme einer Impfstoffstudie

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Der US-amerikanische Surgeon General Robert F. Kennedy Jr. machte Schlagzeilen mit seinem im Juli 2025 erschienenen Meinungsartikel, in dem er den Rücknahme einer in den Annals of Internal Medicine veröffentlichten Studie forderte. Die Studie, die auf der Analyse von Daten von 1,2 Millionen Kindern basierte, zeigte, dass Aluminium in Impfstoffen nicht mit Autoimmun-, Allergie- und neurologischen Entwicklungserkrankungen bei Kindern in Verbindung gebracht wurde. Kennedy bezeichnete die Studie als „Propaganda-Stunt“ (https://www.theguardian.com/us-news/2025/aug/14/robert-kennedy-jr-vaccine-study-retraction).

Die Herausgeberin der Zeitschrift, Dr. Christine Laine, wies den Widerruf zurück und betonte, dass die Studie keine wissenschaftlichen Unregelmäßigkeiten aufweise (https://www.thedailybeast.com/rfk-jr-slapped-down-by-medical-journal-over-vaccine-study-retraction-request/). Der Hauptautor der Studie, Anders Peter Hviid, erklärte, die meisten Kritikpunkte seien plausible methodische Argumente. Kritikpunkte, wie etwa das Fehlen einer Kontrollgruppe, seien auf rechtliche und ethische Grundsätze zurückzuführen und nicht auf einen Mangel an Daten aufgrund der hohen Impfraten in Dänemark (https://www.reuters.com/business/healthcare-pharmaceuticals/medical-journal-rejects-kennedys-call-for-retraction-vaccine-study-2025-08-11/).

Um zu verstehen, warum Impfgegner (und Gruppen, die wissenschaftsfeindliche Verschwörungstheorien verbreiten) trotz überzeugender wissenschaftlicher Beweise an ihren Behauptungen festhalten, haben wir die Dimensionen des Phänomens aufgelistet:

  1. Misstrauen und die Wahrnehmung von „Big Pharma“
    • Impfgegner behaupten unter Berufung auf die Milliardengröße der Pharmaindustrie (Big Pharma), dass das „gewinnorientierte System“ Profit über Gesundheit stelle.
    • Der globale Impfstoffmarkt überschritt 2023 rund 70 Milliarden US-Dollar; nach COVID-19 entstand ein riesiger Markt. Diese Zahl bietet bei mangelnder Transparenz leicht Stoff für Verschwörungstheorien.
  2. Kulturelle und politische Identität
    • Impfgegner werden oft nicht nur zu einer wissenschaftlichen Haltung, sondern zu einer Identität und ideologischen Haltung. Autoritätsfeindlichkeit, der Anspruch, die individuelle Freiheit zu schützen, und Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen befeuern diese Identität.
    • Anstatt sich von wissenschaftlichen Daten überzeugen zu lassen, können wissenschaftliche Beweise als Manipulation durch Autoritäten wahrgenommen werden.
  3. Kognitive Verzerrungen und emotionale Macht
    • Menschen können einer einzigen negativen Anekdote (z. B. „Mein Kind entwickelte nach der Impfung Autismussymptome“) Vorrang vor Tausenden von Sicherheitsdatenpunkten geben. Dies wird in der Psychologie als Verfügbarkeitsverzerrung bezeichnet.
    • Darüber hinaus haben Angst, Sorge und das Gefühl, dass „mein Kind geschädigt werden könnte“, einen viel stärkeren Einfluss als abstrakte statistische Daten.
  4. Informationsverschmutzung und soziale Medien
    • Dank der Echokammern in den sozialen Medien werden Fehlinformationen ständig wiederholt und als „Beweise“ wahrgenommen.
    • Politiker wie RFK Jr. nutzen diese Echokammern als politisches Kapital.
  5. Historische Faktoren
    • Skandale von Pharmaunternehmen in den 1970er Jahren (z. B. der Contergan-Vorfall) führten zu einem anhaltenden Misstrauen gegenüber der Pharmaindustrie.
    • Da die meisten Impfungen auf behördliche Anordnung erfolgen, löst das Konzept der „Impfpflicht“ eine Gegenreaktion gegen die Autorität aus.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die anhaltende Impfgegnerschaft nicht allein auf einen Mangel an wissenschaftlichen Beweisen zurückzuführen ist. Auch wirtschaftliche Größe, historisches Misstrauen, ideologische Identität, emotionale Voreingenommenheit und der Einfluss sozialer Medien müssen berücksichtigt werden. Der Mangel an Transparenz innerhalb der großen Impfstoffindustrie verstärkt diese Grundlage zusätzlich. Während RFK Jr.s scharfe Kritik an wissenschaftlichen Studien zu aluminiumhaltigen Impfstoffen von der seriösen wissenschaftlichen Gemeinschaft aufgrund ihrer grundsätzlichen Unlogik als ungültig zurückgewiesen wurde, tragen solche Initiativen zur Erosion des Vertrauens in Impfstoffe bei.

Selbst ein einfaches Problem kann KI in die Irre führen

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Während KI-gestützte Sprachmodelle (LLMs) oft für ihre Fähigkeit gelobt werden, schnell und umfassend medizinisches Wissen zu liefern, haben neue Forschungsergebnisse gezeigt, dass diese Systeme selbst bei einfachen ethischen Fragen Fehler machen können. Eine gemeinsame Studie der Mount Sinai School of Medicine und des Kibbutz Rabin Medical Center in Israel ergab, dass selbst die fortschrittlichsten Modelle, darunter ChatGPT, in grundlegenden ethischen Szenarien voreingenommene oder falsche Entscheidungen trafen (https://www.sciencedaily.com/releases/2025/07/250723045711.htm). Inspiriert von Daniel Kahnemans „Schnelles Denken, langsames Denken“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Thinking,_Fast_and_Slow), modifizierten die Forscher klassische Rätsel der Medizinethik leicht – wie beispielsweise das „Surgeon’s Son“-Paradoxon (https://www.apm.org.uk/blog/understanding-unconscious-bias-a-silver-bullet-for-equality/). In einem Szenario, in dem der Vater Chirurg ist, sein Geschlecht jedoch nicht angegeben ist, sollte das Modell davon ausgehen, dass die Frau die Chirurgin ist. Es traf jedoch manchmal sexistische Annahmen. Solche übereilten und voreingenommenen Entscheidungen wurden in 20–30 % der Modelle festgestellt.

