Was viele zur Migration zwang, war nicht ein besseres Gehalt, sondern unrechtmäßige Entlassungen, Passannullierungen, Drohungen mit Verhaftung, Arbeitsplatzverlust, soziale Ausgrenzung und tiefe Angst um die Zukunft ihrer Kinder.
Manche Diskussionen über Migration betonen, dass die Vertreibung von Menschen eher mit wirtschaftlichen Entwicklungen und langfristigen sozialen Veränderungen als mit plötzlichen Krisen zusammenhängt. Dieser Ansatz ist sicherlich wertvoll, um einige Aspekte globaler Migrationsbewegungen zu verstehen. Menschen ziehen zwischen Ländern hin und her, um zu arbeiten, zu studieren, ihre Familie wiederzusehen oder bessere Lebensbedingungen zu finden. Diese Erklärung sollte jedoch eine der drängendsten Realitäten unserer Zeit nicht verschleiern: Millionen von Menschen in der heutigen Welt migrieren nicht; sie werden zwangsweise vertrieben (https://www.welt.de/wissenschaft/article6a2fb2dd0611b9299a15580d/migration-eher-von-wirtschaftlicher-entwicklung-angetrieben-als-von-ploetzlichen-isolierten-krisen.html).
Weltweit lag die Zahl der internationalen Migranten 1990 bei etwa 160 Millionen, während sie 2024 auf 304 Millionen stieg. Das ist fast eine Verdopplung. Betrachtet man den Anteil der Migranten an der Weltbevölkerung, so stieg dieser von etwa 2,9–3,0 % im Jahr 1990 auf 3,7 % im Jahr 2024 (https://www.migrationdataportal.org/themes/international-migrant-stocks-overview). Während die überwiegende Mehrheit der Migranten (ca. 60 %) aus Arbeitsgründen migriert, wird der Anteil der Menschen mit erzwungener grenzüberschreitender Migration bzw. Flüchtlingsstatus auf rund 17 % geschätzt (die verbleibenden ca. 23 % migrieren aus verschiedenen Gründen, z. B. Familienzusammenführung und Ausbildung) (https://www.unhcr.org/global-trends-report-2024).
Erzwungene Migration ist oft eine Überlebensstrategie, keine wirtschaftliche Entscheidung. Akademiker, Lehrer, Ärzte, Anwälte und Angestellte im öffentlichen Dienst, die gezwungen waren, die Türkei unter Erdoğan zu verlassen, taten dies nicht aus dem Wunsch nach einem höheren Einkommen. Viele genossen in ihren Heimatländern hohes berufliches Ansehen, waren wirtschaftlich relativ abgesichert und gesellschaftlich etabliert. Was sie zur Migration trieb, war nicht ein höheres Gehalt; die Ziele umfassten unrechtmäßige Ausweisungen, Passentzug, Verhaftungsdrohungen, Karrierezerstörung, soziale Ausgrenzung und tiefe Angst um die Zukunft ihrer Kinder (https://turkeypurge.org/ https://www.statista.com/chart/5333/the-targets-of-erdogans-purge/).
Dasselbe gilt für Frauen, Akademiker, Journalisten und ehemalige Beamte, die aus dem von den Taliban kontrollierten Afghanistan fliehen. Millionen von Menschen, die aus Syrien, dem Sudan, der Ukraine, Myanmar oder anderen Konfliktgebieten fliehen, suchen oft nicht nach wirtschaftlichen Chancen; sie fliehen vor Bomben, Unterdrückung, willkürlicher Gewalt, Staatszerfall oder systematischen Menschenrechtsverletzungen. Daher ignoriert die Erklärung der Zwangsmigration allein durch Theorien der wirtschaftlichen Entwicklung die politische und moralische Realität der Opfer. Heute übersteigt die Zahl der weltweit gewaltsam Vertriebenen 100 Millionen. Diese Zahl ist nicht nur eine Statistik; Es ist die Summe zerbrochener Familien, abgebrochener Ausbildungen, zum Schweigen gebrachter akademischer Stimmen, unterbrochener Karrieren und Leben in Ungewissheit. Viele Vertriebene suchen noch immer Schutz in ihren Heimatländern; Millionen weitere versuchen, sich in anderen Ländern mit Flüchtlings-, Asyl- oder vorübergehendem Schutzstatus ein neues Leben aufzubauen (https://www.unhcr.org/hk/en/about-unhcr/overview/figures-glance).
Die Auswirkungen der Vertreibung sind in der akademischen Welt noch gravierender. Die Vertreibung eines Wissenschaftlers aus seinem Heimatland ist nicht nur eine individuelle Tragödie, sondern auch ein schwerer Schlag für das kollektive Gedächtnis, das kritische Denken und die wissenschaftliche Produktivität der Gesellschaft. Wenn Universitäten zum Schweigen gebracht werden, verlieren nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Studierende, Institutionen und zukünftige Generationen. Die Zerstörung der akademischen Freiheit bedeutet, die intellektuellen Lebensadern einer Nation zu durchtrennen. Daher ist Migration für Academic Solidarity nicht nur eine Frage humanitärer Hilfe oder Integration. Es handelt sich dabei auch um einen fundamentalen Bereich der Solidarität im Hinblick auf akademische Freiheit, Menschenwürde und die Zukunft demokratischer Gesellschaften. Die Geschichten von zwangsweise vertriebenen Akademikern verdeutlichen, dass Migration keine freie Wahl ist, sondern der letzte Ausweg, um die eigene Würde, den eigenen Beruf und die eigene Freiheit zu schützen. Natürlich spielen wirtschaftliche Gründe eine bedeutende Rolle bei globalen Migrationsbewegungen. Doch Zwangsmigration mit Wirtschaftsmigration gleichzusetzen, wäre sowohl analytisch als auch moralisch falsch. Wirtschaftsmigration wird oft vom Wunsch nach besseren Chancen angetrieben. Zwangsmigration hingegen ist oft der letzte Ausweg: Flucht, Überleben und Neuanfang.
Was wir heute brauchen, ist keine Sprache, die Migranten und Flüchtlinge lediglich als Zahlen, Belastungen oder Sicherheitsprobleme betrachtet, sondern eine Sprache der Solidarität, die ihr Wissen, ihre Erfahrungen, ihre Berufe und ihre persönlichen Schicksale sichtbar macht. Akademische Solidarität muss gestärkt werden, indem man den zum Schweigen gebrachten Stimmen Gehör verschafft, die Arbeit der Vertriebenen sichtbar macht und neue intellektuelle Räume für Wissenschaftler eröffnet, die ihre Freiheit verloren haben. Wir können die wirtschaftlichen Dynamiken der Migration diskutieren. Doch im Kern der Zwangsmigration steht oft nicht die Wirtschaft, sondern die Freiheit. Und Solidarität mit denen zu zeigen, denen die Freiheit genommen wurde, ist nicht nur eine humanitäre Pflicht, sondern auch der Daseinsgrund der akademischen Welt.