Dies zeigt, dass KI nicht nur ein Werkzeug zur Wissensvermittlung ist, sondern auch aktiv in den ethischen Prozess eingreifen kann. Dieser Eingriff birgt jedoch das Risiko der Irreführung.

Wie Dr. Eyal Klang, einer der Autoren der Studie, betont, sind Entscheidungen im Gesundheitswesen heikel und können das Leben eines Patienten retten oder schädigen. Daher erfordert die Gewährleistung der Zuverlässigkeit von KI-Systemen menschliche Aufsicht, klare ethische Grenzen und ein Bewusstsein für das Risiko „schneller, aber falscher“ Entscheidungen.

LLMs sind zwar leistungsstark bei der Vermittlung von technischem Wissen, können aber in Situationen mit ethischer, kultureller oder emotionaler Komplexität anfällig sein. Die Zuverlässigkeit dieser Systeme sollte insbesondere in ressourcenbeschränkten klinischen Umgebungen oder in Krisenzeiten hinterfragt werden. Trotz der Behauptungen, dass KI den menschlichen Faktor vollständig ersetzen könne, scheint sie bei entscheidenden Entscheidungsprozessen zu versagen.

Aus der Türkei eingewanderte Forscherinnen und Forscher tauschten ihre Erfahrungen aus

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Zoom – 29. Juli 2025: Akademische Solidarität e.V. veranstaltete am Abend des 29. Juli 2025 ein virtuelles „Erfahrungsaustauschtreffen: Forscher/Dozent an der Universität werden“. Die Online-Veranstaltung, die rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer über Zoom anzog, präsentierte vier türkische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Gastrednerinnen und Gastredner. Sie berichteten von ihrem Weg zum Aufbau einer akademischen oder wissenschaftlichen Karriere im Ausland und gaben Einblicke in die Herausforderungen und Strategien für die Fortsetzung des akademischen Lebens im Ausland. Die Rednerinnen und Redner waren:

  • Dr. Zekeriya Aktürk – Ärztin und Forscherin,
  • Dr. Lokman Alpsoy – Forscherin in Chemie und Biologie,
  • Dr. Sena Arslan – Fachkrankenschwester und
  • Dr. Burhan Cevik – Experte für Karrierewege im IT-/Softwaresektor.

Im Folgenden fassen wir den Hintergrund und die wichtigsten Erkenntnisse der einzelnen Rednerinnen und Redner zusammen.

Dr. Zekeriya Aktürk: Neuaufbau einer medizinischen Forschungskarriere in Deutschland

Dr. Zekeriya Aktürk, einer der ersten Professoren für Allgemeinmedizin in der Türkei, berichtete, wie politische Unruhen seine Karriere unterbrachen und wie er sie in Deutschland wieder aufbaute. Nach den Ereignissen im Juli 2016 in der Türkei wurde Dr. Aktürk trotz einer herausragenden Karriere als Medizinwissenschaftler per Notverordnung (KHK) von seiner Universitätsstelle entlassen. Er beschrieb diese Zeit als schmerzhaften beruflichen Neustart; zeitweise drohte ihm wegen seiner angeblichen Verbindungen sogar eine 14-monatige Haftstrafe – eine Erfahrung, die ihn ins „Exil“ aus der türkischen Wissenschaft zwang.

Im Jahr 2020 zog Dr. Aktürk im Alter von 55 Jahren nach Deutschland, um einen Neuanfang zu wagen. Er wurde als Forscher am Institut für Allgemeinmedizin der Technischer Universität München aufgenommen. Später wechselte er an die Medizinische Fakultät der Universität Augsburg, wo er heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Allgemeinmedizin arbeitet. Innerhalb weniger Jahre erlangte er in Deutschland seine Facharztzulassung zurück und erhielt damit das Recht, zu praktizieren und sogar eine Klinik zu eröffnen oder zu leiten. Stolz bemerkte er: „Ich habe gezeigt, dass ich meine Karriere durch Leistung und nicht durch Bevorzugung erreicht habe, indem ich 24 Jahre später dieselbe Karriereleiter erneut erklommen habe“ – eine deutliche Botschaft an diejenigen, die seine Leistungen in der Türkei untergraben hatten.

Dr. Aktürks Geschichte verdeutlichte mehrere Schlüsselstrategien für den Erfolg im Ausland. Zunächst betonte er die entscheidende Bedeutung von Sprachkenntnissen. Er erinnerte sich an seine Vorbereitung auf die deutschen Medizinprüfungen und sagte: „Der Schlüssel zur Ausübung Ihres Berufs im Ausland ist das Erlernen der Sprache.“ Er würdigte, dass er schon früher Deutsch gelernt und in der Türkei sogar Deutschkurse gegeben hatte, was ihm einen Vorsprung bei der Integration in das deutsche System verschaffte.

Dr. Aktürk betonte, wie wertvoll es sei, das eigene Fachwissen zur Lösung globaler Probleme einzusetzen. Er hat seine persönlichen Erfahrungen zu einem Forschungsschwerpunkt gemacht: An der Universität Augsburg interessiert er sich unter anderem für Migrationsforschung und untersucht aktiv den anhaltenden Exodus von medizinischem Fachpersonal aus der Türkei. Während des Treffens erläuterte er einige allgemeinere Zusammenhänge aus seiner Arbeit: Über 7.000 Akademiker wurden nach 2016 per Notverordnung von türkischen Universitäten entfernt, und in den letzten Jahren haben über 4.000 türkische Ärzte das Land verlassen, um im Ausland bessere Möglichkeiten zu finden. Diese ernüchternden Statistiken vermittelten den Teilnehmern ein Gefühl für das Ausmaß der Abwanderung von Fachkräften aus der Türkei, während Dr. Aktürks Weg ein hoffnungsvolles Beispiel für deren Überwindung darstellte. Er betonte, dass Anpassungsfähigkeit, kontinuierliches Lernen und die Aufrechterhaltung des beruflichen Selbstvertrauens von entscheidender Bedeutung seien. Obwohl er in einem neuen Land bei Null anfangen musste, gelang es Dr. Aktürk, seinen Status als Facharzt und Forscher zurückzugewinnen. Er hofft, dass diese Leistung andere inspirieren wird, die vor ähnlichen Hindernissen stehen.

Dr. Lokman Alpsoy: Von einer geschlossenen Universität zur Spitzenforschung in Europa

Dr. Lokman Alpsoy berichtete von seinem Weg von einem hochrangigen Wissenschaftler in der Türkei zu einem Forscher in Deutschland. Vor 2016 war Dr. Alpsoy Dekan des Instituts für Gesundheitswissenschaften und Leiter der Abteilung für Biologie an der Fatih-Universität in Istanbul. (Die Fatih-Universität war eine angesehene Privatuniversität, bis Erdoğan sie 2016 schloss.) Die plötzliche Schließung seiner Universität im Zuge der Säuberungen nach 2016 ließ Dr. Alpsoy, wie Tausende andere Wissenschaftler, ohne Institution zurück. Er beschrieb die Unsicherheit und den Identitätsverlust, die mit dem abrupten Ende seiner akademischen Karriere in der Türkei verbunden waren.

Entschlossen, seine wissenschaftliche Arbeit fortzusetzen, suchte Dr. Alpsoy nach Möglichkeiten im Ausland. Schließlich zog er nach Deutschland und ist heute außerordentlicher Professor und Forscher an der Universität Freiburg. Am Freiburger Institut für Mikrosystemtechnik (IMTEK) leitet er ein Forschungsprojekt zu innovativen Biomaterialien – insbesondere zu hydrogelkügelchenbasierten Trägern für die potenzielle Krebsforschung und -diagnose. In dieser Funktion kann er seine Expertise in Molekularbiologie und Chemie in die interdisziplinäre Spitzenforschung einbringen. Dr. Alpsoy merkte an, dass der Übergang in ein neues Forschungsumfeld zunächst eine Herausforderung war – er musste sich mit neuen Laboren und Fördersystemen vertraut machen –, aber seine umfangreiche Publikationsliste und seine Erfahrungen in der Türkei halfen ihm, seine Stelle in Deutschland zu sichern. Er hat über 60 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht und wird fast 1.600 Mal zitiert, was seine anhaltende Produktivität im Exil widerspiegelt.

Ein wichtiges Thema in Dr. Alpsoys Vortrag war die Bedeutung von beruflichen Netzwerken und Mentoring. Er betonte, wie die Teilnahme an Förderprogrammen für vertriebene Akademiker seine Integration erleichterte. So nahm er beispielsweise an einer Mentoring-Initiative von Academics at Risk e.V. teil, einer in Deutschland ansässigen Solidaritätsorganisation für gefährdete Wissenschaftler. Dr. Alpsoy ermutigte andere nachdrücklich, sich Mentoren und Unterstützung aus der Gemeinschaft zu suchen, und merkte an: „Sie sind nicht allein – es gibt Netzwerke, die sich dafür einsetzen, Wissenschaftlern wie uns zu helfen, unsere Arbeit in einem freien und sicheren Umfeld fortzusetzen.“

Während der Fragerunde sprach Dr. Alpsoy auch über die Notwendigkeit, das eigene Fachwissen an die Prioritäten des Gastlandes anzupassen. In seinem Fall wechselte er von der Lehre und der administrativen Leitung in der Türkei zu einer fast ausschließlichen Forschungstätigkeit in Deutschland. „Ich bin vom Dekan wieder zum Laborwissenschaftler geworden“, sagte er lächelnd und betonte, dass beim Wiederaufbau einer Karriere keine Aufgabe zu bescheiden sei. Er riet seinen Kollegen zur Flexibilität: „Seien Sie bereit, verschiedene Rollen zu übernehmen. Vielleicht waren Sie zu Hause Professor oder Manager; vielleicht beginnen Sie im Ausland als Postdoc oder Techniker. Betrachten Sie es als Lernerfahrung.“

Dr. Sena Arslan: Stärkung von Gesundheitsfachkräften über Grenzen hinweg

Dr. Sena Arslan bot Einblicke aus der Perspektive einer Gesundheitsforscherin, insbesondere für nichtärztliche Gesundheitsfachkräfte, die ihre Karriere international vorantreiben möchten. Nach ihrer Ausbildung in der Türkei war Dr. Arslan dort in der Gesundheitsforschung und -ausbildung tätig – beispielsweise wirkte sie 2016 an Studien zur Pflege und Patientenversorgung in türkischen Einrichtungen mit. Wie viele Kollegen wurde ihre frühe Karriere jedoch durch die Instabilität des türkischen Hochschulsektors beeinträchtigt. Entschlossen, ihren akademischen Weg fortzusetzen, zog sie in die Niederlande, um sich weiterzubilden und zu forschen.

Seit 2018 forscht Dr. Arslan in der Abteilung für öffentliche Gesundheit und Innere Medizin am Erasmus-Universitätsklinikum in Rotterdam, Niederlande. Ihre Schwerpunkte liegen in der Pflegeausbildung, dem Patientenselbstmanagement und der Unterstützung in der Palliativversorgung. Ihre Veröffentlichungen behandeln Themen wie die Auswirkungen von Schlafmangel auf die Herzgesundheit von Pflegekräften und die Selbstwirksamkeit von Pflegefachkräften bei der Patientenbetreuung. Dr. Arslans Erfolg im Ausland ist auch ein Beleg für internationale Solidaritätsprogramme: Sie erhielt Unterstützung vom Scholar Rescue Fund (SRF), der ihre Forschung finanzierte und sie in die niederländische akademische Gemeinschaft integrierte. Sie erklärte, dass Stipendien und Fellowships, die sich ausdrücklich an gefährdete Wissenschaftler richten, eine wichtige Brücke zu Chancen in Europa sein können.

In ihrem Vortrag ging Dr. Arslan auf die besonderen Herausforderungen ein, mit denen nichtärztliche Gesundheitsfachkräfte konfrontiert sind, die ins Ausland migrieren. Im Gegensatz zu Ärzten, deren Qualifikationen oft klare Anerkennungsmöglichkeiten haben, ist die Übertragung der Qualifikationen von Fachkräften wie Krankenpflegern, Labortechnikern oder Experten im öffentlichen Gesundheitswesen möglicherweise schwieriger. Sie berichtete, dass sie nicht nur eine neue Sprache (Niederländisch) lernen, sondern ihre Expertise manchmal auch durch zusätzliche Zertifizierungen und ein PhD-Programm „erneut unter Beweis stellen“ musste, um die Gleichwertigkeit in Europa zu erlangen. Ein wichtiger Ratschlag, den sie gab, war, weiterführende Abschlüsse oder Spezialisierungen im Ausland zu erwerben, um in das System einzusteigen. Beispielsweise kann die Einschreibung in ein Master- oder PhD-Programm die eigenen Qualifikationen verbessern und als Sprungbrett für den Berufseinstieg dienen.

Dr. Arslan betonte zudem die Bedeutung von Soft Skills und kultureller Anpassung. Sie merkte an, dass sich die Gesundheitspraktiken und Arbeitskulturen in der Türkei und Westeuropa erheblich unterscheiden können. So seien Pflegekräfte in den Niederlanden beispielsweise stark in die klinische Entscheidungsfindung eingebunden, was von ihr erfordere, ihre Herangehensweise anzupassen und türkisch ausgebildete Kollegen zu ermutigen, diese Kompetenzen zu erwerben. Sie betonte die kontinuierliche berufliche Weiterentwicklung: „Seien Sie offen für neue Protokolle, neue Technologien und auch neue Wege der Kommunikation mit Patienten und Kollegen“, sagte sie. Auf diese Weise könnten sich auch nichtärztliche Fachkräfte weiterentwickeln und wertvolle Perspektiven aus ihrem Heimatland einbringen.

Dr. Burhan Cevik – Integration an deutschen Universitäten

Nach langjähriger Tätigkeit als Physiklehrer entwickelte Dr. Burhan Cevik später in seiner Karriere ein Interesse an Informationstechnologie und Informatik. Neben seiner Tätigkeit als Physiklehrer schloss er seinen Master und seine Promotion in diesen Bereichen ab. Bevor er die Türkei verlassen musste, arbeitete er bereits an einer Universität im Bereich Softwareentwicklung.

Dr. Cevik arbeitet in den Bereichen Virtual-Reality-Umgebungen, haptische Schnittstellen und Roboterarme. Aufgrund des Mangels an Wissenschaftlern mit Expertise in allen drei Bereichen in Deutschland erhielt er schnell Antworten auf seine vorherigen Bewerbungen. Im zweiten Bewerbungsverfahren unterzeichnete er einen Vertrag mit einer Hochschule, bei der er ein Vorstellungsgespräch hatte.

Später begann er, sich auf Projektbasis zu bewerben, und unterzeichnete nach seinem ersten Vertrag einen zweiten. Derzeit arbeitet er an einem von ihm selbst vorgeschlagenen Projekt, das mit rund 1,6 Millionen Euro gefördert wird. Dabei arbeitete er mit seiner Hochschule, zwei Unternehmen und einem Universitätsklinikum zusammen.

Aufgrund seiner Erfahrungen betonte er, wie wichtig es sei, Projektausschreibungen in Deutschland und der Europäischen Union zu prüfen und darauf basierend innovative und originelle Ideen zu entwickeln. Er betonte außerdem, dass die Zusammenfassung dieser Ideen in einem kurzen und klaren Text, der Austausch mit einem Professor des entsprechenden Fachgebiets an einer Universität und die klare Formulierung der eigenen Motivation äußerst wirksame Schritte zur Sicherung einer akademischen Stelle seien.

Dr. Cevik rät seinen Kollegen, nicht schüchtern zu sein und die Sprachbarriere nicht als unüberwindbare Hürde zu betrachten. Er ermutigt sie, die Sprache weiter zu lernen und sich gleichzeitig auf akademische Stellen zu bewerben, und nicht die Motivation zu verlieren, wenn sie negative Antworten erhalten. Er erklärte, dass er heute nicht in seiner jetzigen Position wäre, wenn er diesen Ansatz nicht selbst gewählt hätte.

Er betonte außerdem, dass die Zusammenfassung dieser Ideen in einem kurzen und klaren Text, der Austausch mit einem Professor des entsprechenden Fachgebiets an einer Universität oder Hochschule und die klare Formulierung der eigenen Motivation äußerst wirksame Schritte zur Sicherung einer akademischen Stelle seien.

Er wies darauf hin, dass die Aufnahme einer Stelle an einer Universität oder Hochschule auch Lehrmöglichkeiten für Wissenschaftler eröffne. In diesem Zusammenhang hat Dr. Cevik Backend- und Frontend-Vorlesungen für Bachelorstudierende gehalten und unterrichtet derzeit die Vorlesung „Haptische Schnittstellen“ für Masterstudierende.

„Trotz seiner Weichheit und Fließfähigkeit ist der Hauptgrund, warum ein Wassertropfen Marmor abtragen kann, sein ständiges Tropfen an derselben Stelle.“

Von der Säuberung zur Erneuerung: Gold wird im Exil nicht anlaufen

Seit 2016 wurden mehr als 7.000 Akademiker durch Notverordnungen von türkischen Universitäten entlassen – Teil einer umfassenderen politischen Säuberung, die Tausende von Karrieren und Leben zerstört hat. Dennoch zeigen die Geschichten des „Experience Sharing Meeting“, wie viele hochqualifizierte Menschen in ganz Europa erfolgreich ihr akademisches Leben wiederaufgebaut haben. Dank ihres Fachwissens, ihrer Belastbarkeit und Anpassungsfähigkeit haben sie sich neue Aufgaben in Forschung und Lehre gesichert und leisten oft einen Beitrag für ihre Gastländer, während sie gleichzeitig ihre akademischen Verbindungen zur Türkei aufrechterhielten. Ihre Erfolge verdeutlichen sowohl die Tragik der erzwungenen Abwanderung als auch das Potenzial für Erneuerung, wenn Talente durch Solidarität und Chancen gefördert werden.

Aus der Türkei migrierte Ärztinnen und Ärzte diskutierten auf dem 4. Ärztekongress über berufliche Zukunft und Solidarität

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Der 4. Ärztekongress, organisiert von der Medical Academy and Care e.V. (MAC, https://medical-academy-care.de/), fand am 26. und 27. Juli 2025 in Frankfurt statt und wurde von über 200 aus der Türkei migrierten Ärztinnen und Ärzten besucht. Die Veranstaltung unter dem Motto „Medizin kennt keine Grenzen – Brücken bauen und Zukunft gemeinsam gestalten“ beleuchtete zahlreiche Aspekte des beruflichen Werdegangs von eingewanderten Ärztinnen und Ärzten in Deutschland.

Der zweitägige Kongress behandelte in acht Modulen Dutzende von Themen. Der erste Tag konzentrierte sich auf die klinischen Erfahrungen der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland, das Verfahren zur Facharztausbildung, die Approbationsphasen, akademische Karrieremöglichkeiten, freiberufliche Tätigkeiten und alternative Beschäftigungsmöglichkeiten. Der zweite Tag konzentrierte sich auf die Rolle künstlicher Intelligenz in der Medizin, grundlegende Informationen zum Versicherungssystem, berufliche Integrationsprozesse und ethische Verantwortung.

Auf dem Kongress begannen Prof. Zekeriya Aktürk, Vorstandsmitglied von Academic Solidarity e.V., und die Forschungsgruppe „Academic Writing“ mit der Datenerhebung für eine Studie, die Migrationsprozesse unter Teilnehmenden mit quantitativen und qualitativen Methoden untersucht. Die Gruppe hatte ihre migrationsbezogenen Forschungsergebnisse bereits in verschiedenen wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht (https://ijmshr.com/uploads/pdf/archivepdf/2024/IJMSHR_398.pdf, https://www.amazon.de/-/en/Zekeriya-Akt%C3%BCrk-ebook/dp/B0D8GM89R2, https://opus.bibliothek.uni-augsburg.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/111889/file/111889.pdf).

Die Teilnehmer hatten zudem die Möglichkeit, sich beim Frühstück und Abendessen auszutauschen. Die technische Infrastruktur und das kulturelle Angebot des Kongresshotels machten die Veranstaltung zu einer Plattform nicht nur für wissenschaftliche, sondern auch für soziale Solidarität. Am Abend wurde ein Konzert unter der Leitung von Ersin Kilic dargeboten. Herr Kilic, der als Musik- und Deutschlehrer tätig ist, engagiert sich seit etwa sechs Jahren ehrenamtlich in der Sprachförderung, insbesondere in der Vorbereitung immigrierter Ärztinnen und Ärzte auf die Fachsprachprüfung. Für diese Veranstaltung stellte er eigens eine Band zusammen, die ausschließlich aus immigrierten, ehrenamtlich engagierten Musikliebhabern bestand – darunter drei Ärzte. Auch seine 13-jährige Tochter Beyzanur war Teil der Gruppe; sie spielte sowohl die Bağlama (ein traditionelles türkisches Saiteninstrument) als auch die Bendir (eine Rahmentrommel) (https://www.instagram.com/guel.zar).

Die Migration von Ärzten aus der Türkei nach Deutschland ist nicht mehr individuell, sondern massenhaft.

In den letzten Jahren hat die Migration von Ärzten aus der Türkei nach Deutschland Rekordwerte erreicht. Allein die Telegram-Gruppe „Ärzte in Deutschland“ (Almanya’da Doktorluk) zählt aktuell 11.844 Mitglieder. Diese Zahl zeigt, dass Migration keine individuelle Entscheidung mehr ist, sondern eine strukturelle Flucht.

Die Wirtschaftskrise in der Türkei, der zunehmende Druck auf das Gesundheitssystem und der durch die politische Polarisierung verursachte Burnout zählen zu den Hauptgründen für diese Migration. Nach Angaben der Türkischen Ärztekammer beantragten allein im Jahr 2023 2.685 Ärzte ein Führungszeugnis für eine Tätigkeit im Ausland – im Jahr 2012 waren es nur 59 (https://www.ttb.org.tr/haber_goster.php?Guid=86cb0d7a-822c-11ee-bc4d-13da0eb35bac).

Die „Lasst sie gehen“-Mentalität und die zahlenmäßige Realität des Zusammenbruchs

Präsident Recep Tayyip Erdoğans Aussage, die die Abwanderung von Ärzten im Jahr 2022 herunterspielte und mit den Worten „Wenn sie gehen, lasst sie gehen“ bekräftigte, wird von vielen Ärzten als Wendepunkt angesehen. Laut Daten des türkischen Statistikinstituts erreichte der Rückgang des jährlichen Realeinkommens von Ärzten im Jahr 2022 30 %. In einem Umfeld, in dem die Inflation selbst nach offiziellen Angaben 60 % erreicht, befinden sich Ärzte in einer Zwickmühle zwischen finanzieller Not und beruflicher Unzufriedenheit (https://www.cumhuriyet.com.tr/turkiye/secimden-sonra-yurtdisina-gitmek-icin-iyi-hal-belgesi-alan-doktor-sayisinda-rekor-2086732).

Inkompetenz, zunehmende Gewalt und politischer Druck machen die Ausübung der Medizin in der Türkei zudem unhaltbar. Viele Ärzte aus diesem Umfeld ziehen nach Deutschland, um dort nicht nur ein besseres Leben, sondern auch ein angeseheneres und ethisch fundierteres Berufsleben zu finden.

Die Bedeutung des Kongresses: Wissensaustausch, Moral und Solidarität

Der Kongress in Frankfurt war nicht nur für den Wissenstransfer von entscheidender Bedeutung, sondern auch für die Betreuung neuer Ärzte, die Vernetzung und die Stärkung der kollektiven Moral. Die bereitgestellten Informationen sind eine wichtige Orientierungshilfe, insbesondere für Ärzte, die sich in der Facharztausbildung oder Approbation befinden. Solche vom MAC organisierten Veranstaltungen tragen nicht nur zur Integration eingewanderter Ärzte in das deutsche Gesundheitssystem bei, sondern schaffen auch eine Art professionellen Widerstandsraum gegen den gesellschaftspolitischen Zusammenbruch, den die Türkei erlebt.

Die Ironie des Friedensnobelpreises: Netanjahus Nominierung für Trump

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Donald Trump wurde offiziell für den Friedensnobelpreis 2025 nominiert. Der Nominator ist ein umstrittener Politiker: der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu. Diese Nachricht löste in der Weltöffentlichkeit Schock und Wut aus. Trumps bisherige Politik, die eher polarisierte als Frieden brachte, und Netanjahus Status als Schlüsselfigur im anhaltenden Gaza-Krieg machen diese Nominierung zu einer tragikomischen Ironie.

Trumps Nominierung stellt Persönlichkeiten wie den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in den Schatten. Nachdem er die Kriegsanstrengungen geleitet, die Evakuierung von Millionen Zivilisten organisiert und die Versorgung von Flüchtlingen in Europa sichergestellt hatte, gilt Selenskyj weithin als wahrscheinlicher Kandidat für den Friedensnobelpreis. Seine Widerstandsfähigkeit, Solidarität und seine Rolle in der internationalen Diplomatie während des Ukraine-Krieges machten ihn zu einer symbolträchtigen Friedenskämpferin. Ein weiterer Name, der im Nominierungsprozess eine wichtige Rolle spielte, ist Francesca Albanese, die UN-Sonderberichterstatterin für Palästina. Ihre Berichterstattung und ihr diplomatisches Engagement, die Menschenrechtsverletzungen im Gazastreifen anprangerten, haben sie zu einer prominenten Friedenskämpferin im Kontext der Bürgerrechte und des Völkerrechts gemacht. Albaneses Arbeit erinnert uns an die Verantwortung nicht nur der Konfliktparteien, sondern auch der internationalen Gemeinschaft.

Und natürlich gibt es eine weitere Gruppe, die nicht vergessen werden sollte: diejenigen, die ihr Leben riskieren, um den Menschen in Gaza zu helfen. Die Mitarbeiter des Gesundheitswesens, die im Dienst blieben, während Krankenhäuser bombardiert wurden, Kinder aus den Trümmern retteten und behandelten, sind Pioniere der humanitären Hilfe und des Friedens in seiner reinsten Form.

Wenn es um Persönlichkeiten geht, die mit Krieg, Unterdrückung und Diskriminierung in Verbindung gebracht werden, wird die eigentliche Bedeutung des Friedenspreises fragwürdig. Donald Trumps Nominierung für den Nobelpreis wirft die Frage auf, ob dieser prestigeträchtige Preis der politischen Instrumentalisierung geopfert wurde. Darüber hinaus weckt die Tatsache, dass der Vorschlag von Netanjahu selbst kam, den Verdacht, dass dieser Schritt eher ein Propagandainstrument als eine Botschaft des Friedens ist.

Die Entscheidung des Nobelkomitees wird nicht nur eine Einzelperson ehren; Es wird auch eine starke Botschaft an die Welt senden, was Frieden ist und wer ihn vertritt. Der einzige Weg, dem Geist des Nobelpreises treu zu bleiben, besteht darin, Persönlichkeiten auszuzeichnen, die sich aufrichtig für Frieden einsetzen, die Menschenrechte verteidigen und für Solidarität statt für Krieg eintreten.

Der Friedensnobelpreis wurde 1895 durch das Testament des schwedischen Chemikers und Industriellen Alfred Nobel ins Leben gerufen. Nobel hatte als Erfinder des Dynamits ein riesiges Vermögen angehäuft, doch der Einsatz dieser Erfindung zu Zerstörungszwecken beunruhigte ihn. In seinem Testament verfügte er die Einrichtung einer Reihe von Preisen, die jährlich an Personen verliehen werden sollten, die sich um die Menschheit besonders verdient gemacht haben. In diesem Zusammenhang würdigt der Friedensnobelpreis Personen und Organisationen, die zur Verhinderung oder Reduzierung von Kriegen beitragen. Er wurde erstmals 1901 verliehen.

Der 15. Juli jährt sich zum neunten Mal, doch das türkische Volk hat noch immer nicht gesagt: „Nie wieder!“

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Neun Jahre sind seit dem Putschversuch vom 15. Juli vergangen. Nach diesem Ereignis, das Erdoğan als „Segen Gottes“ bezeichnete, führten der in der Türkei verhängte Ausnahmezustand und die darauffolgenden gesetzlichen Erlasse zur Entlassung oder Ausweisung von rund 200.000 Beamten. Millionen von Studierenden und Bürgern waren unter den Opfern. Die Auswirkungen dieser Maßnahmen auf die akademische Welt waren noch schwerwiegender.

Zwischen 2016 und 2018 wurden über 8.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an öffentlichen Universitäten entlassen, das entspricht etwa 5,7 % aller Professorinnen und Professoren. Die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit nahm spürbar ab; die Zahl der Veröffentlichungen sank um 20–30 %, und viele Dissertationen wurden annulliert.

Die akademische Welt erlitt durch die gesetzlichen Erlasse nicht nur individuelle, sondern auch kollektive Verwüstungen:

  • 6.081 Akademiker wurden vom Hochschulrat entlassen.
  • Gegen die meisten der 2.212 Unterzeichner der Petition „Academics for Peace“ wurden während des Ausnahmezustands Ermittlungen eingeleitet.
  • 1.577 Dekane mussten zurücktreten, und zahlreiche Fakultäts- und Verwaltungsmitarbeiter sahen sich disziplinarischen Ermittlungen ausgesetzt.
  • Es wurden Selbstmorde unter aus dem öffentlichen Dienst entlassenen Akademikern gemeldet.

„Nie wieder!“

Der Satz „Nie wieder!“ hat sich nach totalitären Regimen und massiven Menschenrechtsverletzungen im Laufe der Geschichte ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Besonders in Deutschland ist dieser Satz nach dem Nationalsozialismus mit dem Slogan „Nie wieder!“ in Erinnerung geblieben: Nie wieder dürfen staatlich sanktionierte Ungerechtigkeiten, die Unterdrückung der Wissenschaft und die Unterdrückung der Meinungsfreiheit toleriert werden. Doch in den neun Jahren seit dem 15. Juli hat die Türkei es versäumt, diesen Aufruf zu verinnerlichen. Anstatt „Nie wieder!“ zu rufen, erleben wir eine Zeit, in der das gesellschaftliche und akademische Gedächtnis systematisch unterdrückt, kritische Stimmen neutralisiert und alternative Ansichten kriminalisiert werden.

Die Wissenschaft ist das intellektuelle Gewissen und der Kompass einer Gesellschaft. In der Türkei ist dieser Kompass jedoch stark verzerrt. Die akademischen Freiheiten sind brüchig geworden, die wissenschaftliche Produktion hat an Dynamik verloren, und die internationale Zusammenarbeit ist geschwächt. Opfer gesetzlicher Erlasse können ihre Verteidigungsrechte nach wie vor nicht wahrnehmen und werden daran gehindert, ihre wissenschaftliche Arbeit wieder aufzunehmen. Viele Akademiker, isoliert von ihren Kollegen im Ausland, sind zu Einsamkeit und Armut verdammt. Dieser Prozess hat nicht nur zu individuellem, sondern auch zu kollektivem Gedächtnisverlust geführt.

Um diese Situation umzukehren, ist eine erneuerte Akzeptanz von Recht, Menschenrechten und wissenschaftlichen ethischen Prinzipien notwendig. Die akademische Zukunft der Türkei kann nur in einem Umfeld gedeihen, in dem Meinungsfreiheit gewährleistet, Leistung priorisiert und kritisches Denken nicht bestraft wird. Die Wiederherstellung der durch internationale akademische Netzwerke geschaffenen Brücken, die Stärkung der Kultur der akademischen Solidarität und die Auseinandersetzung mit vergangenen Missständen bilden die Eckpfeiler dieses Wiederaufbaus.

An diesem Jahrestag muss die Türkei nicht nur mit der Vergangenheit aufarbeiten, sondern auch ihre Entschlossenheit für eine gerechtere, freiere und produktivere Zukunft unter Beweis stellen. Es ist noch nicht zu spät, „Nie wieder“ zu sagen – aber die Zeit läuft schnell davon.

Zugang zu Wissen oder Urheberrechtsverletzung? Der globale Wissenschaftskrieg um Sci-Hub und LibGen

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Der Zugang zu wissenschaftlichen Artikeln und Büchern ist für Millionen von Studierenden, Forschenden und unabhängigen Wissenschaftlern weltweit nach wie vor ein Luxus. Die teuren Abonnementsysteme großer Verlage wie Elsevier, Wiley und Springer schränken die wissenschaftliche Produktion und Lehre stark ein, insbesondere in Entwicklungsländern. In diesem Umfeld entstandene „illegale Open-Access“-Plattformen wie Sci-Hub und Library Genesis (LibGen) sind zu Symbolen des freien Zugangs zu Informationen geworden und stehen gleichzeitig im Zentrum der Urheberrechtsdebatte.

Sci-Hub (https://sci-hub.se oder alternative Mirrors): Gegründet 2011 von der kasachischen Softwareentwicklerin und Neurowissenschaftlerin Alexandra Elbakyan. Bietet kostenlosen Zugang zu wissenschaftlichen Artikeln.

LibGen / BookSC: Ein Open-Access-Repository mit einer großen Auswahl an PDF-Dateien, von wissenschaftlichen Büchern bis hin zu Lehrbüchern. Nutzer wählen diese Portale häufig, um kostenlos auf wissenschaftliche Publikationen zuzugreifen.

Diese Seiten wurden bereits mehrfach geschlossen oder durch Gerichtsbeschlüsse gesperrt. Dennoch gelang es ihnen, immer wieder mit neuen Domains zurückzukehren. Die Server von Sci-Hub wurden in Länder wie Russland, die Niederlande, Schweden und zuletzt Ecuador verlegt. Die Mirrors von LibGen sind weiterhin über das Tor-Netzwerk oder alternative Domains erreichbar.

US-Verlage haben Klagen in Milliardenhöhe gegen Sci-Hub eingereicht. 2017 gewann Elsevier eine Klage gegen Sci-Hub und erhielt 15 Millionen Dollar Schadensersatz. Die Website blieb jedoch weiterhin aktiv.

Piraterie oder akademische Solidarität?

Diese Plattformen verstoßen eindeutig gegen Urheberrechte. Ihre Unterstützer verteidigen diesen Verstoß jedoch als ethische Herausforderung. Hier sind einige gängige Begründungen:

  1. Öffentlich finanzierte Informationen sollten öffentlich sein: „Warum sollte steuerfinanzierte Forschung erneut bezahlt werden müssen?“
  2. Eine Lebensader für Entwicklungsländer: Sci-Hub kann die einzige Quelle für Einzelpersonen ohne institutionellen Zugang sein.
  3. Überhöhte Gewinnspannen der Verlage: Es ist ungerecht, dass Wissenschaftler mit kostenlos verfassten und rezensierten Inhalten hohe Gewinne erzielen.

Andererseits argumentieren viele Wissenschaftler und Verlagsvertreter, dass Urheberrechtsverletzungen dem wissenschaftlichen Ökosystem schaden und die Qualität des Publizierens beeinträchtigen.

Im Jahr 2021 berichtete die Zeitschrift Science, dass mehr als 70 % der 28 Millionen Downloadanfragen an Sci-Hub aus Ländern wie China, Indien, Indonesien, Iran, Brasilien, Ägypten und der Türkei stammten (https://datadryad.org/dataset/doi%3A10.5061/dryad.q447c).

Laut einer Analyse von Nature aus dem Jahr 2016 stammen 25 % der Sci-Hub-Nutzer von Universitäten mit institutionellem Zugang. Dies deutet darauf hin, dass Geschwindigkeit und nicht der Zugang ebenfalls ein Motiv ist (https://www.nature.com/nature-index/news/early-career-researchers-herald-change).

In vielen Ländern werden Open-Access-Plattformen (arXiv, PubMed Central, DOAJ) unterstützt, doch viele aktuelle Publikationen sind noch immer kostenpflichtig. Initiativen wie Plan S versuchen, öffentlich finanzierte Forschung in den Open Access zu zwingen.

In der Türkei ist der Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen trotz Maßnahmen wie dem Nationalen Dissertationszentrum des Hochschulrats nach wie vor eingeschränkt. Dies erhöht den Bedarf an Ressourcen wie Sci-Hub.

Sci-Hub und LibGen sind Symptome eines viel tiefer liegenden Problems, das über das Urheberrecht hinausgeht: Ohne fairen Zugang zu Informationen herrscht in der Wissenschaft Ungleichbehandlung. Diese Plattformen sind zwar nicht legal, doch ihre Existenz wirft eine ethische Frage auf: Wem gehören Informationen?

Die stille Revolution im Informationszugang: Afrikanische Universitäten setzen auf Open Science

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Wissenschaftliche Informationen, die in vielen Teilen der Welt noch immer über hohe Abonnementgebühren zugänglich sind, werden von einigen Universitäten in Afrika nach den Prinzipien des „Open Access“ demokratisiert. Pioniereinrichtungen in Ländern wie Südafrika, Kenia, Nigeria und Senegal entwickeln ein neues Verständnis des wissenschaftlichen Publizierens im Gegensatz zu traditionellen Verlagsmonopolen. Diese Entwicklung betrifft nicht nur den afrikanischen Kontinent, sondern alle Länder, in denen der Zugang zu Informationen eingeschränkt ist.

Das von großen Verlagen wie Elsevier, Springer Nature und Wiley geschaffene System erschwert oft selbst Universitäten mit begrenztem Budget den Zugang zu Forschungsergebnissen. Forschende zahlen eine Gebühr für die Veröffentlichung ihrer Artikel und müssen anschließend erneut für den Zugriff auf diese Inhalte zahlen.

Einige Universitäten und Forschungsorganisationen in Afrika, die sich von dieser Struktur gelöst haben, haben Open-Access-Richtlinien eingeführt und setzen damit sowohl für ihre Studierenden als auch für die globale Wissenschaft ein Vorbild.

Wegweisende Institutionen und Initiativen

  • Universität Kapstadt (Südafrika): Im Jahr 2023 entwickelte sie eine Richtlinie, die wissenschaftliche Mitarbeiter ermutigt, ihre Publikationen in Open-Access-Zeitschriften zu veröffentlichen. Die Universität hat Hunderte von Master- und Doktorarbeiten über ihr Open-Access-Repository OpenUCT (https://open.uct.ac.za/) öffentlich zugänglich gemacht.
  • Universität Nairobi (Kenia): Sie hat Tausende von wissenschaftlichen Publikationen über das seit 2021 aktive digitale Repository der UoN (https://erepository.uonbi.ac.ke/) Open Access zugänglich gemacht. Die Universität konnte außerdem ihre Ausgaben für Verlage wie Elsevier und Springer um 40 % senken.
  • SPARC Africa (https://sparcopen.org/): Dieses Netzwerk, das Open-Access-Bewegungen in Afrika unterstützt, fördert gemeinsam mit SPARC Global die Entwicklung von Open-Science-Richtlinien. Viele Universitäten aus Ländern wie Nigeria, Senegal und Uganda sind Teil des Netzwerks.
  • UNESCO-Empfehlung für Open Science (2021): Viele afrikanische Länder sind diesem globalen Dokument beigetreten und haben begonnen, auf nationaler Ebene Open-Science-Richtlinien zu entwickeln. In diesem Zusammenhang soll wissenschaftliche Daten und Publikationen so zugänglich wie möglich gemacht werden (https://www.unesco.org/en/open-science).

Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Entwicklungsländern haben keinen Zugang zu der Literatur, die die Grundlage ihrer Forschung bildet. Diese Situation verstärkt zwar die wissenschaftliche Ungleichheit, doch die Erfahrungen von Universitäten, die mit Open-Access-Modellen arbeiten, bieten eine wichtige Inspirationsquelle.

Obwohl in der Türkei in den letzten Jahren durch das Nationale Dissertationszentrum (https://tez.yok.gov.tr/UlusalTezMerkezi/) und institutionelle Open-Access-Archive des Hochschulrats einige Schritte unternommen wurden, besteht der Zugang zu internationalen Publikationen nach wie vor erheblich. Beispiele aus Afrika zeigen, dass in diesem Bereich mutigere und systematischere Schritte möglich sind.

Eine der markantesten Initiativen gegen profitorientierte Verlagsriesen ist „Plan S“ (https://www.coalition-s.org/). Dieser von europäischen Geldgebern unterstützte Plan zielt darauf ab, die Open-Access-Veröffentlichung aller mit öffentlichen Mitteln geförderten Forschungsarbeiten verbindlich vorzuschreiben. Einige afrikanische Länder haben ihre Unterstützung für diese Initiative erklärt.

Darüber hinaus spielen Open-Access-Plattformen wie das Directory of Open Access Journals (DOAJ, https://doaj.org/) und AfricArXiv (https://info.africarxiv.org/) eine wichtige Rolle dabei, wissenschaftliche Produktionen aus Afrika international bekannt zu machen.

Die Idee, dass der Zugang zu wissenschaftlichem Wissen ein globales Recht sein sollte, nimmt in Afrika mit einer wachsenden akademischen Bewegung Gestalt an. Diese Bewegung trägt nicht nur zur Entwicklung des Kontinents bei, sondern zeigt auch, dass Alternativen zum ausbeuterischen Publikationssystem möglich sind.

Der Durchbruch von Wissensmonopolen liegt nicht nur in der Verantwortung und im Interesse Afrikas, sondern aller Entwicklungsländer.